Die Medienpolitik der Besatzungsmächte

Zeitstrahl

Nach der bedingungslosen Kapitulation des „Dritten Reichs“ teilten die alliierten Streitkräfte Deutschland in vier Besatzungszonen auf. Berlin wurde zur „Vier-Sektoren-Stadt“ und unter die gemeinsame Verwaltung eines „Alliierten Kontrollrats“ gestellt.

Die Siegermächte gingen sofort daran, ihre Anordnungen der Bevölkerung bekannt zu machen. Sie gaben zunächst zwei- oder vierseitige Heeresgruppen-Mitteilungsblätter heraus.

Ein Sonderfall waren die Aachener Nachrichten. Aachen war bereits im Oktober 1944 von den alliierten Truppen besetzt worden. So konnten bereits am 24. Januar 1945 die Aachener Nachrichten als Zeitung der Psychological Warfare Division, der psychologischen Kriegsführung, herausgegeben werden. Wichtiger Mitarbeiter war der jüdische Emigrant und US-AbwehroffizierHans Habe. Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde der sozialdemokratische Drucker Heinrich Hollands Herausgeber dieser Zeitung und ab 27. Juni 1945 Lizenzträger dieser „Ersten neudeutschen Zeitung“.

Über die Geschäftsführende Deutsche Reichsregierung unter Admiral Dönitz, das so genannte Vierte Reich vom 9. bis 23. Mai 1945, veröffentlichte das Flensburger Tageblatt vom 9. bis  23. Mai 2015, also 70 Jahre danach, eine aufschlussreiche zwölfteilige Serie über jene besagten 12 Tage:

  • Wie die „Stunde Null“ vor 70 Jahren im Norden ein Nachspiel hatte PDF Folge 1
  • Das Ende des Dritten Reiches in der Enklave Flensburg PDF Folge2 
  • Das „Dritte Reich“ liegt in den letzten Zügen – die Schergen machen sich aus dem Staub PDF Folge 3
  • Himmlers Flucht – Zivilkleidung, Augenklappe, neuer Name PDF Folge 4
  • Noch nach der Kapitulation fällt die NS-Militärjustiz Todesurteile. Und Dönitz lässt sie vollstrecken. PDF Folge 5
  • Die Rückkehr zehntausender KZ-Häftlinge nach Dänemark PDF Folge 6
  • Deutsche Kriegsverbrecher im Lager Fröslee in Dänemark PDF Folge 7
  • Auf dem „Friedenshügel“ liegen Täter und Opfer begraben PDF Folge 8
  • Selbstversenkung von Kriegsschiffen in der Ostsee PDF Folge 9
  • Jagd auf Ausschwitz-Kommandant Rudolf Höß und wie er 1946 aufgespürt wurde PDF Folge 10
  • Die Eckernförder Bucht im Bombenhagel PDF Folge 11
  • Das Ende der Reichsregierung Dönitz als Medienereignis PDF Folge 12

Schnell allerdings reagierten die Sowjets, die schon am 21. Mai 1945 die erste Ausgabe der Berliner Zeitung als vierseitiges Regional-Blatt für Ost-Berlin starteten. Die Redaktion bestand aus sowjetischen Offizieren, ehemaligen Widerstandskämpfern und KPD-Mitgliedern. Erster Chefredakteur war ein Oberst der Sowjet-Armee. Ab Juli 1945 war Rudolf Herrnstadt Chefredakteur, ein ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Tageblatts und Agent des russischen Auslandgeheimdienstes. Daneben erteilten die Sowjets Lizenzen für KPD- und SPD-nahe Zeitungen wie die Deutsche Volkszeitung (am 13.6.1945) oder Das Volk (am 7.7.1945)

Sowie für Parteiblätter in verschiedenen Regionen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)

Die erste Ausgabe der Neue Zeit (das Blatt der Ost-CDU) erschien am 22.7.1945.

Die Amerikaner lizensierten am 1. August 1945 die Frankfurter Rundschau als erste Zeitung für ihre Besatzungszone und damit als dritte Vollzeitung im besetzten Deutschland. Ihre Neue Zeitung (NZ) erschien - als „amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“ - ab 17. Oktober 1945 und wurde von der Information Control Division für die amerikanische Besatzungszone herausgegeben. Es gab drei Ausgaben: in Frankfurt, München und Berlin. Sie sollten die re-education, die Umerziehung der Deutschen vorantreiben. Chefredakteur war zeitweise Hans HabeRobert Lembke leitete das Ressort Innenpolitik, Erich Kästnerwar Feuilletonchef. In Berlin setzte man weitere Akzente, dort leitete etwa Friedrich Luft das Feuilleton.

Ähnlich gedacht war DIE WELT als Organ der britischen Besatzungsbehörden, geplant nach dem Vorbild der ehrwürdigen Times. Sie kam am 2. April 1946 auf den Markt.

Ansonsten vergaben die Engländer zunächst Lizenzen für Parteirichtungs-Zeitungen, um so den Demokratisierungsprozess in Gang zu setzen. In Hamburg beispielsweise erschienen die Hamburger Allgemeine Zeitung (HAZ) als Organ der CDU, dasHamburger Echo (HE) der SPD, die Hamburger Freie Presse (HFP) der FDP und die Hamburger Volkszeitung (HV) der KPD. Sie alle kamen ebenfalls Anfang April 1946 auf den Markt. Ab 1947 wurde auch noch die Niederdeutsche Zeitung (NDZ) der DP in Hamburg verlegt und gedruckt.

Die Briten waren über ihre Lizenzvergabe an parteinahe Lizenzträger allerdings bald enttäuscht, denn diese Blätter berichteten fast ausschließlich über ihre Parteien und das oft genug kritiklos, ja beschönigend. Attackiert wurden nur die anderen Parteien.

Die erste Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien am 21. Februar 1946 in Hamburg. Als liberale und kritische Stimme auch gegenüber den Besatzungsmächten hatte sie sich sehr schnell eine treue Leserschaft erschlossen.

In der französischen Besatzungszone erschien am 8. August 1945 das Badener Tageblatt als erste Lizenzzeitung, gefolgt von der Saarbrücker Zeitung am 27.8. und dem Konstanzer Südkurier am 7.9.1945.

Am 21. September 1949, vier Monate nach Gründung der Bundesrepublik, endete die Lizenzpflicht in Westdeutschland. In der DDR blieb sie bis zur Wende im Jahr 1989 bestehen.

(HHB)

 

Literaturhinweise:

Koszyk, Kurt (1986): Pressepolitik für Deutsche. Geschichte der deutschen Presse / Teil 4; Colloquium Verlag, Berlin

Gossel, Daniel A. (1993); Die Hamburger Presse nach dem Zweiten Weltkrieg; Verein für Hamburgische Geschichte, Band 45

Hachmeister, Lutz/Siering, Friedemann (2002): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945; C.H. Beck Verlag, München