Adolf Grimme

Adolf Grimme wurde am 31. Dezember 1889 als Sohn des Bahnhofvorstehers in Goslar geboren. Nach der Volksschule in Weferlingen besuchte er Gymnasien in Sangershausen und Hildesheim. Nach dem Abitur studierte er von 1908 bis 1914 Philosophie und Germanistik in Halle, München und Göttingen. Nach der Zeit als Studienassessor in Leer wurde er 1919 Studienrat in Hannover. Dort trat er 1922 in die SPD ein. Außerdem wurde er Mitglied im „Bund Entschiedener Schulreformer“, der das Erziehungs- und Bildungswesen umfassend erneuern wollte. Die unsozial gegliederten ständischen Kastenschulen sollten in Richtung Gemeinschaftsschulen modernisiert, die früheren Paukschulen von veralteten Unterrichtsinhalten befreit werden. Bereits 1923 wurde Grimme Oberstudienrat und 1925 Oberschulrat für höhere Mädchenschulen in Magdeburg.

1928 wurde er Ministerialrat im Preußischen Kultusministerium und amtierte ab Januar 1930 als letzter Kultusminister einer demokratisch gewählten Staatsregierung in Preußen. Bis er im Juli 1932 abgesetzt wurde, nach dem sogenannten „Preußenschlag“ der Reichsregierung von Papen gegen den preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Noch bis 1933 gehörte er als SPD-Abgeordneter dem Preußischen Landtag an.

 

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Adolf Grimme emigrierte nicht, sondern lebte während der NS-Zeit in bedrängten wirtschaftlichen Verhältnissen und schlug sich als Korrektor im Walter de Gruyter Verlag durch. Durch seinen Studienfreund Adam Kuckhoff, der 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, hatte er losen Kontakt zur kommunistischen Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Obwohl er der nicht angehörte, wurden er und seine Frau Mascha 1942 nach einer Hausdurchsuchung von der Gestapo verhaftet. Sie wurde mangels Beweisen freigesprochen; er wurde wegen eines nicht angezeigten versuchten Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Mai 1945 befreiten ihn die Briten aus dem Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel.

Die britische Besatzungsmacht machte ihn zum Leiter der „Abteilung für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung“ im Oberpräsidium der Provinz Hannover. 1946 wurde er Beauftragter für das Erziehungswesen in der Britischen Zone. Nach Bildung des Landes Niedersachsen war er von November 1946 bis September 1948 erster niedersächsischer Kultusminister der damaligen Regierung von Hinrich Wilhelm Kopf. Er setzte sich mit ganzer Kraft dafür ein, das Schul- und Volksbildungswesens wieder aufzubauen und die Einrichtungen für Wissenschaft und Kunst neu zu organisieren.

Als Kultusminister wurde er Mitglied im siebenköpfigen Verwaltungsrat des NWDR Nordwestdeutschen Rundfunks und im Mai 1948 zu dessen Vorsitzenden gewählt. Im September wurde er Generaldirektor dieser damals größten und ersten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nach Vorbild der BBC, die bis dato von einem britischen Kontrolloffizier geleitet worden war. Bei seinem Amtsantritt am 15. November 1948 hielt er eine bemerkenswerte Rede über „Das Ethos des Rundfunks“. Darin sprach er über die neuen Aufgaben des Rundfunks, der nun als Kompass herausführen sollte aus der geistigen Irrfahrt in den Jahren der gleichgeschalteten Propaganda-Indoktrination, die damals von den sogenannten „Goebbels-Schnauzen“, den Volksempfängern verbreitet wurde. Jetzt sollte der NWDR als autonome Rundfunkanstalt „in voller Unabhängigkeit von Einflüssen des Staates und parteipolitischen Richtungen“ betrieben werden und wieder Orientierung vermitteln. Festgelegt in der „Verordnung 118“ der Militärregierung mit entsprechender Satzung für den Nordwestdeutschen Rundfunk. Grimme wollte dabei den Willen zur Qualität im Auge behalten und nicht in eine vordergründige Jagd nach Popularität verfallen. Heute würde man wohl von Programmgestaltung jenseits der Quote sprechen.

Generaldirektor des NWDR blieb Grimme bis zum Jahresende 1955, bis der NWDR in einen NDR und WDR aufgeteilt wurde. In diesen Jahren musste er zahlreiche Konflikte bestehen, auch politischen Druck von außen. Immer wieder wehrte er rundfunkpolitische Pläne der Regierung Adenauer ab und verteidigte die journalistische Freiheit der Mitarbeiter des Senders. Ziel Adenauers war es damals, nach früherem Vorbild wieder direkt auf den Rundfunk zugreifen zu können. Aber auch Sender-intern kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, vor allem wegen der notwendigen Schaffung einer allerdings recht bürokratischen Verwaltungsstruktur. Denn für die Programme selber war der Generaldirektor nicht zuständig, das waren die Intendanten der einzelnen Funkhäuser in Hamburg mit Studios in Oldenburg und Flensburg, und in Köln mit Studios in Düsseldorf, Dortmund und Bonn, in Hannover und bis 1954 auch in West-Berlin. Im Verlauf solcher Streitigkeiten verließen damals profilierte Journalisten wie Axel Eggebrecht den Sender.

An seinem 66. Geburtstag, Sylvester 1955, ging Adolf Grimme in Pension. Er starb am 27. August 1963 in Degerndorf, heute Brannenburg am Inn.

Seit 1964 wird jährlich der nach ihm benannte Grimme-Preis für qualitativ herausragende Fernsehsendungen sowie seit 2001 der Grimme Online Award für vorbildliche Internet-Auftritte und -Portale verliehen.

 

Hans-Ulrich Wagner: Adolf Grimme - Kulturpolitiker und Generaldirektor des NWDR

 

Bücher:

Kai Burkhardt: Adolf Grimme. Eine Biographie; Böhlau Verlag Köln/Weimar, 2007