Adolf Grimme

Adolf Grimme wurde am 31. Dezember 1889 als Sohn des Bahnhofvorstehers in Goslar geboren. Nach der Volksschule in Weferlingen besuchte er Gymnasien in Sangershausen und Hildesheim. Nach dem Abitur studierte er von 1908 bis 1914 Philosophie und Germanistik in Halle, München und Göttingen. Nach der Zeit als Studienassessor in Leer wurde er 1919 Studienrat in Hannover. Dort trat er 1922 in die SPD ein. Außerdem wurde er Mitglied im „Bund Entschiedener Schulreformer“, der das Erziehungs- und Bildungswesen umfassend erneuern wollte. Die unsozial gegliederten ständischen Kastenschulen sollten in Richtung Gemeinschaftsschulen modernisiert, die früheren Paukschulen von veralteten Unterrichtsinhalten befreit werden. Bereits 1923 wurde Grimme Oberstudienrat und 1925 Oberschulrat für höhere Mädchenschulen in Magdeburg.

1928 wurde er Ministerialrat im Preußischen Kultusministerium und amtierte ab Januar 1930 als letzter Kultusminister einer demokratisch gewählten Staatsregierung in Preußen. Bis er im Juli 1932 abgesetzt wurde, nach dem sogenannten „Preußenschlag“ der Reichsregierung von Papen gegen den preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Noch bis 1933 gehörte er als SPD-Abgeordneter dem Preußischen Landtag an.

 

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Adolf Grimme emigrierte nicht, sondern lebte während der NS-Zeit in bedrängten wirtschaftlichen Verhältnissen und schlug sich als Korrektor im Walter de Gruyter Verlag durch. Durch seinen Studienfreund Adam Kuckhoff, der 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, hatte er losen Kontakt zur kommunistischen Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Obwohl er der nicht angehörte, wurden er und seine Frau Mascha 1942 nach einer Hausdurchsuchung von der Gestapo verhaftet. Sie wurde mangels Beweisen freigesprochen; er wurde wegen eines nicht angezeigten versuchten Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Mai 1945 befreiten ihn die Briten aus dem Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel.

Die britische Besatzungsmacht machte ihn zum Leiter der „Abteilung für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung“ im Oberpräsidium der Provinz Hannover. 1946 wurde er Beauftragter für das Erziehungswesen in der Britischen Zone. Nach Bildung des Landes Niedersachsen war er von November 1946 bis September 1948 erster niedersächsischer Kultusminister der damaligen Regierung von Hinrich Wilhelm Kopf. Er setzte sich mit ganzer Kraft dafür ein, das Schul- und Volksbildungswesens wieder aufzubauen und die Einrichtungen für Wissenschaft und Kunst neu zu organisieren.

Als Kultusminister wurde er Mitglied im siebenköpfigen Verwaltungsrat des NWDR Nordwestdeutschen Rundfunks und im Mai 1948 zu dessen Vorsitzenden gewählt. Im September wurde er Generaldirektor dieser damals größten und ersten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt nach Vorbild der BBC, die bis dato von einem britischen Kontrolloffizier geleitet worden war. Bei seinem Amtsantritt am 15. November 1948 hielt er eine bemerkenswerte Rede über „Das Ethos des Rundfunks“. Darin sprach er über die neuen Aufgaben des Rundfunks, der nun als Kompass herausführen sollte aus der geistigen Irrfahrt in den Jahren der gleichgeschalteten Propaganda-Indoktrination, die damals von den sogenannten „Goebbels-Schnauzen“, den Volksempfängern verbreitet wurde. Jetzt sollte der NWDR als autonome Rundfunkanstalt „in voller Unabhängigkeit von Einflüssen des Staates und parteipolitischen Richtungen“ betrieben werden und wieder Orientierung vermitteln. Festgelegt in der „Verordnung 118“ der Militärregierung mit entsprechender Satzung für den Nordwestdeutschen Rundfunk. Grimme wollte dabei den Willen zur Qualität im Auge behalten und nicht in eine vordergründige Jagd nach Popularität verfallen. Heute würde man wohl von Programmgestaltung jenseits der Quote sprechen.

Generaldirektor des NWDR blieb Grimme bis zum Jahresende 1955, bis der NWDR in einen NDR und WDR aufgeteilt wurde. In diesen Jahren musste er zahlreiche Konflikte bestehen, auch politischen Druck von außen. Immer wieder wehrte er rundfunkpolitische Pläne der Regierung Adenauer ab und verteidigte die journalistische Freiheit der Mitarbeiter des Senders. Ziel Adenauers war es damals, nach früherem Vorbild wieder direkt auf den Rundfunk zugreifen zu können. Aber auch Sender-intern kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, vor allem wegen der notwendigen Schaffung einer allerdings recht bürokratischen Verwaltungsstruktur. Denn für die Programme selber war der Generaldirektor nicht zuständig, das waren die Intendanten der einzelnen Funkhäuser in Hamburg mit Studios in Oldenburg und Flensburg, und in Köln mit Studios in Düsseldorf, Dortmund und Bonn, in Hannover und bis 1954 auch in West-Berlin. Im Verlauf solcher Streitigkeiten verließen damals profilierte Journalisten wie Axel Eggebrecht den Sender.

An seinem 66. Geburtstag, Sylvester 1955, ging Adolf Grimme in Pension. Er starb am 27. August 1963 in Degerndorf, heute Brannenburg am Inn.

Seit 1964 wird jährlich der nach ihm benannte Grimme-Preis für qualitativ herausragende Fernsehsendungen sowie seit 2001 der Grimme Online Award für vorbildliche Internet-Auftritte und -Portale verliehen.

 

Hans-Ulrich Wagner: Adolf Grimme - Kulturpolitiker und Generaldirektor des NWDR

 

Bücher:

Kai Burkhardt: Adolf Grimme. Eine Biographie; Böhlau Verlag Köln/Weimar, 2007

 

Ansprache beim Amtsantritt am 15. November 1948: Generaldirektor Dr. h. c. Adolf Grimme "Das Ethos des Rundfunks"

Es ist ein Amt von nicht leicht zu überschätzender Bedeutung, das ich in diesem Augenblick übernehme; denn vielleicht ist der Rundfunk das größte Geschenk der technischen Intelligenz an die Menschheit. Dies Geschenk kann, wie alle Technik, als Werkzeug ebenso dem Guten dienen, wie es von dämonischen Gewalten mißbraucht zu werden vermag.

So ist die Verantwortung, die dieses Amt erfordert, groß und wäre für einen einzelnen zu schwer, wenn er sich nicht von anderen mitgetragen fühlte. Darum bin ich sehr dankbar für das Echo des Vertrauens, das die im heutigen öffentlichen Leben so seltene Einstimmigkeit der Wahl durch den Verwaltungsrat hervorgerufen hat, jenes Vertrauens, das der Herr Vorsitzer des Verwaltungsrats und der Sprecher des Betriebsrats als Wortführer aller meiner nunmehrigen Mitarbeiter soeben bekräftigt haben. Mein Dank gilt allen, für die sie sprachen, und zugleich Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie mit Ihrem Kommen eine Bereitschaft bekunden, mich zu unterstützen. Diesem meinem Dank tut es gewiß keinen Abbruch, wenn ich ausspreche, wie insbesondere es mich angerührt hat, daß für diese meine Arbeitskameraden gerade der Vertreter aus der Stadt sprach, durch deren Herzmitte heute der Weg in die europäische Zukunft führt. Ich mache mich ebenso gewiß zum Sprecher für alle, die wir uns aus dem Westen Deutschlands hier versammelt haben, wenn ich unseren Berliner Freunden für ihren unzerbrechlichen Willen zur Mitarbeit besonders danke und unserer Hörer jenseits der Eibe mit einem Gruß der Verbundenheit gedenke.

Wenn ich nun in dem Augenblick, da der NWDR auch in seiner Spitze in deutsche Verantwortung übergeht, noch einen Dank ausdrücklich unterstreiche, dann gilt dieser d e m Manne, aus dessen Hand ich die Leitung übernehme und von dem ich aus eigener Zusammenarbeit sagen kann, daß ihn, obwohl ein Mitglied der Besatzungsmacht, schwerlich einer seiner Mitarbeiter als nicht organisch zu ihnen gehörend empfunden hat. Das war nur möglich, weil Sie, Herr Greene, und mit Ihnen Ihr Stab vom Ethos des Dienstes am Werk getragen waren, an jenem selben Werk, dem auch die deutschen Mitarbeiter sich verbunden fühlen. Dieses Bewußtsein der Werkverbundenheit hat in der Zusammenarbeit mit Ihnen die Nationalitätenunterschiede vergessen lassen, wie es denn überhaupt da, wo Vertrauen gegen Vertrauen gesetzt wird, weder Sieger noch Besiegte gibt. Wertvoll ist es darum und erfreulich für uns zu wissen, daß Sie in Fühlung mit uns bleiben werden und, in nun freilich anderer Art, gewissermaßen zu jener Anfangszeit Ihrer Rundfunktätigkeit zurückkehren, als Hugh Carleton Greene ein durch den Äther korrespondierendes Geheimmitglied der deutschen Widerstandsverbände gewesen ist.

Sie hinterlassen mir jetzt ein Werk, das weithin Ihre Züge trägt. Aber es ist schade, daß Sie zweierlei mitnehmen, Ihre Erfahrung und Ihre Gelassenheit, mit der Sie der Fülle der Erwartungen zu begegnen pflegten, die an diese wohl meist beachtete, aber auch meist kritisierte Einrichtung des öffentlichen Lebens geknüpft werden. Sie wußten, daß diese Wünsche in vollem Umfang nie erfüllbar sind, und dies nicht etwa bloß wegen der noch bestehenden technischen Unvollkommenheiten, nicht auch allein um dieser oder jener menschlichen Unzulänglichkeiten willen, vielmehr grundsätzlich nicht. Dabei denke ich gar nicht einmal an die Erwartungen, die sich an die finanzielle Leistungskraft des Rundfunks knüpfen. Ihr gegenüber geben sich ja weite, auch sehr gewichtige Kreise ebenso offensichtlich wie verwunderlicherweise der märchenhaften Vorstellung hin, die Rundfunkfinanzen seien so unerschöpflich wie zu des Propheten Elia Zeiten das Mehl im Topfe der Witwe von Sarepta, das nie zu Ende ging, und deren Öl im Krug nie abnahm. Diese Erwartungen werden die nächsten Jahre sehr enttäuschen; denn so viel an Überschüssen, wie man bei diesem heute fast einzigartig liquiden Unternehmen vermutet, wird für deren satzungsgemäß vorgesehenen Abfluß in die Kulturfonds der Länder gar nicht verbleiben - wenn nämlich der Rundfunk die jetzt fälligen technischen Voraussetzungen für seine künftige Höchstleistung schaffen soll und wenn dazu nun gar das Einkommen des Rundfunks, als sei er ein Erwerbsbetrieb, versteuert werden müßte.

Aber diese finanziellen Erwartungen meine ich jetzt nicht einmal; ich denke mehr an die Wünsche, die sich auf die Programmgestaltung richten. Es wird auch mir unmöglich sein, es jedem Hörer recht zu machen. Dabei sehe ich noch ganz von unserer nationalen Unart der ewigen Protesthaltung ab, dieses Lebens aus dem Anti, das immer gegen etwas sein muß, dieser Ressentimentfrucht des Zwanges zum Gehorsam des deutschen Untertanen. Sie wird nur zu sehr durch die eingewurzelte Neigung bestärkt, beim anderen nicht in erster Linie das zu sehen, was gut ist, sondern den Rest, der jedem von uns peinlicherweise verbleibt. Was, meine ich statt dessen, erwartet der Hörer? Aber hier haben wir bereits den Schlüssel für das Unvermögen, allen Erwartungen zu genügen, in der Hand, denn "den" Hörer gibt es überhaupt nicht. Was "die" Hörer erwarten, ist zu erfragen. Ihre Wünsche gleicherweise zu befriedigen, heißt, den Rundfunk überfordern. Zwei Beispiele aus ein und derselben Hörerpost als Beleg: Der eine schreibt: "Das ewige Jazzgedudel, immer nur Tanzmusik, Tanzmusik", der andere: "Die dauernden schweren Musiksendungen", oder der eine schreibt: "Vormittags wird geredet, .nachmittags wird geredet, wo bleibt die ersehnte Entspannung?", der andere: "Die schönen unterhaltenden, wissenschaftlichen Sendungen . . . " Solchen sich gegenseitig aufhebenden Ansprüchen gegenüber könnte der Programmgestalter sich damit trösten, daß die Bitte des Bauern um Regen und die der Hausfrau, die ihre Wäsche bleichen möchte, um Sonnenwetter nicht einmal vom Herrn der gesamten kosmischen Wellen gleichzeitig erfüllt zu werden vermögen. Aber diese Abwehr wäre, scheint mir, zu flach angesetzt; der tiefere Grund steigt aus der Krise, in der sich heute die Gesamtkultur befindet. Ihr und damit auch der Rundfunkkultur fehlt in der Gegenwart die tragende Gesellschaft als soziologische Erscheinung, wie es für die Theater zuletzt die bürgerliche gewesen ist. Heute ist sie aufgelöst in lauter einzelne, und allenfalls begegnen uns noch Gruppen. So fehlt uns das Gesamtbewußtsein und mit ihm ein einheitlicher Maßstab, somit fehlt auch die Gesamterwartung.

Indessen ist das kein Grund zu resignieren; denn trotz der Grenze, die den Erwartungen gesetzt ist, und trotz aller Unterschiedlichkeiten in den Hörerwünschen gibt es b er echt i g t e Erwartungen, im Wirtschaftlichen wie im Programmatischen. Vielleicht nicht, wenn wir fragen, was die Hörer erwarten, sondern was sie erwarten sollten. So daß es sogar die vornehmste Aufgabe des Rundfunks wäre, diese berechtigten Erwartungen erst einmal zu wecken.

Im Wirtschaftlichen erwartet der Hörer, daß jene 20 Groschen, die er sich jeden Monat abspart, sinnvoll verwendet werden, daß also Wirtschaftlichkeit und Darbietung im gesunden Verhältnis zu einander stehen. Was er erwarten sollte, ist, daß Qualität wirtschaftlich dargeboten wird.

Vom Programmatischen her gesehen, heißt das: erwarten, daß der Rundfunk den Willen zur Qualität besitzt und damit bereit ist, dies eine der beiden Grundgesetze des Rundfunks als eines kulturellen Instruments zu respektieren. Es wird freilich dieser Wille zum Niveau nicht stets den Majoritätsgeschmack auf seiner Seite haben. Der Rundfunk darf deshalb, wenn er dieser seiner Sendung als Erzieher zum Qualitätsgefühl treu bleiben will, nicht der verführerischen Jagd nach Popularität verfallen. Wer gewillt ist, das Beste im Menschen anzusprechen, muß nun einmal zugleich den Mut zur Unpopularität besitzen. Und es wäre schon dankenswert, Zeitung und Zeitschrift würden dem Rundfunk in diesem Willen zur Qualität Helfer sein. Nicht daß ich unterstellte, sie dächten anders; wohl aber, daß es an Radiokritik in der deutschen Publizistik so gut wie fast ganz noch fehlt. Wir brauchen endlich wieder die regelmäßig ausgeübte, verantwortungsbewußte und darum produktive Mitarbeit der Presse.

Sie sollte auch darüber sich zum öffentlichen Wächter machen, daß das andere Grundgesetz des Rundfunks als eines kulturellen Instruments niemals gefährdet wird: der Wille zur Objektivität. Ist doch der Rundfunk kein Instrument bestimmter Gruppen oder Mächte. Er ist ein Instrument des Dienstes am ganzen Volk. Indessen gerade wP.il er dem ganzen Volke dient, ist es kein Paradoxon zu sagen, daß er dem Volk in allen seinen Schichtungen und allen seinen Gruppen dient; denn so gewiß er jeder Richtung offen steht, dient er ihr nicht, sie monopolisierend. Im Rundfunk spricht der Katholik so gut wie jeder andere Christ. Er ist auch anderen Religionen und Weltanschauungen nicht verschlossen. Aber er ist nicht selbst katholisch oder evangelisch. In ihm kommen Vertreter der SPD und CDU wie jeder anderen Partei zu Wort, die das Prinzip der Achtung jeder Überzeugung vertritt, dies Grundprinzip des demokratischen Zusammenlebens; doch darum wird er nicht selbst Machtinstrument der SPD und keins der CDU noch irgend eines sonstigen parteipolitischen Gebildes. Er ist ein demokratisches Organ und nicht ein Propagandaapparat für irgendwelchen Totalitarismus; er ist nicht selbst Partei.

Das ist so leicht gesagt, und dennoch lauern hier Gefahren; denn wenn der Rundfunk, um nur das zu nennen, das politische Geschehen kommentiert, dann kommentieren dies Geschehen Menschen, und je stärker diese Menschen Persönlichkeiten aus eigenem Wuchs sind, wie wir sie wünschen, um so profilierter ist auch politisch ihr eigenes Gesicht; damit aber steht die Besorgnis auf, daß ihr eigenes hohes Ethos des Willens zum Standpunkt über den Parteien umschlägt in die unbewußte Propaganda für ein eigenes, organisatorisch nicht zu greifendes Parteigebilde. Dann wäre die Überparteilichkeit nichts anderes geworden als eine von niemandem gewählte und darum niemand gegenüber verantwortliche, eine anonyme Überpartei, wenn Sie so wollen, eine Hauspartei des Rundfunks. Die Schwierigkeit ist nur durch täglich neuen Takt zu lösen. Und wieder sollte die Radiokritik der Presse mit der Leitung des Rundfunks Wache stehen, daß das politische Ethos des Rundfunks rein gehalten wird. Dies heißt nun nicht erwarten, der Rundfunk solle über das politische Geschehen nur informieren. Er hat auch eine politische Mission. Denn wenn er etwas ist, ist er ein Instrument der Volksformung und damit der Gestaltung unseres öffentlichen Lebens. Das ist er nicht nur dadurch, daß er den Sinn für das Geschehen daheim und in der Welt weckt und Material zur eigenen Urteilsfindung liefert. Ihm kommt es vielmehr zu, das im politischen Tageskampf verschüttete Verbindende ins Blickfeld und damit ins öffentliche Bewußtsein zu rücken. Diese Aufgabe ist sicherlich entscheidender als etwa eine zerstückelnde tagtägliche politische Topfguckerei.

Welch hohe Aufgabe dem Rundfunk hier erwächst, ermessen wir, wenn wir bedenken, daß wir in einer Zeit leben, in der die Deutschen der Politik am liebsten ganz den Rücken kehren möchten. Ist es doch keineswegs nur so, als wollten sie vom parteipolitischen Getriebe nichts mehr wissen und nichts von diesem oder jenem Politiker. Verhängnisvollerweise befinden wir uns in einer Krise des Vertrauens zur Politik schlechthin mit der Folge einer Flucht ins lediglich Private. Das möchte zwar angehen, wenn der Deutsche wirklich nach seiten der Weltlage sowohl wie nach seinem eigenen politischen Instinkt den hoffnungslosen Fall darstellte, den man ihm nachsagt. Allein es hieße auch, den Status der Untertanenhaftigkeit verewigen. Der Deutsche bliebe dann tatsächlich stets nur Objekt der Politiker, statt daß er seine Kräfte darauf richtete, im Innern und nach außen - vielleicht zum erstenmal in der Geschichte - selbst Subjekt seines Weltgeschicks zu werden. Wenn wir vom Rundfunk fordern, daß er den Blick für die politischen Zusammenhänge öffnet und so dem Deutschen hilft, daß er sich nicht ohne eigenen Standort an jede nur mögliche politische Richtung anhängt, dann heißt das eben nicht den deutschen Menschen politisieren und die private Sphäre seiner Existenz vernichten. Es heißt im Gegenteil ihm helfen, daß sein privater Raum geschützt bleibt, auch gegen den Totalanspruch des Staates. Es geht nicht darum, das Eigenwesen Mensch zu verpolitisieren. Es geht darum, die Politik zu durchmenschlichen, und das gerade, damit die staatsfreie, die private Sphäre, aus der die Diktatur ihn zu vertreiben suchte, gesichert bleibt. Es war ein politisches Wort, das kein Geringerer als die dichterische Erscheinung der deutschen Kulturwelt, Hölderlin, klagend ausgerufen hat: das habe den Staat zur Hölle gemacht, "daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte". Auf die hier anklingende, uns allen gemeinsame Aufgabe der Politik, daß der Mensch sein Menschentum muß leben und entfalten können, auf diese bei allem Unterschied des Weges und der Mittel die Parteien verbindende Aufgabe auch ohne jedesmalige Worte immer wieder den Blick zu lenken, darin besteht die politische, das heißt nichts anderes als die volksformende Mission des Rundfunks als eines Instruments der politischen Kultur.

So sind wir mitten in der Antwort auf die Frage, wozu der Rundfunk da ist. Wir spüren schon: er ist mehr als ein Nachrichtenbüro, wiewohl er das auch ist, so sehr auch ist, daß er sogar das mächtigste Organ der Publizistik unserer Tage darstellt.

Er ist auch mehr als ein Vergnügungsinstitut, wiewohl er ebenfalls zur Entspannung und zur Unterhaltung da ist und , man es unterlassen sollte, auf ihn als bloßen Unterhaltungsfunk erhaben-bildungspharisäerhaft herabzusehen und ihn mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger in die Ecke zu verweisen. Der Rundfunk ist keil1 Instrument der puritanischen Askese. Zwar verbietet der Wille zum Niveau, fades Witzeln mit Unterhaltung gleichzusetzen; doch soll er uns auch herzhaft lachen machen. Gerade daran übrigens, worüber ein Volk lacht, kann man den Stand seiner seelischen Kultur erkennen. Dem Anspruchsvollen schreiben wir darum ins Stammbuch: Es gibt auch kultivierte Unterhaltung, und leicht braucht hier nicht seicht zu heißen. Der Rundfunk ist nicht nur für den verwöhnten Gaumen da. Es gibt auch in der Welt des Äthers gute Hausmannskost, die freilich kein überall gleich servierter öder Eintopf sein darf, sondern von heimatlichen Köchen nach landsmannschaftlichem Rezept geschmackvoll angerichtet sein muß. Diese Hausmannskost braucht der einzelne zur Unterhaltung und Belehrung, und nach ihr hungert in dieser Notzeit, in der der Zugang zu den Quellen der seelischen und geistigen Befriedigung in der Stadt und noch mehr auf dem Lande der Bevölkerung versagt ist, die Familie. Was früher der Kamin war, wie einst die Petroleumlampe den Familienkreis vereinte, das muß im deutschen Haus der Rundfunk werden: der Mittelpunkt der inneren Sammlung. Denn diese innere Sammlung haben wir verloren. Wir haben das Stillesein verlernt und leben ohne Besinnlichkeit. Nichts ist dessen mehr Zeugnis als die Art, wie die meisten Rundfunk hören. Sie nehmen ihn als Mittel, sich ständig von sich selber abzulenken, als Opiat einlullender Zerstreuung. Nicht nur der Rundfunk, auch der Hörer hat es in der Hand, ob dies Instrument zum Guten oder Schlechten verwendet wird. Auch wer sich von einer Sendung zur anderen jagen läßt, mißbraucht den Rundfunk. Es gibt nicht nur Rundfunkfreunde, es gibt auch Radio-Barbaren: das Programm bringt Bach, und wir dreschen Skat. Wir schließen uns nicht auf. Anstatt uns der Musik gesammelt hinzugeben, entwerten wir sie zur Geräuschkulisse. Der Rundfunk kann seinen Sinn deshalb nur dann erfüllen, wenn er statt Hörer Zuhörer anspricht, wenn vor dem Empfangsgerät also Menschen sitzen, die wissen, daß das oberste Gebot des Rundfunkhörens der Wille zur Auswahl ist.

Wer sich des Rundfunks so bedient, dem gibt er mehr als Unterhaltung. Dem wird er Helfer, sich auf den Sinn des Lebens wieder zu besinnen. Und damit steht das letzte und höchste Wozu des Rundfunks vor uns auf: die Überwindung unserer geistigen Not. Ist doch die tiefste Quelle unseres Leides, daß wir ins Glaubenslose abgesunken Sind, weil wir blind für die Welt der Werte geworden waren und deren Rangordnung nicht mehr erkannten. So leben wir in einem Vakuum und sind richtungslos geworden. Indem uns nun der Rundfunk den Zugang zu den echten Werten erneut vermittelt, wird er auf dieser unserer geistigen Irrfahrt der Kompaß, wird Wegbereiter einer neuen Schau des Menschen und seiner Sendung in der Welt. So heißt Dienst am Rundfunk Dienst am Werden eines neuen Humanismus, nicht eines Humanismus der Gelehrten, eines Volkshumanismus vielmehr; denn dazu soll er dienen, daß sich ein ganzes Volk bewußt wird, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Staatsekretär a. D. Dr.-Ing. h. c. Hans Bredow Vermittler dieser Schau kann freilich nur sein, wer selbst nicht wurzellos der unverbindlichen Boheme verfallen ist, wer vielmehr selbst die echten Werte unverbogen sieht und sie in seiner eigenen Person verkörpert. Wer die Dämonen der Zersetzung in anderen überwinden will, der muß sie vorerst in sich selber überwunden haben: denn nicht, was einer sagt; wirkt, sondern wer er ist. Nicht Worte tun es, sondern nur die Haltung.

Das sagt ein einzelner zu Ihnen. Was aber kann er nützen, sieht er sich allein gelassen? Er braucht Gefährten. Und ich bin froh, daß mir der Rundfunk gleichgestimmte Mitarbeiter stellt. Wenn mir etwas den Entschluß, dies schwere Amt zu übernehmen, erleichtert hat, dann dies, daß mir aus der Begegnung mit Vertretern unserer Sender das Eine gewiß geworden ist: Hier gibt es keine Untertanen. Hier gilt nur der Mensch. Wo aber kein Untertanengeist zu Hause ist, ist auch kein Raum für Intrigantentum, weil jeder Manns genug ist, jedem seine Meinung 19 ungeschminkt zu sagen, und es nicht nötig hat, sich würdelos und unfrei zu verstecken. Und weil hier nur der Mensch in seinem So-Sein gilt, kennt die Gemeinschaft, die nun auch die meine ist, auch nicht Rang noch Würden oder Titel, also auch keinen Generaldirektor, so wenig wie es in dieser freien Hansestadt Minister gibt.

Wir alle, meine Mitarbeiterinnen und meine Mitarbeiter, wollen nunmehr gemeinsam dasselbe Werk ins unbekannte Land der Zukunft tragen: den deutschen Rundfunk, diesen Botschafter des deutschen Geistes in der Welt, der zugleich der Geist des guten Europäers sein soll.