Anja Niedringhaus

Anja Niedringhaus wurde am 12. Oktober 1965 in Höxter/Weserbergland geboren, wo sie mit ihren beiden Geschwistern aufwuchs. Schon mit 17 Jahren begann sie, für die Lokalredaktion der Neuen Westfälischen Zeitung in ihrer Heimatstadt zu arbeiten. Nach ihrem Abitur am König-Wilhelm-Gymnasium ging sie 1986 zunächst für die Kindernothilfe nach Indien und begann dann im selben Jahr ein Studium für Germanistik, Philosophie und Journalismus in Göttingen. Sie schrieb und fotografierte gleichzeitig für das Göttinger Tageblatt.

Wegen ihrer Fotos vom Fall der Mauer wurde sie 1990 von der European Pressphoto Agency EPA als erste Fotografin überhaupt fest angestellt. Zwei Jahre lang fotografierte sie vor allem auf Sport- und Gesellschaftsereignissen und wurde dann in den 1992 begonnenen Jugoslawien-Krieg geschickt. Schon beim ersten Einsatz in Sarajewo wurde sie von Heckenschützen beschossen und getroffen, überlebte aber dank ihrer kugelsicheren Weste. 1997 hatte sie in Belgrad einen Autounfall und ein Jahr später wurde ihr Fahrzeug im Kosovo von einer Granate getroffen. Dabei erlitt sie Verletzungen durch Granatsplitter. Und 1999 wurden sie und weitere Journalisten-Kollegen an einem Grenzübergang zwischen Albanien und dem Kosovo irrtümlich von NATO-Flugzeugen bombardiert.

 

 

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2001 fotografierte Anja Niedringhaus in New York die Folgen von „Nine Eleven“. Sie ging danach erstmals nach Afghanistan, von wo sie aus Kabul und Masar-e-Scharif drei Monate lang über den Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban berichtete. Ab 2002 arbeitete sie daraufhin für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press AP.

2003/2004 gehörte sie zu den Kriegsreportern, die im Irak „embedded“ – also im Schutz der US-Armee – über die Schlacht bei Falludscha berichten durften. Später fotografierte sie den Besuch von Präsident George W. Bush, zeigte die Folgen des Bombenattentats auf die Rote-Kreuz-Zentrale in Bagdad, machte Bilder im Gefängnis Abu-Ghuraib oder von den irakischen Wahlen im Jahr 2005. Für diese Arbeiten erhielt sie im gleichen Jahr zusammen mit dem AP-Team den „Pulitzer-Preis“ und den „Courage in Journalism Award“, für ihren Mut als Kriegsreporterin.

2007 verbrachte sie ein akademisches Jahr in Harvard durch das Nieman-Fellowship-Stipendium, gestiftet von Warren Buffett. Sie fotografierte wieder bei wichtigen Sport-Ereignissen, wie in jedem Jahr in Wimbledon.

2009 war sie wieder zurück in Afghanistan und dokumentierte als erste die Folgen des Raketenangriffs auf die von den Taliban entführten Tanklastwagen bei Kundus, bei denen 91 Dorfbewohner getötet worden waren. Was bekanntlich zunächst von der dafür mitverantwortlichen Bundeswehr bestritten wurde.

Am 4. April 2014 waren Anja Niedringhaus und eine kanadische Kollegin in einem Konvoi von afghanischen Sicherheitskräften mit Wahlhelfern unterwegs, die in der Provinz Chost Wahlzettel für die Präsidentschaftswahl ausliefern wollten. An einem Checkpoint vor dem Büro des Distriktgouverneurs in Banda Khel schoss plötzlich der Kommandeur dieses Polizeistützpunkts – wie sich herausstellte ein eingeschleuster Terrorist - mit den Worten „Allahu Akbar“ eine Salve aus seinem Sturmgewehr auf das Fahrzeug, in dem die beiden Frauen auf der Rückbank saßen. Anja Niedringhaus war sofort tot, ihre Kollegin Kathy Gannon wurde von drei Kugeln getroffen und schwer verletzt. Ein ebenfalls anwesender AP-Journalist dokumentierte das Attentat:

AP-Fotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen

Kriegsfotografin Anja Niedringhaus - TV-Doku von Katja Deiß

Anja Niedringhaus wurde am 12. April 2014 in ihrer Heimatstadt beerdigt. Der ehemalige Bundesumweltminister und Leiter des UN-Umweltprogramms Unep Klaus Töpfer, der in Höxter lebt, würdigte die Fotografin für ihre „Botschaft der Menschlichkeit.“ Sie habe in ihren Bildern „die grauenvolle Fratze des Hasses und Krieges gezeigt“. Und zitierte sie mit ihren Worten: Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“

Seit 2015 wird von der „International Women's Media Foundation“ (IWMF) ein „Anja-Niedringhaus-Preis“ an Fotografinnen verliehen, die sich durch außergewöhnlichen Mut bei ihrer Berichterstattung ausgezeichnet haben.

(hhb)

 

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