Demokratie lebt davon, dass Menschen sich selbst ein Urteil bilden können. Patrick Gensing, Vereinssprecher des FC St. Pauli und früherer Leiter des ARD-faktenfinder, erklärt im Vorfeld der Woche der Pressefreiheit, wie freie Medien und offene Diskussionen das ermöglichen – im Fußballverein wie in der Gesellschaft.
HdP: Sehen Sie in Deutschland die Pressefreiheit aktuell als gefährdet oder zumindest eingeschränkt an?
Gensing: Die Pressefreiheit ist in Deutschland institutionell stark geschützt. Daraus folgt leider nicht, dass sie selbstverständlich oder ungefährdet ist. Wir sehen verschiedene Entwicklungen, gegen die wir uns wehren müssen: Journalist*innen werden angegriffen und bedroht, insbesondere bei Demonstrationen oder bei Recherchen in radikalisierten, autoritären oder fundamentalistischen Milieus. Zugleich gibt es gezielte Kampagnen, die nicht einzelne journalistische Fehler thematisieren, sondern Journalismus insgesamt delegitimieren sollen.
Was die Situation erschwert: Pressefreiheit benötigt nicht nur die Abwesenheit staatlicher Zensur, sondern auch eine vielfältige Medienlandschaft, die unabhängig handeln, wirtschaftlich tragfähigen Journalismus ermöglichen und einen tatsächlichen Zugang zu Informationen gewährleisten kann. Wenn lokale Medien verschwinden, Redaktionen kleiner werden und die öffentliche Kommunikation immer stärker von einigen wenigen Plattformen und deren Algorithmen bestimmt wird, verändert das die Bedingungen, unter denen Öffentlichkeit entsteht.
Deshalb würde ich nicht sagen, dass die Pressefreiheit in Deutschland akut abgeschafft wird. Aber die Arbeit von Medien und Medienschaffenden wird an vielen Stellen erschwert oder eingeschränkt. Und die Voraussetzungen für eine freie, vielfältige Öffentlichkeit sind weniger selbstverständlich geworden.
Patrick Gensing (Copyright FC St. Pauli)
HdP: Worin sehen Sie für unsere freie Gesellschaft und Demokratie die größte Gefahr: in mangelnder Medienkompetenz der Mediennutzer oder in zunehmender Desinformation durch Soziale Medien?
Gensing: Das ist keine Entweder-oder-Frage. Desinformation kann grundsätzlich besonders erfolgreich sein, wenn Menschen in Not sind, wenn sie vermeintliche oder tatsächliche Unsicherheit erleben oder keine Handlungsoptionen sehen. Dazu kommt die Frage der Medienkompetenz: Viele Menschen haben Schwierigkeiten, Quellen einzuordnen, Interessen hinter Informationen zu erkennen oder journalistische und nichtjournalistische Angebote auseinanderzuhalten. Gleichzeitig wäre es zu einfach, das Problem auf mangelnde Medienkompetenz der Nutzer*innen zu reduzieren.
Wir haben es mit einer veränderten Informationsarchitektur zu tun. Plattformen belohnen Emotionalisierung, Konflikt, Personalisierung und Zuspitzung. Politische Akteure, radikalisierte Milieus und auch staatliche Propaganda nutzen diese Mechanismen gezielt. Dadurch entsteht nicht nur mehr Falschinformation. Es verändert sich auch die Wahrnehmung dessen, was gesellschaftlich relevant oder mehrheitsfähig ist. Es entsteht ein Zerrbild der Realität. Manche Menschen haben den Eindruck, die Bundesrepublik stehe kurz vor dem Kollaps. Tatsächlich leben wir in einem der politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich stabilsten Staaten der Welt.
Medienkompetenz heißt für mich deshalb auch mehr als Faktenchecks. Sie bedeutet, Widersprüche auszuhalten, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen, zwischen Nachricht und Meinung unterscheiden zu können und Unsicherheit nicht automatisch als Schwäche zu verstehen. Demokratie braucht Klarheit, aber Klarheit ist nicht dasselbe wie Vereinfachung.
Insbesondere etablierte Medien und seriöse Medienmarken tragen dabei eine große Verantwortung. Sie müssen der Versuchung widerstehen, die Logiken der Plattformen selbst zu übernehmen: Clickbait, Personalisierung, permanente Zuspitzung und starke Konfliktorientierung können kurzfristig Reichweite oder Verkäufe bringen, langfristig aber Vertrauen und Differenzierungsfähigkeit beschädigen. Journalistische Sorgfalt ist deshalb nicht nur eine berufsethische Frage, sondern auch eine demokratische Aufgabe.
Dazu gehört die wirtschaftliche Dimension. Medien, die dauerhaft unter hohem ökonomischem Druck stehen, geraten schneller in die Versuchung, Aufmerksamkeit zum zentralen Maßstab zu machen. Wirtschaftliche Stabilität ist deshalb eine wichtige Voraussetzung für unabhängigen und sorgfältigen Journalismus. Hier kommt auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine besondere Verantwortung zu: Da seine Ressourcenversorgung im Vergleich zu vielen privatwirtschaftlichen Medien deutlich stabiler ist, muss er besonders hohe Maßstäbe an Sorgfalt, Einordnung, Vielfalt und Unabhängigkeit erfüllen.
HdP: Was ist für Sie das Hauptmotiv, sich für die Woche der Pressefreiheit zu engagieren?
Gensing: Pressefreiheit ist eine der Voraussetzungen dafür, dass Menschen an einer demokratischen Gesellschaft verantwortlich teilnehmen können. Ohne verlässliche Informationen gibt es keine informierte Meinungsbildung und letztlich auch keine echte Mitbestimmung.
Das beschäftigt mich aus meiner journalistischen Vergangenheit genauso wie in meiner heutigen Arbeit beim FC St. Pauli. Ein Fußballverein mit sehr vielen Mitgliedern, Fans, Ehrenamtlichen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen ist selbst ein demokratischer und öffentlicher Raum. Dort erleben wir täglich, dass Kommunikation mehr sein muss als PR. Es geht nicht darum, eine Botschaft möglichst erfolgreich zu verbreiten. Es geht darum, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden zu lassen und Räume für Diskussion zu schaffen.
Das schließt auch Kritik ein. Eine demokratische Organisation darf nicht den Anspruch haben, Diskussionen vollständig zu kontrollieren. Sie muss vielmehr Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen informiert diskutieren und Verantwortung übernehmen können.
Pressefreiheit, Medienkompetenz und Partizipation gehören deshalb für mich zusammen. Wer Demokratie stärken will, darf Menschen nicht nur überzeugen wollen, sondern muss ihnen zutrauen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Daher haben wir beim FC St. Pauli verschiedene Beteiligungsformate entwickelt und organisieren beispielsweise auch Angebote für Schüler*innen, bei denen sie hinter die Kulissen schauen und sich mit Medien und Kommunikation auseinandersetzen können.
HdP: Wie könnte Ihrer Meinung nach das Bewusstsein für den Wert der Pressefreiheit in der breiten Öffentlichkeit besser geschärft werden?
Gensing: Indem wir Pressefreiheit weniger abstrakt behandeln. Viele Menschen verbinden damit zunächst einen Verfassungsartikel oder die Arbeit großer Medienhäuser. Tatsächlich betrifft sie aber ihren Alltag ganz unmittelbar: Woher weiß ich, was in meiner Stadt passiert? Wie entstehen politische Entscheidungen, und wie können sie transparent dargestellt werden? Wer recherchiert Missstände? Und worauf stütze ich meine eigene Meinung?
Deshalb sollten wir stärker Räume schaffen, in denen Journalismus transparent wird. Journalist*innen sollten erklären, wie Recherche funktioniert, warum Quellen geprüft werden, warum Fehler passieren können und weshalb Korrekturen kein Zeichen von Schwäche sind. Gleichzeitig sollten Medien auch Kritik zulassen und sich nicht hinter ihrer professionellen Rolle verschanzen.
Zur Transparenz gehört aber auch Selbstkritik. Medien sollten offen darüber sprechen, unter welchem wirtschaftlichen Druck sie stehen und wie sehr Aufmerksamkeitslogiken inzwischen journalistische Entscheidungen beeinflussen können. Wer anderen Institutionen Verantwortung abverlangt, muss sich auch selbst daran messen lassen, ob Überschriften, Dramatisierungen oder Personalisierungen der Sache dienen oder vor allem Reichweite erzeugen sollen.
Eine offene Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie entsteht dadurch, dass wir Verfahren und Räume schaffen, in denen unterschiedliche Meinungen auf einer gemeinsamen Tatsachengrundlage ausgehandelt werden können. Freier, wirtschaftlich stabiler und seiner Verantwortung bewusster Journalismus ist dafür eine zentrale Voraussetzung.
Zur Person
Patrick Gensing ist Leiter Medien und Kommunikation sowie Vereinssprecher des FC St. Pauli. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Journalist und beschäftigt sich insbesondere mit Desinformation, Rechtsextremismus und politischer Kommunikation, unter anderem war er Leiter des ARD-faktenfinder und Redakteur bei tagesschau.de. Seit seinem Wechsel zum FC St. Pauli im Jahr 2022 liegt sein Schwerpunkt heute auf strategischer Kommunikation, Partizipation, Medienkompetenz und der Frage, wie Kommunikation demokratischen Diskurs ermöglichen und stärken kann.