Das Preußische Volk und seine Vertreter

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 211 vom 13. September 1848

Volk der Intelligenz, ist das die Blüthe, die Du getrieben? Nein und wieder nein! Dieselben Schmarotzerpflanzen, die stets an Deinem Marke sogen, sie haben sich bis in den Gipfel emporgerankt und dünken sich in eitler Selbstverblendung die Blüthe, die sie nicht sind. Aber der göttliche Odem, der unsere Zeit durchweht, ist ihnen Odem des Todes.

Wie groß der Geist da draußen, und wie klein die Geister da drinnen! Ein milder Sommerregen, so zieht die Freiheit durch alle Lande, und hunderttausend durstige Halme richten sich auf, und trinken Entzücken; Ihr aber, Ihr Kleinen, spannt Eure winzigen Schirmchen auf, und möchtet der Welt den Himmel verschließen. – Was solltet Ihr sein und was seid Ihr? Auge und Herz des Volkes, voll klaren Blicks und kräftigen Pulsschlags – so sollt' es sein; aber Ihr seid nur sein Höcker – ein Unglück und eine Lächerlichkeit zugleich. Ihr habt keine Hand, um Saat und Segen auszustreuen, Ihr habt nur Hände zum Beifallklatschen: Ihr habt keinen Fuß, der neuen Zeit den Weg zu bahnen, Ihr habt nur Füße zum Lärmen.

Was ist es, das Euch fehlt? Wohl fehlen die Geister, aber die Begeisterten noch mehr: es fehlen die Herzen fürs Volk.

Anstatt dem Mündiggewordenen zu geben, was allezeit sein war, spricht man ihm vor: „Du bist noch jung und unerfahren“, und gibt ihm Abschlagspfennige auf das Gold seines Rechts. Und wer tut es? Ihr, die das Volk als seinen Anwalt schickte, Ihr, die Ihr ihm bürgen solltet für ungeschmälerte Zahlung, Ihr knipst und knapst jetzt mit den Vormündern um die Wette und plappert's ihnen nach: „Es ist noch zu früh.“

Unsterblichkeit liegt Euch zu Füßen, aber Ihr bückt Euch nicht, sie aufzunehmen. Fordert, was Ihr fordern könnt, und ein Lorbeerblatt fällt auf die schlichteste Stirn. Habt ein warmes Herz, und Ihr thut eine That, die Euch zum leuchtenden Vorbild macht. Aber kalt und fühllos, wie Ihr seid, bleibt Ihr stecken im Sande Eurer Mittelmäßigkeit, und Ruhm und Liebe winden Euch keine Kränze.

Volk der Intelligenz, sieh, wie Deine Vertreter sich selbst das Armuthszeugnis ihres Geistes schreiben! Sieh, wie sie betteln gehen bei allen Verfassungen der Welt und die Paragraphen, gleich buntgewürfelten Almosen, zusammentragen. Wie die Verleger unserer Bilderzeitungen nach Englischen und Französischen Holzschnitt-Typen jagen, um unser armes Publicum mit schlechten Abdrücken altgewordener Formen zu beglücken, so verschreiben sich unsere Minister und Volksvertreter abgenutzte Gesetzschablonen, und übergeben uns ihr mechanisches Gepinsle als eine neue, zeitgeborene Schöpfung, daran das Herz des Volkes sich erquicken soll.

Das Volk ist durstig, Ihr aber reicht ihm den Essigschwamm. Es duldet keinen Hohn und wird sich erheben in gutem Recht und ganzer Kraft. Kennt Ihr die Brücke von Arcole? Drüben die Stillstandsmänner und ihre Kanonen, hier der Fortschritt und seine Begeisterung. Gleich jenem volkentstammten Corsen ergreift das Volk die Fahne der neuen Zeit, und über Leichen und Trümmer hin, stürmt es unaufhaltsam zum Siege.