Die Theilung Preußens

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 238 vom 14. Oktober 1848

Wiederholentlich bringen unsere Blätter die Mittheilung, daß der Hof zu Potsdam eine Theilung Preußens in drei gesonderte Staaten ernstlich beabsichtige, und zwar, erfüllt von dem frommen Glauben, daß eine Schwächung der eigenen Kraft das einzige Hindernis bei Erreichung der Kaiserkrone glücklich beseitigen werde. Wir können uns bei diesem abermaligen, beabsichtigten Fürstenzuwachs eines Lächelns freilich nicht erwehren, gestehen aber dennoch, daß wir an das Vorhandensein eines solchen Planes ernstlich glauben. Sollten wir uns dennoch irren, so nehmen wir für unsern Glauben eine innere Wahrheit in Anspruch und bezeichnen ihn als im Geist und Charakter dessen, den wir vorläufig als den Schöpfer dieser Theilungs-Idee zu betrachten haben.

Der ganze Plan ist überraschend, geistreich, romantisch; und es ist nicht schwer, nach dieser Bezeichnung von dem Sohn auf den Vater zu schließen. Das Projekt ist ein kühner Griff, das „va banque“ eines Spielers. Wir sind überzeugt, daß er sein Spiel versteht, daß er die Lage der Karten kennt; wir glauben es, – er wird gewinnen. Aber er wird alles gewinnen, um alles zu verlieren,- auch seinen Einsatz.

Die Majorität in Frankfurt hat ein doppeltes Gelüst. Sie will einen Kaiser und will einen Hohenzoller. Den Leuten kann geholfen werden. Die Teilung Preußens oder richtiger das Statthaltern preußischer Prinzen in Königsberg und Cöln ist die aufzuführende Komödie, welche auf Augenblicke Schein und Wahrheit durcheinander werfen soll. Ein Opfer auf dem Papier soll die eingebüßten Sympathien des deutschen Volkes wieder wachrufen, die Tage des März sollen endlich vergessen und die Burggrafen von Nürnberg - die Hohenstaufen unseres Jahrhunderts werden.

So ist der Plan, aber – er kommt zu spät. So gern wir glauben wollen, daß der zukünftige deutsche Kaiser den Forderungen der Zeit aus Klugheit und selbst aus Neigung willfahren würde, wir beharren dabei, auch diese ehrlichste Hingabe käme zu spät. Eine Forderung könnte der Kaiser nicht gewähren, ohne sich selbst zu verneinen, und diese eine Forderung stellt unsere Zeit unwiderruflich. Sie stellt sie bis zur Undankbarkeit gegen den Einzelnen. Das Volk vertraut in gleichem Maaße seiner eigenen Kraft, als es angefangen hat, an seinen eigenen Fürsten zu verzweifeln. Keine Parthei hat unsere Herrscher gestürzt, die haben sich selbst gerichtet. Falsches Spiel, Blödsinn und Ungeschick haben den Stab über sie gebrochen. Sie sind todt in der öffentlichen Meinung. Kein Herz des Kaiser Joseph, kein Geist des großen Friedrich, und wirkte beides in Einem Manne, wäre mächtig genug, das drohende Verhängniß abzuwenden. Erlösung kam immer wenn die Zeit erfüllet war, und die Zeit ist erfüllet.

Flüchtiger Glanz einer Kaiserkrone! Wehende Fahnen, Kränze, Feste –

„Welch Schauspiel! aber doch ein Schauspiel nur!“

Jeder folgende Tag würde trotzige Lombarden bringen, ein stolzes Mailand und einen welfischen Löwen, – und wo wäre der Barbarossa, die Freiheit und ihren Uebermuth zu zügeln!

Ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“, so wär' es; ein Traum – die Erhebung, aber Wirklichkeit – der Fall. Wie König Lear, würde der Kaiser heimkehren zu seinen verschenkten Provinzen, aber er fände das Volk mitleidslos wie Regan und Goneril. Vergeblich würd' er an die Thür seines Lieblingskindes klopfen und sprechen: „Cordelia, öffne deinem König !“ auch die Getreuen wären nicht mehr sie selbst. Jener kühne Schritt zum Kaiserthrone auf Kosten des alten Preußenthums hätte ihm die letzten Herzen der Heimat entfremdet, und was ihm Staffel zu neuem Glanze werden sollte, wär' ihm, vor der Zeit, zur Grube des alten geworden.