Einheit oder Freiheit?
Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 258 vom 7. November 1848
Es war, wenn wir nicht irren, am 14. Sept. d. J., als der Abgeordnete Eisenmann „die Einheit Deutschlands um jeden Preis forderte, sei's auch auf Kosten der Freiheit“. Der ehrenwerthe Abgeordnete mochte damals selbst nicht ahnen, wie nah die Verwirklichung seines Wunsches war. Es kam der berüchtigte Majoritäts-Beschluß des Frankfurter Parlaments: der preußische Waffenstillstand mit Dänemark ward ein deutscher, und siehe, „die Einheit um jeden Preis“ feierte ihren ersten Triumph. Preußen, d. h. die preußische Regierung, durfte nicht beleidigt werden; ein Bruch mit ihr konnte die Einheit gefährden, und „Einheit um jeden Preis“ war der Leitstern der Versammlung.
Das Volk knirschte mit den Zähnen über die Beschlüsse seiner Vertreter; die erste That des einigen Deutschlands, dem Auslande gegenüber, war eine Schandthat, – sie schändete die Größe und den Ruhm der Nation. Aber die gefeierte Einheit sollte noch andere Opfer kosten; der Abgeordnete Eisenmann hatte den Teufel an die Wand gemalt; auch die Freiheit des Volkes mußte ihren Zoll entrichten.
Wir fassen hier das Verfahren der Centralgewalt, den republikanischen Aufständen gegenüber, ins Auge, und bezeichnen dies Einschreiten unbedingt als einen Eingriff in die Rechte und Freiheiten kleiner Staaten. Wer wollte leugnen, daß der Republikanismus, den Struve mit dem Schwerte predigte, nicht um der Predigt, sondern um der Sache willen, das baden‘sche Volk mit fortgerissen hätte, wenn nicht, wie immer, durch preußische Regimenter der natürliche Gang der Dinge gehemmt worden wäre. Wenn das Badner Volk – wie jedes Volk – nicht mehr stark genug war, der Republik die Thore zu verschließen, so war es nur schwach, weil es schwach sein wollte. Es focht mit dem Herzen auf feindlicher Seite, und die Republik war in ihrem Recht. Ein Volk läßt sich keine Verfassung, von außen her, aufzwängen. Es hält fest am Alten, auch gegen bessere Ueberzeugung; aber es nimmt kein Neues an gegen Wunsch und Willen.
Wir kennen unsere Gegner zu wohl, um nicht eines zwiefachen Einwandes gegen unsere Aufstellungen gewärtig zu sein. Man wird einestheils vorgeben, den Republikanismus im Sinne der Majorität des Landes unterdrückt zu haben, und sich ferner darauf stützen, daß der ganze mißglückte Versuch überhaupt als kein dem Boden entwachsenes, sondern als ein fremdes, gewaltsam aufgepropftes Element zu betrachten sei. Wir übergehen diesen zweiten Einwand als geringfügig, einfach darauf hinweisend, daß es deutsche Männer waren, die ihrer Ueberzeugung Blut und Leben opferten, – und wenden uns vielmehr zur Bekämpfung des Irrthums, als ließe sich's die Centralgewalt zu Frankfurt jemals angelegen sein, den Majoritäten der Einzelstaaten gerecht zu werden. In Altenburg und Sigmaringen spielte das Parlament den Despoten. Hier lag der Wille des Volks klar ausgesprochen da; aber das Parlament, statt diesen Willen zu achten, setzte ihm den seinigen gegenüber, ließ wie immer marschieren und hemmte gewaltsam die selbständige Entwicklung zweier Staaten.
Wir begreifen dies Verfahren wohl; wir kennen auch die Scheingründe, worauf es sich stützt. „Hier in Frankfurt“ – so klingt das ewige Lied – „ist die Vertretung aller Einzelstaaten. Jeder Einzelwille mag sich hier geltend machen; sprechen wir ihn heilig, so gilt er, – sonst nicht.“ Wohl wäre diese Sprache gerechtfertigt, wenn das einige Deutschland aus 37 großen und kleinen Provinzen bestände, die sammt und sonders ihre Vertretung in Frankfurt, und zwar nur in Frankfurt fänden. Aber das deutsche Parlament ist keine französische Nationalversammlung. Wir haben nicht siebenunddreißig Provinzen, sondern siebenunddreißg selbständige Staaten, Staaten mit einer doppelten Vertretung, einer deutschen und einer heimatlichen. Will das Frankfurter Parlament es irgendeinem Völkchen vorschreiben, welcher Vertretung es zu vertrauen habe? Will es die Bewohner von Sigmaringen glauben machen, ihre vier Abgeordnete in der Paulskirche, verschwimmend darin wie der Tropfen im Ocean, außer Stande vielleicht sich geltend zu machen, – sie wären die eigentlichste Repräsentation des Landes? Nein! Welcher gesetzlichen Vertretung das Volk seine Zustimmung gibt, diese Vertretung gilt, und es war ein Akt der Gewalt, den zu Tage liegenden Willen eines Völkchens wie kindischen Eigensinn zu bestrafen.
Wir haben diesen scheinbar geringfügigen Vorfällen eine ausgedehntere Besprechung gewidmet, weil die Folgerungen, die wir daraus zu ziehen haben, von unberechenbarem Gewichte sind. Blicken wir auf Wien. Wenn die Volkspartei dort siegreich aus dem Kampfe hervorgeht, wenn das lang zurückgehaltene Wort „Republik“ endlich von abertausend Lippen klingt, wird dann das einheitslüsterne, das Gleichmacher-Parlament in Frankfurt mit Wien verfahren wie mit Sigmaringen? Wird es den Muth haben, einem großen, siegreichen Volke zuzurufen: „Hier ist Deine Vertretung!“ Wird es hunderttausend Mann Reichstruppen aufbieten und den Bürgerkrieg proclamieren?
Wir wissen nicht, wie es handeln wird, wir wissen nur, wie es consequenterweise handeln müßte; und dieses Wissen genügt uns, um über diese Einheitspolitik entrüstet den Stab zu brechen. Dies unerschütterliche Festhalten am Constitutionalismus, dies Drohen und mit Krieg beziehen, wenn ein ganzes Volk, wie Tell, den Gruß vor diesem Geßler-Hut verweigert, – dies Streben nach Einheit, auf Kosten aller freien Entwicklung, ist ein Fluch, aber kein Segen unseres Landes.
Unsere Einheit ohne das ganze Maß der Freiheit ist ein Unding; sie bleibt ein unlösliches Problem. Ohne Freiheit gibt es wohl eine Einheit der Cabinette, eine Einheit der Polizei, eine Einheit von allem Möglichen, nur nicht eine Einheit des deutschen Volks. Nein, keine Einheit um jeden Preis, überhaupt kein Streben nach Einheit; sie muß sich geben wie die Liebe, – aller Zwang ist ihr Tod. Nur „Freiheit um jeden Preis!“ ihr nachgestrebt, ihr jedes Opfer gebracht, – das sei unverändert die Losung des Tages. Dann ist die Zeit nahe, wo kein Schwanken mehr ist: „ob einig, ob frei?“ dann werden wir einig sein durch die Freiheit, und frei sein durch die Einigkeit.