Norman Ebbutt arbeitete von 1925 an als Korrespondent für den Pressekonzern Times Ltd. in Berlin. 1932 wurde er einer der beiden Vorsitzenden im Berliner Verein der Auslandspresse. Nach der Machtergreifung beschrieb Ebbutt die politische Entwicklung in Nazi-Deutschland mit klaren Worten und oft beißender Kritik, was dazu führte, dass man ihn im August 1937 wegen angeblicher Spionage auswies.
Norman Ebbutt wurde am 26. Januar 1894 als Sohn eines Journalisten in London geboren. Nach dem Besuch der Willaston School in Nantwich begann er bereits als 16-Jähriger Englischunterricht an einer Sprachschule in Duisburg zu geben. Anschließend startete er seine journalistische Karriere als Assistent Correspondent für den The Morning Leader/Daily News and Leader in Paris. Bevor er 1913 nach England zurückkehrte, unternahm er noch kurze Reisen nach Finnland und Russland.
1914 begann er für The Times zu arbeiten, diente aber während des Ersten Weltkriegs als Leutnant bei der Britischen Marine. 1919 kehrte er in die Auslandsredaktion der Times zurück. 1925 ging er als einer der Auslandskorrespondenten nach Berlin, wo er dann 1928 die Leitung des Berliner Büros übernahm. Ende 1932 wählte man ihn zusammen mit Edgar A. Mowrer zu Vorsitzenden des Vereins der Auslandspresse in Berlin, dem in jenen Jahren auch Bella Fromm, Louis Paul Lochner, Sigrid Schultz, William Shirer oder Dorothy Thompson angehörten, die sich gegenseitig informierten und unterstützten.
Den Aufstieg der NSDAP und später die politische Entwicklung nach der NS-Machtübernahme konnte Ebbutt dank seiner guten Vernetzung mit Parteien, Behörden, Ministerien und Insider-Persönlichkeiten klar und deutlich beschreiben, oft mit beißendem Spott.
Nach einem Gespräch mit Hitler im April 1933 warnte er die Leser der Times schon am 21. April mit diesen Worten: „Herr Hitler hat sich in seinen Reden als Kanzler zwar dazu bekannt, eine Außenpolitik des Friedens betreiben zu wollen. Dies ist aber keineswegs ein Beweis, dass die grundlegende Gesinnung des neuen Deutschlands tatsächlich eine friedliche ist. Deutschland ist von der Entschlossenheit beseelt, alles was es verloren hat zurückzugewinnen und hat nur geringe Aussichten, dies auf friedlichem Wege zu erreichen. Einflussreiche Deutsche erwarten, dass weniger als zehn Jahre ins Land gehen, bevor der Krieg, den sie als natürlich und unvermeidbar erwarten, in Europa ausbricht. Mitunter ist auch von nur fünf oder sechs Jahren die Rede.“ Eine präzise Vorhersage der bereits damals absehbaren Entwicklung.
Auch weiterhin übermittelte er seine Recherchen stets mit deutlichen Worten an die Redaktion – etwa am 3. April 1933 in einem Artikel über den Mord an dem jüdischen Rechtsanwalt Schumm und über weitere Gewalttaten an jenem Tag des Boykotts gegen die Juden. Doch die konservativen Chefredakteure der Times behandelten das NS-Regime offenbar bis 1938 eher wohlwollend zurückhaltend und verhinderten oft die Veröffentlichung seiner von ihm deutlich beschriebenen Gräueltaten der Nazis. Die Berichte wurden redigiert, ja intern zensiert – im Sinne der sich abzeichnenden Appeasement-Politik der Briten gegenüber Hitler. Ein Bericht über die Zustände im Konzentrationslager Dachau, im Dezember 1933 übermittelt, wurde gar nicht erst publiziert.
Dennoch war dem Propagandaministerium natürlich die grundsätzlich kritische Haltung Ebbutts nicht verborgen geblieben – sie wurde als deutschlandfeindlich eingestuft. Als im Sommer 1937 drei als Journalisten getarnte deutsche Spione entlarvt und aus England ausgewiesen wurden, revanchierte man sich mit der Ausweisung von Norman Ebbutt.
Als Ebbutt am Abend des 16. August 1937 vom Bahnhof Charlottenburg abreisen musste, versammelten sich dort rund 50 Kollegen der Auslandspresse und begleiteten seine Ausreise mit einem großen Abschiedsgeleit - so von William Shirer in seinem „Berliner Tagebuch“ beschrieben. Auch Shirer fand darin klare Worte für das damalige Versagen der Times: „Die Herren hier nahmen die Gelegenheit wahr, einen Mann loszuwerden, den sie seit Jahren wegen seiner umfangreichen Kenntnis dieses Landes und der Vorgänge hinter den Kulissen gehasst und gefürchtet haben. Die Times, in enger Verbindung mit den Pro-Nazis um Cliveden, hat ihn nie ausreichend unterstützt und druckte kaum die Hälfte seiner Berichte.“
In seinem Buch “The Nightmare Years” unterstrich Shirer dieses Urteil erneut: „The trouble for Ebbutt was that his newspaper, the most esteemed in England, would not publish much of what he reported. The Times in those days was doing its best to appease Hitler and to induce the British government to do likewise. The unpleasant truths that Ebbutt telephones nightly to London from Berlin were often kept out of the great newspaper.“
Kein Wunder also, dass Kritiker der britischen Appeasement-Politik Ebbutt später als Kronzeugen und Märtyrer rühmten.
Nach seiner Rückkehr erlitt Norman Ebbutt einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nie wieder erholte. Seine journalistische Karriere endete damit bereits in seinem 43. Lebensjahr. Er zog sich auf einen Landsitz in West Sussex zurück, wo er dann am 17. Oktober 1968 starb.
(hhb)
Quellen
L. Kersten: The Times and the Concentration Camp at Dachau / December 1933-February 1934: An unpublished Report
International: Ebbutt, Langen, Putzi / Time am 23.8.1937
GERMANY: Kickbacks and Shakeups / TIME am 18.9.1933
Dr. Norman Domeier: Der Holocaust hatte keine mediale Priorität / L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung
Judith Mackrell: Frauen an der Front – Kriegsreporterinnen im Zweiten Weltkrieg / Insel Verlag 2023
William L. Shirer: Berliner Tagebuch 1934 – 1941 / Reclam Leipzig
William L. Shirer: The Nightmare Years / Little, Brown & Co. 1984