Die britische Journalistin Clare Hollingworth deckte Hitlers militärischen Aufmarsch an der deutsch-polnischen Grenze bereits am 28. August 1939 auf und meldete dann drei Tage später auch als erste Journalistin den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach London – was damals als „Scoop des Jahrhunderts“ galt, als die Sensationsnachricht des Jahrhunderts. Danach arbeitete sie als Kriegsreporterin und berichtete über die zahlreichen Konflikte aus aller Welt für führende Zeitungen und Magazine in Großbritannien und in den USA.
Geboren wurde sie am 10. Oktober 1911 in Knighton, einem Vorort von Leicester. Dort leitete ihr Vater eine Schuhfabrik. Früh begann Clare zu schreiben, musste aber gegen ihren Willen nach Beendigung ihrer Schulzeit noch eine Schule für Hauswirtschaft besuchen. Später gewann sie ein Stipendium für die UOL School of Slavonic and East European Studies in London und setzte ihre Studien dann an der Universität in Zagreb fort, um dort auch Kroatisch zu lernen. 1938 half sie in Warschau Flüchtlingen, die aus der Tschechoslowakei nach der Okkupation durch Hitler geflohen waren und soll so etwa 3.000 Menschen das Leben gerettet haben.
In dieser Zeit schrieb sie bereits Artikel für den New Statesman. Im August 1939 wurde sie vom The Daily Telegraph eingestellt und wegen ihrer Sprachkenntnisse sofort nach Polen geschickt. Auf ihrem Flug von London nach Warschau gab es einen Zwischenstopp in Berlin Tempelhof, wo ihr die dort aufgereihten zahllosen Stukas und Messerschmidt-Kampfflugzeuge auffielen, was sie in Warschau dem polnischen Korrespondenten Hugh Carlton Greene erzählte. Der schickte sie daraufhin ein paar Tage später nach Katowice, wo sie sich einen Eindruck über die Lage an der Grenze verschaffen sollte, denn Chamberlain hatte kurz zuvor Hitler erneut gewarnt, dass England Polen im Falle eines Angriffs beistehen werde.
In Katowice lieh sie sich vom britischen Generalkonsul dessen Auto mit Fahrer, um sich auf deutscher Seite umzusehen. Sie wurden anstandslos durchgewinkt. Clare Hollingworth kaufte noch Filme für ihre Kamera und Taschenlampenbatterien, die es in Polen schon nicht mehr gab. Dabei bemerkte sie, dass es in den Orten an der Grenze nur so von Militär wimmelte und dass Zivilpersonen offenbar evakuiert wurden. Als sie dann von Hindenburg bis Gleiwitz an der Grenze entlangfuhren, hob ein Windstoß plötzlich die Tarnwände neben der Straße hoch, hinter der Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Geschütze in großer Zahl aufgereiht waren. Diese Beobachtung meldete sie sofort nach London. „1.000 tanks massed on Polish border. Ten divisions reported ready for swift stroke! (Tausend Panzer an polnischer Grenze. Zehn Divisionen bereit zum schnellen Schlag!)“ – so lautete die etwas reißerische Headline des Daily Telegraph am 29. August 1939. Clare Hollingworth blieb in Katowice und wurde dort am Morgen des 1. September durch einen Höllenlärm geweckt. Da hatte der deutsche Einmarsch in Polen begonnen, was sie Greene und der britischen Botschaft in Warschau meldete und von dort ans Foreign Office sowie an die Redaktion in London weitergeleitet wurde.
Zunächst beobachtete sie weiter die Lage in Polen und half im Konsulat, Dokumente zu verbrennen. Nachdem am 17. September auch die Rote Armee in Polen einmarschiert war, ging sie nach Bukarest. Nach Polen zurückzukehren ging von da an nicht mehr, denn Deutschland und Russland hatten alle Grenzen abgeriegelt. Sie konnte nur noch über die Erlebnisse von Flüchtlingen aus dem besiegten Polen berichten und über die Umstände, die in jenem September die Abdankung Königs Carol II. von Rumänien ausgelöst hatten. Bei den telefonischen Übermittlungen umging sie immer wieder die Zensur, weshalb ihr wiederholt die Verhaftung drohte.
1941 reiste Hollingworth nach Ägypten, in die Türkei und nach Griechenland. Da weibliche Kriegsberichterstatter noch nicht akkreditiert wurden, wurde ihre Arbeit von nun an noch komplizierter.
1943 berichtete sie für die Chicago Daily News über den Tunesienfeldzug und über die US-Truppen in Algerien. Anschließend blieb sie in Kairo, berichtete aber auch aus Palästina, aus dem Irak und aus Persien, wo sie Schah Mohammed Reza Pahlavi interviewte.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begann sie für The Economist und The Observer zu arbeiten. 1946 wurde sie Zeugin des Bombenanschlags auf das King David Hotel in Jerusalem. 1950 verließ sie Kairo und zog nach Paris, jetzt als Korrespondentin von The Guardian. Aus Frankreich nahm sie Verbindung mit der algerischen Befreiungsfront auf und berichtete ab 1960 über den Algerienkrieg.
Anfang 1963 deckte sie das Überlaufen des britischen Doppelagenten Kim Philby nach Russland auf. 1967 verließ sie den Guardian und kehrte wieder zum Daily Telegraph zurück, weil sie lieber im Ausland und in Krisengebieten arbeiten wollte. So wurde sie damals Augenzeugin im Vietnamkrieg, berichtete aus dem Mittleren und Nahen Osten und aus Indien und Pakistan. 1973 wurde sie im Alter von 62 Jahren China-Korrespondentin für den Telegraph in Peking. Dort traf sie Zhou Enlai, Mao und dessen Frau Jiang Qing und berichtete ausführlich über die Kulturrevolution in China.
1981 ging sie in Pension und zog nach Hongkong, reiste aber weiter durch die Welt. Das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking beobachtete sie vom Balkon eines Hotels. In Hongkong wurde sie Ehrenmitglied des Foreign Correspondent Clubs, den sie regelmäßig besuchte.
Clare Hollingworth starb am 10. Januar 2017 im Alter von 105 Jahren in Hongkong.
(hhb)
Quellen
Malcolm Moore: Second World War 70th anniversary: The Scoop / The Telegraph 30.8.2009
Ralf Bosen: Sie entdeckte die Panzer / DWcom 31.8.2016
Clare Hollingworth obituary / The Guardian 10.1.2017
Clare Hollingworth: British war correspondent dies aged 105 / BBC News 10.1.2017
Kriegsreporterin Clare Hollingworth ist tot / SPIEGEL Kultur am 10.1.2017
Jutta Lietsch: Zeitzeugin der großen Kriege / taz vom 11.1.2017
Dr. Juliette Desplat: Clare Hollingworth – A clever English journalist / The National Archives 15.2.2017
Clare Hollingworth Breaks the News of WWII / Yale Universty Press am 6.6.2018
Ulrike Rückert: Clare Hollingworth meldet Hitlers Truppenaufmarsch / BR 2 Kalenderblatt am 29.8.2022
Judith Mackrell: Frauen an der Front / Insel Verlag 1923
Patrick Garrett: Of Fortunes & War – Clare Hollingworth, first of the female war correspondents
Bücher + Schriften
Clare Hollingworth: Mao and the Men Against Him / 1985