Stéphane Roussel berichtete in den 30er Jahren als eine von gerade einmal vier Auslandskorrespondentinnen aus Deutschland. Durch ihre damals für Frauen noch ungewöhnliche Tätigkeit wurde sie zu einer wichtigen Augenzeugin der Vorgänge in NS-Deutschland – bis zur Schließung des Büros von Le Matin im Jahr 1938. Von 1951 bis 1980 arbeitete sie Korrespondentin für France Soir nun in Bonn und setzte sich für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich ein.
Stefanie Steffi Landeis wurde am 25. Oktober 1902 in Wien geboren, als Tochter des Kaufmanns Karl Landeis, der in Wien für die französische Botschaft arbeitete. Ihre Mutter verlor sie sehr früh; sie starb 1908 an Schwindsucht. Stefanie ging in Frankreich zur Schule, studierte danach in Wien und Paris und wurde examinierte Sprachlehrerin für Französisch.
Ihre Zweisprachigkeit wurde zur Grundlage für ihre berufliche Karriere: In Berlin arbeitete sie zunächst für eine Künstleragentur und als Dolmetscherin für eine internationale Klientel. Dann kam sie 1930 zunächst als Sekretärin ins Berliner Büro der französischen Tageszeitung Le Matin, damals eines der vier großen Blätter in Frankreich. Als der Berliner Korrespondent schwer erkrankte, übernahm sie die Berichterstattung nach Paris. Daraufhin ernannte man sie bald zur kommissarischen Leiterin des Büros – damit war sie, nun ganz offiziell, die überhaupt erste Auslandskorrespondentin für eine französische Zeitung.
Als Frau wurde sie damals, besonders in der Sicht der Nazis, intellektuell unterschätzt – viele ihrer Gesprächspartner meinten daher, man müsse ihr alles besonders ausführlich erklären. So erfuhr sie, auch durch Nachfragen, oft mehr als viele eigentlich vorhatten. Und das ging in ihre Berichterstattung ein.
Aber auch der Informationsaustausch unter Kollegen half bei der Berichterstattung über die wahren Vorkommnisse damals in Deutschland. Zum Essen traf man sich gern beim Italiener "Taverne" in der Kurfürstenstraße/Ecke Courbièrestraße, damals ein beliebter Treffpunkt von Künstlern, Filmstars, Autoren und Presseleuten wie Louis Paul Lochner, Sigrid Schultz oder William Shirer. Jedenfalls so lange, bis die Gestapo dort zu präsent wurde. Von da an traf man sich lieber zu privaten Abendessen oder beim "Five o clock tea", im Büro oder zuhause.
Als dann das Büro von Le Matin 1938 geschlossen werden musste, kehrte Stefanie Landeis nach Frankreich zurück. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, nahm nach der Heirat seinen Namen Roussel an und änderte ihren Vornamen in Stéphane.
Den Kriegsausbruch am 1. September 1939 erlebte sie in London. Dort blieb sie, eigentlich um einen Vertrag zu erfüllen, für ein Buch über Deutschland. Doch 1940 wurde sie Mitglied in der Redaktion der von Großbritannien unterstützten Exil-Zeitung France. Das blieb sie bis zur Befreiung Frankreichs im August 1944. Kurzzeitig arbeitete sie in London noch für die Agence France-Presse, doch bald danach als zweite Londoner Korrespondentin für den neu gegründeten France Soir.
Ihr Ehemann hatte dem französischen Widerstand angehört und war gefallen. In der Nachkriegszeit bot ihr France Soir an, als Auslandskorrespondentin nach Bonn zu gehen – was sie nach einigem Zögern 1951 annahm, weil so wieder die ihr bekannte und erwünschte Selbständigkeit lockte und sie sich nun in Nachkriegsdeutschland umsehen konnte. In Bonn wurde sie schnell zu einer Bewunderin von Kanzler Adenauer, der sich bekanntlich intensiv für eine Aussöhnung mit Frankreich einsetzte und sie als Gesprächspartnerin schätzte. Ihn unterstützte sie gern, indem sie den Franzosen nun das Bild eines neuen Deutschlands schilderte.
Andererseits setzte sie sich auch dafür ein, in der Bundesrepublik für Verständnis etwa über Frankreichs Politik zu werben, die sie immer wieder beim "Internationalen Frühschoppen" mit Werner Höfer und anderen Kollegen im WDR der deutschen Öffentlichkeit erläuterte.
Nach ihrer Pensionierung fasste sie ihre Erinnerungen in mehreren Büchern zusammen und war immer wieder als Zeitzeugin in TV-Dokumentationen zu sehen – sogar noch 1990 als inzwischen fast 90Jährige in der dreiteiligen ZDF-History-Serie "Das Komplott" von Peter Hartl und Klaus-Peter Wolf:
Die Grande Dame des französischen Journalismus Stéphane Roussel starb am 24. April 1999 in Paris.
(hhb)
Quellen
Nina Grunenberg: Stéphane Roussel – Fünf Blatt aus Berlin / DIE ZEIT 35/1986 vom 22.8.86
Kerstin Pokorny: Stéphane Roussel – von Berlin über London nach Bonn
Dr. Norman Domeier: Der Holocaust hatte keine mediale Priorität / L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung
Bücher + TV-Filme
Stéphane Roussel: Die Hügel von Berlin / Rowohlt 1986
Stéphane Roussel: Jenseits der Nacht: Eine Reportage / Rowohlt 1990
Stéphane Roussel: Berliner Novellen / Rowohlt 1995
Zeitzeugen-Portal:
Stéphane Roussel: Falsche Normalität / Video-Interview über Olympia 1936
Stéphane Roussel: Weniger Uniformen / Video mit ihrem Bericht über die scheinbare Liberalisierung während Olympia 1936