Der politisch engagierte amerikanische Journalist William L. Shirer berichtete als unabhängiger Zeitzeuge zwischen 1935 und 1940 ausführlich über Politik und Leben in Nazi-Deutschland sowie über den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Seine Live-Übertragungen für CBS aus Berlin wurden damals direkt über den Atlantik in die USA übertragen und waren so den Zensurversuchen des NS-Propagandaministeriums weitgehend entzogen.
William Lawrence Shirer wurde am 23. Februar 1904 als Sohn eines Staatsanwalts in Chicago geboren. Als sein Vater 1913 an den Folgen einer Bauchfellentzündung starb, zog die Mutter mit ihren drei minderjährigen Kindern zurück zu ihrer Familie nach Cedar Rapids/Iowa. Dort besuchte William die Washington Highschool und anschließend das Coe College, wo er 1925 als B.A. graduiert wurde. Schon damals engagierte er sich in der Zeitung des Colleges und arbeitete als Sportreporter für das Lokalblatt Cedar Rapids Republican.
Von 1927 bis 1933 war Shirer Auslandskorrespondent bei der Chicago Tribune. Da er neben seiner Muttersprache fließend französisch, italienisch und deutsch sprach, wurde er bald Leiter des europäischen Büros, zunächst mit Sitz in Paris, wo er auch Geschichtskurse im College de France besuchte. Von dort berichtete er 1927 ausführlich über Lindberghs Nonstopflug über den Atlantik und seine Landung in Le Bourget und im Jahr darauf über die Olympischen Winterspiele 1928 in der Schweiz sowie die Sommerspiele in Amsterdam. Zudem bereiste er viele europäische Staaten und den Nahen Osten und hielt sich mehrere Monate in Britisch-Indien auf. Dort entstand ein Essay über Mahatma Gandhi. Von 1929 bis 1932 befand sich das Büro der Tribune dann in Wien.
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1934 übersiedelte Shirer nach Berlin und arbeitete als Korrespondent der Nachrichtenagentur Universal News Service. In jenem Jahr verfasste er unter anderem eine Reportage für die New York Times über den NS-Parteitag in Nürnberg. In jener anfänglich noch herrschenden Friedenszeit berichtete er zum Beispiel 1935 ausführlich über die Saar-Abstimmung und die Rückkehr des Saarlands oder 1936 über die Re-Militarisierung des Rheinlands.
1937 arbeitete er kurzzeitig für den International News Service INS von Randolph Hearst, bis er Ed Murrow kennenlernte, der ihn in jenem Jahr als Europa-Berichterstatter und Rundfunk-Reporter für Columbia Broadcasting Berlin engagierte. So wechselte William Shirer vom Print-Journalismus zum damals noch in den Kinderschuhen steckenden Nachrichten-Journalismus via Rundfunk. Dies Medium bot ihm ganz neue Möglichkeiten der Berichterstattung: so konnte er zum Beispiel umfangreiche und authentische aktuelle Reportagen live senden. Was Shirer nutzte, etwa 1938 mit seinem Bericht direkt aus Wien über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Oder über das Münchner Abkommen und die Besetzung der Tschechoslowakei sowie 1939 über den deutschen Einmarsch in Polen. Auch den „Blitzkrieg“ im Westen begleitete er und berichtete im Juni 1940 aus dem Wald von Compiègne live über die für Frankreich demütigende Unterzeichnung des Waffenstillstands mit Deutschland.
Seine Jahre zwischen 1934 und 1940 in der Nazi-Hauptstadt Berlin dokumentierte William Shirer dann in seinem „Berliner Tagebuch – Aufzeichnungen 1934 – 1941“, das 1941 in New York auf den Markt kam und großes Aufsehen erregte.
Ende 1940 war Shirer aus Deutschland ausgereist, schon um sich der Gefahr zu entziehen, als angeblicher Spion festgenommen zu werden. Er wusste, dass seine Reportagen von der Gestapo und im Propagandaministerium zunehmend kritisch beurteilt wurden, weil man ja hoffte, die USA aus dem begonnenen Krieg heraushalten zu können.
1941 kehrte er nochmals für CBS nach Europa zurück und war mit einigen Unterbrechungen bis Ende des Kriegs deren Berichterstatter, mit Sitz in London und in der Schweiz. Im Sommer 1944 aber berichtete er aus San Francisco über die Gründungskonferenz der Vereinten Nationen. Ab Herbst 1944 informierte er seine Landsleute dann wieder über den Vormarsch der alliierten Siegermächte und deren Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung. 1945 kehrte Shirer noch einmal nach Deutschland zurück, ins zerstörte Berlin und um über den Nürnberger Prozess zu berichten.
Diese Zeit ab 1944 fasste er dann in Band 2 seines „Berliner Tagebuchs – Das Ende“ zusammen.
1947 verließ Shirer CBS, nachdem er sich mit seinem Freund Murrow zerstritten hatte, wohl weil er sich kritisch über die Truman-Doktrin geäußert hatte. Besagte Doktrin wurde damals zum außenpolitischen Grundsatz der USA – die USA wollten von nun an nur freien Völkern beistehen und Widerstand gegen das Machtstreben kommunistischer Staaten leisten. Was natürlich auch das Ende der Kriegskoalition mit der Sowjetunion bedeutete. Und was 1950 dazu führte, dass der linksliberal denkende Shirer von McCarthy beschuldigt wurde, ein kommunistischer Sympathisant zu sein.
Nun konzentrierte sich Shirer auf seine schriftstellerische Arbeit und verfasste sein berühmtes Buch „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“, eine erste umfassende Analyse über Nazi-Deutschland, nun auch auf der Basis von Originaldokumenten aus deutschen Archiven. Dieses Sachbuch wurde sofort nach Erscheinen im Jahr 1960 mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet und von Publishers Weekly mit dem „Carey-Thomas Award“.
1983 wurde Shirer der renommierte Journalistenpreis „George Polk Award“ verliehen.
William L. Shirer starb am 28. Dezember 1993 im Alter von 89 Jahren im Bostoner Massachusetts General Hospital an Herzversagen. Er wurde auf dem Mountain View Cemetery in Lenox begraben.
(hhb)
Quellen
William L. Shirer / Wikipedia englisch
William L. Shirer – American Author / Britannica
William L. Shirer – Berliner Tagebücher 1 + 2; vom Wert authentischer Zeitzeugenschaft / Berlingeschichte
William L Shirer / Holocaust Encyclopedia
Shirer, William Lawrence / Encyclopedia.com
William Shirer / Traces we bring History to Life!
Bücher + Schriften
William L. Shirer: Berliner Tagebuch / Reclam Leipzig 1995
William L. Shirer: This is Berlin – Rundfunkreportagen aus Deutschland 1939-1940 / Kiepenheuer 1999
William L. Shirer: Das Ende. 1944-1945 / Kiepenheuer
William L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches Band 1 + 2 / Knaur TB 1963
William L. Shirer: Berliner Tagebuch / Reclam Leipzig 1995
William L. Shirer: Eine Bombe im Bürgerbräukeller und eine gewaltsame Entführung / Georg-Elser-Arbeitskreis
William L. Shirer: Olympische Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen / aus dem Berliner Tagebuch