Die amerikanische Journalistin und Rundfunk-Reporterin Dorothy Thompson arbeitete als Auslandskorrespondentin in Europa, zunächst ab 1920 von Wien aus, ab 1924 dann in Berlin. Im Dezember 1931 interviewte sie Adolf Hitler und porträtierte ihn in ihrer Reportage „als die Verkörperung des kleinen Mannes“. 1934 wurde sie als erste amerikanische Journalistin aus Deutschland ausgewiesen, weil sie die USA beharrlich und immer wieder vor Hitler und den Nazis gewarnt hatte.
Dorothy Celene Thompson wurde am 9. Juli 1893 in Lancaster/New York als Tochter eines Methodisten-Pfarrers geboren. Sie besuchte das christliche Lewis Institute in Chicago und studierte an der Syracuse University in New York Politik und Economics. 1914 wurde sie dort mit „cum laude“ zum Bachelor graduiert. Danach arbeitete sie einige Jahre in New York City. In diesen Jahren setzte sie sich intensiv für das Frauenwahlrecht ein, das in den USA erst 1920 in Kraft trat, durch den 19. Zusatzartikel zur Verfassung.
Nach dem Ersten Weltkrieg begann Dorothy Thompson als freiberufliche Korrespondentin in Europa zu arbeiten. Für den International News Service INS berichtete sie zunächst über den irischen Freiheitskrieg und wurde dann 1920 in Wien Korrespondentin für den Philadelphia Public Ledger. Dort lernte sie fließend Deutsch zu sprechen. 1924 ging sie nach Berlin, damals der wohl spannendste Hotspot für Journalisten in Europa. Dort erlebte sie in der noch jungen und ungefestigten deutschen Republik die andauernden politischen Auseinandersetzungen und parallel dazu den Aufstieg der NSDAP. Von 1925 bis 1928 war sie leitende Mitteleuropa-Korrespondentin für die New York Evening Post und den Philadelphia Public Ledger.
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Dorothy Thompson auf dem Titel des Wochenmagazins Time vom 12. Juni 1939
1927 unternahm sie in dieser Funktion eine mehrwöchige Reportage-Reise in die Sowjetunion. Daraus entstand auch ihr Buch „The New Russia“ – worin sie die dortige Zensur der Presse, die Unterdrückung der Religion und die Allmacht der russischen Geheimpolizei beschreibt.
1928 heiratete sie in zweiter Ehe den Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis.
Im Dezember 1931 interviewte Dorothy Thompson Adolf Hitler in seinem Berliner Lieblingsdomizil, dem Hotel Kaiserhof, und machte daraus Anfang 1932 den mehrseitigen und reich bebilderten Bericht „I saw Hitler!“, der im März 1932 in Cosmopolitan erschien und im Mai dann vom Nash’s Pall Mall Magazine in England nachgedruckt wurde. Darin beschrieb sie Hitler als einen „Prototyp des kleinen Mannes von erschreckender Bedeutungslosigkeit“. Zu diesem Zeitpunkt war sie sich sicher, dass Hitler nicht an die Macht kommen werde, weil ihn das Glück schon verlassen habe: „Oh Adolph, Adolph! You will be out of luck!“ Das sollte sich leider bald als falsch erweisen. Auch in Harper’s Magazine wiederholte sie dies Urteil über Hitler: „He is formless, almost faceless, a man whose countenance is a caricature, a man whose framework seems cartilaginous, without bones. He is inconsequent and voluble, ill poised and insecure. He is the very prototype of the little man.”
Aus ihrer Begegnung mit Hitler und ihren Beobachtungen über seinen Aufstieg entstand 1932 in New York das Buch „I saw Hitler“, das seit 2023 nun auch in deutscher Sprache vorliegt: „Ich traf Hitler“.
Als sie, zurück in Deutschland, nun für die Saturday Evening Post und das Jewish Daily Bulletin weiter voller Abscheu über all die Veränderungen berichtete, die sie bis dato in der NS-Diktatur registriert hatte, gab man ihr einen Tag Zeit, Deutschland freiwillig zu verlassen. Dazu notierte William Shirer, der gerade in Berlin angekommen war, am 26. August 1934 in seinem Tagebuch: „Knickerbocker erzählt mir, dass Dorothy Thompson gestern vom Bahnhof Friedrichstraße aus abgereist ist, kurz bevor wir ankamen. Man hatte ihr vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben, um das Land zu verlassen – offenbar das Werk von Putzi Hanfstaengl, der ihr das Buch ‚I saw Hitler‘ nicht vergessen konnte.“
Dorothy Thompson ging zurück in die USA und bekämpfte das NS-Regime von nun an in ihren Kolumnen „On the Record“ – Artikel, die dreimal wöchentlich in der New York Herald Tribune erschienen und von bis zu 200 weiteren Zeitungen und Zeitschriften übernommen wurden. Allein damit erreichte sie jeweils wohl um die zehn Millionen Leser.
Für Foreign Affairs schrieb sie bis 1944 Essays über den Faschismus und verfasste außerdem Radiokommentare für die Millionen Hörer von NBC Radio. Was natürlich auch im deutschen Propagandaministerium nicht unbemerkt blieb, wo man noch immer versuchte, die amerikanische Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu beeinflussen und vom Eintritt in den Krieg abzuhalten. So notierte Goebbels am 4. April 1942 in seinem Tagebuch: „Dorothy Thompson hält eine absolut verrückte Rede gegen Hitler. Es ist beschämend und aufreizend, dass so dumme Frauenzimmer, deren Hirn nur aus Stroh bestehen kann, das Recht haben, gegen eine geschichtliche Größe wie den Führer überhaupt das Wort zu ergreifen.“ Soweit zum Frauenbild der Nazis – für die waren Frauen offenbar vor allem Gebärmaschinen, die dem Führer ausreichend neue Soldaten zu beschaffen hatten.
In Ladies Home Journal, für das Dorothy Thompson ab 1937 dann 24 Jahre lang monatlich eine Kolumne verfasste, vermerkte sie im März 1944 selbstbewusst, dass Frauen die besseren Reporter und auch die besseren Spione seien, weil sie aufgeschlossener und geübter im Zuhören und geschickter im Aufrechterhalten sozialer Kontakte seien. Denn sie fand es geradezu skandalös, dass man jetzt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs auf so erfahrene Journalistinnen wie Sigrid Schultz verzichtete: „Sie hat unzählige deutsche und andere europäische Kontakte. Warum lässt man sie nicht in Schweden Informationen über Deutschland von den vielen Deutschen sammeln, die dort kommen und gehen. Das ist mir ein Rätsel.“ Aber Sigrid Schultz wurde nach ihrer Rückkehr in die USA dreieinhalb Jahre von ihrer Journalistenkarriere ferngehalten.
1946 hielt Dorothy Thompson vor dem UN-Sicherheitsrat eine Rede im Namen aller Frauen und Mütter der Welt. Darin beschuldigte sie Staatschefs wie Harry S. Truman, Winston Churchill und Josef Stalin, dass es eine Lüge sei, den Frauen zu erklären, ihre Ehemänner und Söhne seien gestorben, damit die Welt auf ewige Zeiten Frieden fände. Ihre Rede war der Auftakt zur Gründung der „World Organization of Mothers of all Nations" – W.O.M.A.N. - die Thompson im Jahr darauf ins Leben rief und die sich für eine Verständigung der Völker einsetzt.
Schon in der ► Juni-Ausgabe 1939 hatte das TIME Newsmagazine Dorothy Thompson eine Titelgeschichte gewidmet und sie zur einflussreichsten Frau der USA nach Eleanor Roosevelt erklärt.
Und in dem Film „Woman of the Year“ (Die Frau, von der man spricht) spielt Katharine Hepburn eine politische Journalistin, die als Dorothy Thompson zu erkennen ist.
Dorothy Thompson starb am 30. Januar 1961 im Alter von 67 Jahren an Herzversagen in Lissabon, wo sie die Familie ihres Sohnes Michael besuchte. Begraben wurde sie auf dem Stadtfriedhof von Barnard in Vermont.
(hhb)
Quellen
Dorothy Thompson / Wikipedia Free Encyclopedia
Dorothy Thompson / FemBio
Dorothy Thompson / United States Holocaust Memorial Museum
Wolfgang Paterno: Dorothy Thompson: Die rasende Reporterin, die Hitler traf / profil 19.5.23
Holger Heimann: Dorothy Thompson – Ich traf Hitler / SWR-Buchkritik
The Press: Without Regrets / TIME am 10.2.1961
Bella Fromm: Als Hitler mir die Hand küsste / Rowohlt 1993
Mudith Mackrell: Frauen an der Front / Insel Verlag 1923
Bücher + Schriften
Dorothy Thompson: Ich traf Hitler (auf der Basis ihrer Reportage im Dezember 1931) / Deutsche Ausgabe 2023 Verlag das vergessene Buch
Dorothy Thompson: Who Goes Nazi? / Harper’s Magazine