Gisèle Freund

Die soziologisch geschulte Fotojournalistin Gisèle Freund gehörte als Reportage-Fotografin zu den Pionieren der Farbfotografie. Ihre Bildreportagen und Porträts wurden von bekannten Zeitschriften und durch Vermittlung der Fotoagentur Magnum in aller Welt veröffentlicht.

Sophia Gisela Freund wurde am 19. Dezember 1908 in Berlin-Schöneberg als Tochter einer wohlhabenden assimilierten Unternehmerfamilie geboren. Ihr Vater war ein bekannter Kunstsammler, was zu der von ihr oft erzählten Anekdote führte, „sie sei gewissermaßen unter dem Kreidefelsen auf Rügen geboren“ – weil besagtes Gemälde von Caspar David Friedrich damals tatsächlich in der Familienwohnung hing.

Gisela Freund wuchs im Bayerischen Viertel von Schöneberg auf und interessierte sich schon früh für Kunst und Fotografie. Im Alter von 15 Jahren bekam sie ihre erste Kamera – ihr Vater schenkte der inzwischen begeisterten Amateurfotografin dann zum Abitur eine Leica. Ab 1929 begann sie zunächst in Freiburg/Breisgau zu studieren, wechselte aber bereits im Wintersemester nach Frankfurt/Main, um dort ihr Studium der Soziologie bei Karl Mannheim weiter fortzusetzen. Außerdem nahm sie am Institut für Sozialforschung an Seminaren von Max Horkheimer teil.

Schon während ihrer Studentenzeit begann sie als Fotojournalistin nebenher etwas Geld zu verdienen, zuerst mit einer Foto-Reportage für die Kölner Illustrierte. Als sich die Nationalsozialisten dann ab 1930 auf ihre Machtergreifung vorbereiteten, wurde sie Mitglied der KPD-nahen „Roten Studentengruppe“ und engagierte sich bei einer illegalen Studentenzeitschrift. Sie dokumentierte die letzten Demonstrationen von antifaschistischen Gruppen und das brutale Vorgehen der Nazis und fotografierte deren Folteropfer. Diese Aufnahmen schmuggelte sie im Mai 1933 bei ihrer Flucht nach Paris an der Gestapo vorbei. ► Willi Münzenberg veröffentlichte diese Bilder später in seinem berühmten „Braunbuch“.

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Copyright: ullstein bild - Brigitte Friedrich

Theodor Adorno hatte sie schon in Frankfurt ermutigt, sich in ihrer Doktorarbeit auf gesellschaftliche Themen zu fokussieren. So begann sie als erste Geisteswissenschaftlerin, zudem angeregt von ihrem Mentor Norbert Elias, eine historische Doktorarbeit zum Thema Fotografie zu schreiben: „Photographie und bürgerliche Gesellschaft“. Diese Dissertation konnte sie erst 1935 in Paris an der Sorbonne abschließen.

In Paris wurde aus Gisela Freund Gisèle Freund. Dort lernte sie die Verlegerin und Buchhändlerin Adrienne Monnier in ihrer legendären Buchhandlung „La Maison des Amis des Livres“ kennen, wo damals viele der in Paris lebenden Künstler und Schriftsteller ein und aus gingen. Dort begann Freunds internationale Karriere als Porträtfotografin. Sie schuf einzigartige Porträts von prominenten Zeitgenossen wie Louis Aragon, Walter Benjamin, André Breton, Jean Cocteau, Paul Eluard, André Gide, James Joyce, André Malraux, Romain Rolland, Anna Seghers, Paul Valéry oder Virginia Woolf – einige davon bereits in Farbe. Viele dieser Porträts konnte sie in Paris-Match, in Life, Time und via Magnum in weiteren Medien veröffentlichen.

Eigentlich aber wollte Gisèle Freund immer als Reporterin arbeiten. So berichtete sie im Sommer 1935 beispielsweise vom Pariser „Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“, an dem neben vielen anderen Heinrich Mann, Vladimir Nabokov und Boris Paternak teilnahmen.

Im Juni 1940, unmittelbar vor dem Einmarsch der Wehrmacht, verließ sie Paris auf dem Fahrrad Richtung Süden nach Lot, von wo sie 1942 nach Argentinien emigrierte. Von dort reiste sie durch Lateinamerika und produzierte eindrucksvolle Bilderserien über die Lebenswirklichkeiten dort – Reiche, die in Saus und Braus lebten und Normalbürger, die es schwer hatten in ihrem Elend zu überleben.

Nach Kriegsende blieb sie zunächst in Lateinamerika und arbeitete dort für Magnum.

Ihre kritische Reportage über das Präsidentenpaar Juan und Evita Peron im Jahr 1950, die in Life erschien, löste eine diplomatische Krise zwischen Argentinien und den USA aus. Denn Gisèle Freund hatte mit ihren Fotos den wirklichen Charakter Evita Perons enthüllt – die war alles andere als eine Wohltäterin, sondern eine Diva mit Hang zum Luxus. Während der Foto-Session hatte sie Gisèle Freund voller Stolz ihren umfangreichen Diamanten-Schmuck präsentiert und auch ihre 500 Paar Schuhe. Als der Pressechef des Präsidentenpaars dies mitbekam und die Herausgabe der Negative verlangte, war Freund bereits abgereist. In Mexiko entstand dann die ebenfalls berühmt gewordene Home-Story beim Künstler-Paar Diego Rivera und der an Schmerzen leidenden Frida Kahlo.

1953 kehrte Gisèle Freund nach Paris zurück und setzte dort die Arbeit an ihrer „Galerie der Dichter und Denker“ fort. Nun bildete sie Intellektuelle wie Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre oder Eugene Ionesco ab.

1957 kehrte sie auch wieder nach Deutschland zurück, obwohl sie sich nach ihrer Emigration geschworen hatte, es nie wieder zu betreten. 1970 wurden Fotos von ihr auf der Documenta 5 in Kassel gezeigt. Das Thema damals: „Befragung der Realität – Bildwelten heute“. Fortan war sie in zahlreichen weiteren Ausstellungen vertreten. In ihrer Heimatstadt Berlin gab es 1988 eine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau und zuletzt 2014 eine Ausstellung in der Akademie der Künste. Als Künstlerin wollte sie allerdings nie bezeichnet werden – dazu äußerte sie sich 1993 in arte so: „An der Fotografie reizte mich, dass ich mich ausdrücken konnte, meine Gefühle für andere Menschen. Nicht mit der Absicht, ein Kunstwerk zu schaffen; was mich interessierte, war immer der Mensch.“

Gisèle Freund starb am 31. März 2000 an Alzheimer erkrankt im Alter von 91 Jahren in Paris und wurde dort auf dem Friedhof Montparnasse begraben.

(hhb)

 

Quellen

Gisèle Freund / Künste im Exil

Gisèle Freund / Goethe Universität Frankfurt am Main

Gisèle Freund. Gesichter der Sprache / Hatje Cantz

Gisèle Freund – Psychologin des Auges / SPIEGELKultur vom 31.3.2000

Christian Buckard: Eine kleine, schwatzhafte Person / Jüdische Allgemeine 18.12.2008

Bettina Flitner: Lebenslang zwischen zwei Stühlen / EMMA 1.

Christian Schröder: Gisèle Freund – Hausbesuch mit Leica / Tagesspiegel 23.5.2014

Milena Bürki: Mehr als tausend Worte / arte Magazin Juli 2021

Bettina de Cosnac: Gisèle Freund. Ein Leben / Arche Verlag 2009

Gisèle Freund – Ein Leben für die Fotografie / Film 2019 - Regie Teri Wehn-Damisch

 

Bücher

Gisèle Freund: Memoiren des Auges / S. Fischer Verlag 1977

Gisèle Freund: Photographien – mit autobiographischen Texten / Schirmer/Mosel 1985