Henri Cartier-Bresson

Der legendäre französische Fotograf Henri Cartier-Bresson – außerdem Kameramann, Regisseur, Maler und Zeichner – gehörte zu den Gründern der weltberühmten Fotoagentur MAGNUM. Cartier-Bresson wird heute zu den wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gezählt, wegen seiner lebensnahen Bildberichte von vielen Brennpunkten in diesen Jahren: aus Afrika, vom spanischen Bürgerkrieg, über die Französische Resistance, aus Nachkriegsdeutschland, China, Indien oder Indonesien.

Henri Cartier-Bresson wurde am 22. August 1908 in Chanteloup-en-Brie als ältester Sohn einer kunstsinnigen Textilfabrikanten-Familie geboren. Er wuchs in der Normandie und in Paris auf, wo er das Lycée Condorcet besuchte, es aber ohne Abschluss verließ. Von 1927 bis 1928 studierte er Malerei, wandte sich dann aber bereits 1930 der Fotografie zu.

Seine erste Fotoreise führte ihn aus Liebeskummer 1931 an die Elfenbeinküste, wo er fast ein Jahr lang blieb und zu fotografieren begann. Nach seiner Rückkehr kaufte er sich seine erste Leica und bereiste mit zwei Freunden Europa: Polen, die Tschechoslowakei, Österreich, Deutschland und Italien. Diese Kleinbildkamera kam seiner Arbeitsweise entgegen – sie ermöglichte ihm eine Vorgehensweise, die er später in seinem Buch „Auf der Suche nach dem rechten Augenblick“ so beschrieb: „Man nähert sich auf leisen Sohlen, auch wenn es sich um ein Stillleben handelt. Auf Samtpfoten muss man gehen und ein scharfes Auge haben. Kein Blitzlicht, das versteht sich wohl, aus Rücksicht vor dem Licht, selbst wenn es dunkel ist. Andernfalls wird der Photograph unerträglich aggressiv. Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“

 

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Copyright: Von Ihei Kimura - 田沼武能監修『木村伊兵衛 写真に生きる』クレヴィス、2021年11月13日、ISBN 978-4-909532-67-1, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122669916

Immer war er so auf der Suche „nach dem entscheidenden Augenblick“, nach jener mythischen 125tel Sekunde, mit der er die Wahrheit des Augenblicks wiederzugeben versuchte, etwa auf dem Sterbebett und schließlich bei der Beerdigung von Mahatma Gandhi – ganz ähnlich wie in seinen vielen Straßenszenen in Paris und andernorts. So wie auch bei seinen Porträtaufnahmen.

Die Qualität seiner Bilder führte schon 1933 zu ersten Ausstellungen: in der New Yorker Galerie Julien Levy und anschließend im Club Ateneo zu Madrid.

Ab Mitte der 30er Jahre arbeitete er mehrfach mit Jean Renoir zusammen, bei den Dreharbeiten für dessen Filme „Partie de campagne – Eine Landpartie“; „La Règle de jeu – Die Spielregel“ und „La vie est à nous – Das Leben gehört uns“.

1940 war er in deutsche Kriegsgefangenschaft gekommen – drei Jahre später gelang ihm die Flucht. Sofort schloss er sich dem Widerstand als Mitglied in einer Untergrundgruppe an.

1945 dokumentierte er in Dessau die Flüchtlingsströme von früheren Zwangsarbeitern, Holocaust-Überlebenden und Kriegsgefangenen, die dort über die Elbe mussten. Und er führte Regie bei dem Dokumentarfilm „Le Retour“ über die Rückkehr der französischen Kriegsgefangenen.

1947 gründete er in New York zusammen mit ►Robert Capa, David „Chim“ Seymour, William Vandivert und George Rodger die Agentur MAGNUM Photos. Von da an arbeitete er für Weltmedien wie LIFE, Vogue oder Harper’s Bazaar. Er fotografierte ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Filmen, ohne Blitzlicht und ohne gestellte Posen – denn „ein gutes Foto kommt nur dann zustande, wenn die innere Vision hinter dem geschlossenen Auge sich mit der des offenen Auges hinter dem Sucher im Augenblick des Fotografierens deckt.“

Seine Fotos inspirierten zahllose Kollegen, die sich wie er der Straßenfotografie zuwandten. Vorbilder wurden für sie Cartiers „images à la sauvette“, seine Schnappschüsse im Vorübergehen.

1947 gehörte Cartier-Bresson zu den Gründern der Fotoagentur MAGNUM in New York, wo im gleichen Jahr auch das Modern Art Museum seine Fotos ausstellte.

In den Jahren 1948 bis 1950 hielt er sich viel in Asien auf, fotografierte als Augenzeuge die Beerdigung des ermordeten Mahatma Gandhi, machte für LIFE Fotos über die letzten Tage der Kuomintang auf dem Festland und vom langen Marsch Maos und seiner Armee. In Indonesien war er zu Beginn der Unabhängigkeit nach dem vierjährigen Freiheitskrieg gegen die Holländer.

Danach bereiste er Europa, um von dort Bildberichte für das US-Reisemagazin Holiday zu erstellen. Er durfte als erster westlicher Fotograf nach Stalins Tod in der Sowjetunion fotografieren und begann damit seine jahrelange Zusammenarbeit mit Robert Delpire, dem späteren Leiter des Centre National de la Photographie. Delpire wurde 1955 Herausgeber des Buches „Moscou vu par Henri Cartier-Bresson“.

1958 kehrte Cartier-Bresson nach China zurück, um die Situation in der Volksrepublik zehn Jahre nach ihrer Gründung festzuhalten. Darüber hinaus begann er für das Celebrity Magazine Queen zu fotografieren, lieferte Porträts, Reise- und Modeberichte.

In den 60er Jahren war er für LIFE auf Kuba, dann mehrere Monate in Japan und in Indien. 1962 wurde er nach dem Mauerbau zu einem gefragten Zeitzeugen im geteilten Berlin. Ende der 60er Jahre reiste Cartier für Reader’s Digest durch Frankreich. Aus seinen Fotos wurde das Buch „Vive la France“ sowie eine Ausstellung im Grand Palais Paris.

1972 beendete er seine professionelle Arbeit als Fotograf, weil er überzeugt war, da in Sachen Fotografie bereits alles gesagt zu haben: „Il faut arrêter quand on a dit la chose.“ Aber seine Fotos gelten bis heute als Ikonen. So wurden sie 1977 bei der documenta 6 in Kassel präsentiert. 2003 gründete er zusammen mit seiner Ehefrau, der belgischen Fotografin Martine Franck, die ► Fondation Henri Cartier-Bresson mit Sitz im Pariser Stadtteil Montparnasse.

Henri Cartier-Bresson starb am 3. August 2004 im Alter von 95 Jahren in Isle-sur-la-Sorgue und wurde in Montjustin/Alpes-de-Haute-Provence beigesetzt.

Auch nach seinem Tod folgten Ausstellungen in Neu Delhi, Paris, New York, Zürich. Wolfsburg, Wien, Köln und nun in ► Hamburg.

 

(hhb)

 

Quellen

Henri Cartier-Bresson – Biographie / (in französischer Sprache)

Trauer um Henri Cartier-Bresson / DER SPIEGEL vom 5.8.2004

Pierre Assouline: Henri Cartier-Bresson 1908-2004 / Cosmopolis 23.8.2004

Marc Reichwein: Was dieses Bild über das Kriegsende verrät / WELT vom 26.4.2020

Bücher

Henri-Cartier Bresson: The Decisive Moment / Simon & Schuster 1952

Henri-Cartier Bresson: Images à la Sauvette / 1952

Henri-Cartier Bresson: Moscou vu par Henri Cartier-Bresson /

Henri-Cartier Bresson: Auf der Suche nach dem rechten Augenblick – Aufsätze und Erinnerungen / Janus Press GmbH 2002

Henri-Cartier Bresson: Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson? Das Lebenswerk in 602 Bildern / Schirmer/Mosel Verlag, München 2003

Henri Cartier-Bresson: Meisterwerke / Schirmer/Mosel Verlag, München 2004