Die deutsche Pressefotografin Erika Krauß war die erste in Deutschland ausgebildete Kamerafrau. Sie arbeitete für die Filmproduktionen von Tobis und UfA; als es dort unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr zu tun gab, arbeitete sie fortan als Bildjournalistin für die Presse. In Hamburg wurde sie schließlich als dienstälteste Pressefotografin zu einer Legende.
Erika Krauß wurde am 6. Februar 1917 in Karski geboren, im Südosten der preußischen Provinz Posen. Dort kam es 1918 zu einem polnischen Aufstand und 1919/20 wurde die Provinz Posen durch den Versailler Vertrag der Republik Polen zugesprochen. Die Familie zog nach Berlin. Dort besuchte sie die höhere Handelsschule und danach die Kunst- und Kunstgewerbeschule in Berlin-Schöneberg. Die hatte ab 1928 auch eine Filmabteilung im Lehrangebot, wo sämtliche Fächer zur Herstellung von Tonfilmen in technischen wie künstlerischen Bereichen gelehrt wurden.
Dort ließ sie sich zur Kamerafrau ausbilden und arbeitete in den Jahren 1942 bis 1944 für die Filmgesellschaften Tobis und UfA: bei der Tobis Film GmbH zunächst als Kamera-Assistentin von Chefkameramann Ansor von Brasy sowie im „Tobis Star Foto Atelier“ – bald auch bei der UfA in der Produktion von mehreren Dokumentarfilmen. Und nicht nur als Kamerafrau, sondern auch als Cutterin und Regisseurin.
Copyright: Ines Gellrich, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47101543
1945 fand sie Unterschlupf bei Freunden im Künstlerdorf Worpswede. Und da die deutsche Filmindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg darniederlag, machte sie 1948 in Celle ihren Meisterbrief für das Fotografen-Handwerk. 1950 zog sie nach Hamburg, auf der Suche nach Beschäftigung. Bei den großen Medien wie Stern und Spiegel hatte sie zunächst kein Glück; allein der Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, Heinrich Braune, gab ihr eine Chance. Die nutzte sie und blieb in den folgenden 63 Jahren nicht allein für die Morgenpost als Fotoreporterin tätig.
Zunächst arbeitete sie zudem als Theaterfotografin und machte für Gustav Gründgens großartige Aufnahmen von seinen Inszenierungen am Deutschen Schauspielhaus. Bald erhielt sie auch aus dem Hamburger Rathaus viele Aufträge. So kamen zahlreiche internationale Politiker und Promis vor ihre Kamera: Yassir Arafat, Bill Clinton, Nikita Chruschtschow, Charles de Gaulle oder Michail Gorbatschow; die Royals Elizabeth II. und ihr Sohn Charles mit Lady Di; der Schah von Persien sowie Königin Silvia von Schweden. Und natürlich auch Filmstars wie Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Romy Schneider und Alfred Hitchcock oder Maria Callas, als diese in Hamburg gastierte. Nicht nur die Morgenpost und andere in Hamburg ansässigen Medien druckten ihre Fotos gern und häufig.
Als Rathausfotografin der Hansestadt wurde sie schließlich zu einer Legende, weil sie immerhin 13 Hamburger Bürgermeister bei ihrem Wirken fotografisch begleitet hat. Zuletzt als hochbetagte, zierliche und stets ganz in Schwarz gekleidete Dame – unter ihrem Markenzeichen, einem riesengroßen schwarzen Garbo-Hut – und, wohin auch immer, ihre schwere Kamera-Ausrüstung schleppend. Sie fehlte bei keinem Senatsempfang, denn, so Bürgermeister Ortwin Runde an ihrem 80. Geburtstag: „In Hamburg passiert nichts Wichtiges ohne sie." „Erika Krauß gehörte einfach zum Hamburger Rathaus,“ meinte auch Bürgermeister Olaf Scholz.
Krauß war, bis fast an ihr Lebensende, die dienstälteste und immer noch aktive Bildjournalistin in Deutschland. Sie arbeitete freiberuflich, wollte sich nur ungern in ein festes Angestelltenverhältnis binden lassen. Der DJV Deutsche Journalisten-Verband, dem sie angehörte, urteilte über Erika Krauß: „Selten hat eine Journalistin auf so hohem Niveau und über eine so lange Zeit eine Stadt und ihre Politik begleitet und abgebildet und sich dabei auch so hohe menschliche Anerkennung erworben.“
Für ihre Verdienste um die politische Berichterstattung erhielt Erika Krauß 1999 den „Alexander-Zinn-Preis für besondere publizistische Leistungen“ vom Hamburger Senat und 2004 die „Goldene Ehrennadel“ des DJV Deutscher Journalisten-Verband.
Am 26. Juni 2013 starb Erika Krauß, 96 Jahre alt, im Hamburger Bundeswehr Krankenhaus und wurde auf dem Waldfriedhof in Volksdorf beigesetzt.
2016 wurde in Altona-Nord eine Straße nach ihr benannt – die „Erika-Krauß-Twiete“ – und 2017, aus Anlass ihres 100. Geburtstags, ehrte der DJV sie mit der Ausstellung „Erika Krauß – eine Werkschau der besonderen ART“ – am Hansaplatz in St. Georg, dort wo in unmittelbarer Nähe ihre einstige Privatwohnung war.
(hhb)
Quellen:
Veit Ruppersberg: Erika Krauß – die Rathaus-Legende / Hamburger Abendblatt vom 26.9.2005
Pressefotografin Erika Krauß ist tot / SPIEGEL Kultur am 26.6.2013
Hamburg.de: Erika-Krauß-Twiete / Biograpien von A bis Z
Hamburger Frauenbiografien: Erika Krauß
Bücher:
Deutscher Journalisten-Verband Hamburg: Gemeinsam machen / 2020