Peter Lindbergh war einer der einflussreichsten Modefotografen in der Zeit unmittelbar ab den 80er Jahren. Ein weltbekannter Star-Fotograf, der nicht nur die aktuellen Modetrends visualisierte, sondern gleichzeitig die Modeberichterstattung in den Magazinen revolutionierte. Lindbergh war ein Fotokünstler, der seinen Fotomodellen jegliche Aura von Künstlichkeit ersparte. Seine Aufnahmen zeigen nicht nur die Modekreationen, sondern die Menschen, die sie trugen – ihre Gesichter, ihre Individualität, ihre Persönlichkeit.
Lindbergh wurde am 23. November 1944 als Peter Brodbeck in Lissa, dem damals von Deutschland annektierten Wartheland geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er mit seinen beiden Geschwistern in Nordrhein-Westfalen, in Duisburg. Nach Abschluss der Volksschule lernte er Schaufenster-Gestalter und arbeitete bei Karstadt. Um dem Wehrdienst zu entgehen, ging er in die Schweiz, nach Luzern. Zog aber bald weiter nach Berlin und belegte dort Abendkurse an der Kunstakademie. Hier wurde Vincent van Gogh sein künstlerisches Vorbild; auf dessen Spuren verbrachte er mehrere Monate in Arles und trampte danach zwei Jahre lang durch Südfrankreich, Spanien und Marokko.
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Zurück in Deutschland absolvierte er von 1965 bis 1969 ein Studium für freie Malerei, Gebrauchsgraphik und Design an der Werkkunstschule Krefeld. Schon in diesen Jahren interessierte er sich für die Fotografie und wurde nach dem Studium zwei Jahre lang Assistent des Düsseldorfer Werbefotografen Hans Lux. Anschließend machte er sich selbstständig und nahm als Künstlername Lindbergh an, wegen des internationalen Flairs. Ein Mode-Shooting für den Stern brachte ihm 1978 den Durchbruch. Es war der Auftakt für seine Welt-Karriere. Im selben Jahr zog Lindbergh nach Paris und fotografierte zunächst für die Vogue Italia – bald aber für alle internationalen Vogue-Ausgaben. Es folgten The New Yorker, Vanity Fair, Allure, Rolling Stone, Marie Claire, Wall Street Journal und weitere Magazine.
Wichtigste Auftraggeber für Lindbergh aber blieben zunächst die internationalen Ausgaben von Vogue, die ab 1988 von Anna Wintour geleitet wurde. Für dieses Modemagazin entdeckte er Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Christy Turlington oder Tatjana Patitz als Models und etablierte damit die neue Ära der Super-Models. Die er im Januar 1990 erstmals gemeinsam für eine ikonische Vogue-Titelseite abbildete.
1992 schloss Peter Lindbergh einen Vertrag mit Liz Tiberis von Harper‘s Bazaar; dort zahlte man ihm für alle Cover plus zwei Storys im Monat einen Millionenbetrag pro Jahr.
Berühmt geworden sind auch seine Porträts von Cathérine Deneuve, Charlotte Rampling, Tina Turner, Madonna, Jeanne Moreau, Sharon Stone, Mick Jagger, John Travolta, Keith Richards und vielen vielen anderen.
Und natürlich fotografierte er, nein inszenierte er, die Werbekampagnen für die großen Mode-Couturiers wie Giorgio Armani, Donna Karan, Calvin Klein, Prada oder Jil Sander. Dem Stern verriet er einmal: „Ich sehe mich als jemand, der die Kohlen reinschaufelt, damit der Luxusliner fährt und alle Lichter angehen.“
Aber er beschwor immer auch die Verantwortung der Fotodesigner, denn erst deren Einstellung, deren Haltung würden den guten Fotografen ausmachen: „Es ist heute so vor den Hund gegangen, wie Frauen in Magazinen aussehen.“ Das liege an den Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop oder an den Retuscheuren in den Werbeagenturen, die alle Hinweise auf ein gelebtes Leben auslöschen würden. Für ihn war „richtige Schönheit Individualität, die Courage man selbst zu sein.“ Der heute oft dargestellte Wahn nach Jugend und Perfektion sei für ihn nichts weiter als „manipulierte Fiktion“.
Er wollte weder Diven noch „Kleiderständer“ abbilden, sondern normale Frauen, mit denen sich die Leserinnen identifizieren konnten. In ihrem Umfeld und nicht nur in Sanddünen oder unter Palmen. Er fotografierte sie in Industrie- wie Stadtlandschaften und entwickelte so immer neue abwechslungsreiche Bildersprachen in der Modefotografie.
Lindbergh hat auch Filme gemacht, etwa „Models – The Film“ 1991 in New York oder „Inner Voices“ über die Darstellungskunst, wie sie im Lee Strasberg Studio gelehrt wird. Der wurde beim Filmfestival in Toronto als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Und nicht zu vergessen mit Pina Bausch „Der Fensterputzer“ für Channel 4 in London.
Zweimal, in den Jahren 1995 und 1997, wurde er als bester Fotograf mit dem „International Fashion Award“ ausgezeichnet.
Peter Lindbergh starb am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren in Paris.
Seine Fotografien aber sind zeitlos und werden darum immer wieder in Ausstellungen gezeigt, wie etwa „Untold Stories“ im Kunst-Palast zu Düsseldorf, danach im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg oder im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.
(hhb)