Herbert List

Der Hamburger Kaufmann Herbert List (1903–1975) kam als Autodidakt zur Fotografie und emigrierte 1936 als vom Surrealismus und Neuer Sachlichkeit geprägter Künstler aus Deutschland. Er fotografierte danach in Südeuropa, und lebte bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Athen. Nach dem Krieg wandte er sich zunehmend dem Portrait, der Reportage und Straßenfotografie zu und arbeitete mit der Agentur Magnum.

1930 lernt List den Architekten und Bauhaus-Absolventen Andreas Feininger kennen. Er überredet List zum Erwerb der neuen Spiegelreflexkamera Rolleiflex. Dies wird zum Ausgangspunkt für List, sich intensiver der Fotografie zu widmen. Er sondiert die Möglichkeiten des Mediums in einer am Neuen Sehen und der Neuen Sachlichkeit orientierten Straßenfotografie, sowie mit der Komposition von Stilleben.

Die politische Lage wird für den schwulen Mann mit jüdischen Großeltern jedoch zunehmend bedrohlich. Im Herbst 1936 entschließ sich List, Deutschland zu verlassen und emigriert nach Paris. Ein Netzwerk homosexueller Künstler hilft ihm, Fuß zu fassen. In den folgenden Jahren kann er Fotografien in Harper's Bazaar, Life und der neuen der Kunstzeitschrift Verve unterbringen. Im August verlässt List Paris und reist nach Griechenland. Es beginnen Monate intensiver Arbeit sowohl über Tempel und Skulpturen des klassischen Hellas als auch über Menschen und Architektur des Landes und der Inseln. Das Land wird in den kommenden Jahren zu seinem Lebensmittelpunkt.

Mit Beginn des Kriegs ist List in Griechenland gestrandet, wo ihm Auftragsarbeiten für die Stadtverwaltung Athen ein bescheidenes Leben sichern. Im Februar 1940 kann er 240 seiner Hellas-Fotografien in der Galerie Stratigopoulos zeigen.

Anfang der 30er Jahre traf er den Fotografen Andreas Feininger, der ihn anregte, das Fotografieren ernsthaft zu betreiben und zu seinem Beruf zu machen. Doch als sein Vater 1931 starb, musste er zunächst die Geschäftsführung übernehmen, bis er die später an seinen jüngeren Bruder übergeben konnte. Denn die Fotografie interessierte ihn längst deutlich mehr.

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Der deutsche Fotograf Herbert List, Santorin 1937

Copyright: Herbert List Estate - www.herbert-list.com

Ende März 1941, kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Griechenland, setzt die deutsche Gesandtschaft List unter Druck, nach Deutschland zurückzukehren. Um einer Verhaftung zu entgehen, begibt er sich nach München. In Hoffnung, durch Anstellung bei einem Verlag und Reisetätigkeit als Berichterstatter einer Einberufung zu entgehen, bewirbt List sich als Bildjournalist beim Reichsverband der deutschen Presse, der seine Bewerbung jedoch ablehnt.

Mit Beginn des Jahres 1944 entsteht die Serie „Präuschers Panoptikum“, die er im Wiener Prater fotografiert. Im April wird ihm eine Reise in das besetzte Paris ermöglicht, wo er alte Bekannte wie Christian Bérard, Jean Cocteau und den Fotografen Brassaï trifft. Es gelingt ihm auch, sich mit Pablo Picasso zum Shooting zu verabreden. Im Juni 1944 erhält List den Stellungsbefehl und wird als Verwalter eines Kartenlagers in das norwegische Bergen geschickt.

Erst im Sommer 1945 kehrt er nach München zurück. Er fotografiert im Oktober 1945 die in einer Papiermühle in München versteckte Mitgliederkartei der NSDAP und wird Mitarbeiter der Wochenzeitschrift Heute. Die surreale Trümmerlandschaft der vom Krieg heimgesuchten Stadt München inspiriert ihn zu einer Serie, die ähnlich der Ruinenästhetik der Antike auch an Stiche von Piranesi erinnert.

Mit dem Sommer 1948 scheint sich die Lähmung der deprimierenden Nachkriegszeit zu lösen: List erhält endlich ein Visum für Frankreich – seine erste Auslandsreise seit Kriegsende. In Paris trifft er Georges Braque, Marc Chagall, Jean Cocteau, Joan Miró, Hans Arp, Colette und Picasso. Spätestens mit diesem „Who’s who“ der Pariser Kulturszene beginnt List sich als der Porträt-Fotograf der Kunst und Kultur der Nachkriegszeit zu profilieren.

Ab 1950 scheint List auf neuen Höhen seiner Produktivität angekommen: Er unternimmt eine mehrmonatige Reise nach Italien In Mailand entsteht ein melancholisches Bildessay über die Casa Verdi, ein vom Komponisten im 19. Jahrhundert gestiftetes Altersheim für pensionierte Musiker. Das neue Italien fotografiert List nicht weniger emotional in der neu eröffneten Stazione Termini in Rom. Es entsteht ein erster Kontakt mit dem Regisseur Vittorio de Sica.

Der Fotojournalist ► Robert Capa besucht List 1951 in München und überzeugt ihn, seine Fotografien von der Fotografen-Kooperative Magnum vertreten zu lassen. Neben einem Beitrag für das Magnum-Projekt Generation X über die Nachkriegsjugend Europas fotografiert List das Lager Valka in Nürnberg, ein Ort zur Unterbringung heimatloser Ausländer, den sogenannten „Displaced Persons“.

1953 erscheint endlich sein Buch Licht über Hellas. Den Herbst verbringt List in Rom. Durch einen Unfall ans Haus gefesselt, schießt er seine erste Serie mit einem geliehenen Tele-Objektiv auf einer Leica Kleinbildkamera. Mit neuem Equipment, mehr Spontanität und Mut zur Nähe knüpft er an seine frühen Straßenfotografien aus Hamburg an.

Durch Beziehungen zu einem befreundeten Hamburger Reeder fährt List im Frühjahr 1957 auf einem Frachter in die Karibik. Konzentriert auf die Menschen, deren Lebenswirklichkeit und Spiritualität entsteht sein Buch Caribia und ein Themenheft der Schweizer Zeitschrift Du.

Die Bewunderung für Vittorio de Sica und sein neorealistisches Kino führt ihn 1961 erneut nach Neapel. Aus der Zusammenarbeit mit de Sica entsteht das Buch Napoli, das er bereits seit Mitte der Fünfzigerjahre plant.1964 wird Herbert List im Essener Folkwang Museum mit der David Octavius Hill-Medaille der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner geehrt.

Ende der Sechzigerjahre lässt sein Interesse an der Fotografie nach. Zunehmend beschäftigt er sich mit seiner Sammlung von Meisterzeichnungen, die inzwischen auf italienische Werke des 16. bis 18. Jahrhunderts fokussiert ist. List verspürt nur noch selten den Impuls zu fotografieren.

Am 4. April 1975 stirbt Herbert List an Krebs in München. Seine Werke sind heute in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten, wie z.B dem MoMa, V&A, Getty oder Centre Pompidou.

 

(Peer-Olaf Richter, Herbert List & Max Scheler Estate)

 

Quellen

Herbert List / Herbert List Estate Hamburg

Herbert List in magnumphotos

Eckart Goebel: Söhne des Lichts / mare online Oktober 2003

Herbert List. Retrospektive / kultur online 30.3.2010

Wilhelm Füßl: Herbert List als Industriefotograf / Visual History vom 23.6.2014

Herbert List – Das magische Auge / Bucerius Kunstforum

Bernhard Schulz: Fotograf Herbert List – Nur wer die Sehnsucht kennt / Tagesspiegel 5.8.2022

 

FOTOBÜCHER

Herbert List: Licht über Hellas. Eine Symphonie in Bildern, München 1953.

Herbert List: Caribia. Ein photographisches Skizzenbuch von den Caribischen Inseln, Hamburg 1958. 


Herbert List und Vittorio De Sica: Napoli, Gütersloh 1962.

Max Scheler (Hrsg.): Herbert List. Fotografia Metafisica, München 1980.

Max Scheler und Jack Woody (Hrsg.): Herbert List. Junge Männer, London/Pasadena 1988.

Max Scheler (Hrsg.): Herbert List. Italien, München/Paris/ London 1995.

Monika Faber, Andreas Nienhaus und Peer-Olaf Richter (Hrsg.): Herbert List. Panoptikum Leipzig 2022

 

AUSSTELLUNGSKATALOGE

Herbert List. Memento 1945. Münchner Ruinen, hrsg. von Ludger Derenthal und Ulrich Pohlmann,

Herbert List. Die Monographie, hrsg. von Max Scheler und Matthias Harder

Lo sguardo sulla bellezza. Roma, l’Italia e l’Europa nelle fotografie di Herbert List, hrsg. von Alessandra Maura und Peer-Olaf Richter

Herbert List. Das magische Auge, hrsg. vom Bucerius Kunstforum, Herbert List Estate und Münchner Stadtmuseum