Der Reportage- und Modefotograf Roger Melis war ein einfühlsamer Porträtist von Dichtern und Künstlern in Ost und West. Als freiberuflicher Bildberichterstatter und durch seine Straßenfotografie wurde er zu einem Wegbereiter des ostdeutschen Fotorealismus und zum Chronisten des dortigen Lebens in Stadt und Land. Außerdem gehörte er zu den bekanntesten Modefotografen der DDR.
Roger Melis wurde am 20. Oktober 1940 in Berlin als Sohn einer Journalistin und eines Bildhauers geboren. Er wuchs bei seinem Stiefvater Peter Huchel zunächst im Berliner Westen auf und dann ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam. Von 1957 bis 1960 absolvierte er eine Lehre als Fotograf und fuhr anschließend ein halbes Jahr zur See. Von 1962 bis 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Fotograf in der Charité und begann zunächst nebenberuflich erste Porträts von Dichtern und Denkern aus Ost und West zu machen. In der Folge entwickelte er sich zu einem empathischen Menschenbeobachter, der von da an faszinierende Bilder von Angehörigen aus allen Schichten in ihren Lebens- und Arbeitsbereichen machte.
Als Porträtfotograf schuf er lebensnahe Porträts und Fotoserien von mehr als 500 Persönlichkeiten wie Wolf Biermann, Thomas Brasch, Robert Havemann, Manfred Krug, Heiner Müller, Anna Seghers, Katharina Thalbach oder Helene Weigel. Damit gab er der Literatur, dem Theater sowie dem Film und der Malerei in Ostdeutschland ein Gesicht – sowohl den allgemein anerkannten wie später auch den jungen Kunstrebellen in den 80er Jahren vorm Mauerfall.
Selbstportrait aus 1997
Copyright: Nachlass Roger Melis
1966 machte er erste Bildreportagen für die Zeitschrift Merian und bildete dann ab 1967 zusammen mit seiner späteren Ehefrau Dorothea Bertram, damals Leiterin der Moderedaktion bei der Kultur- und Modezeitschrift Sibylle, ein stilbildendes Kreativteam für den Modebereich. Wobei man wissen muss, dass die Modeberichte in der Sibylle keinesfalls wie bei uns den Verkauf fördern sollten – in der DDR ging es mehr darum, die Frauen modisch zu schulen. Frauen in der DDR waren mehr als im Westen in die Arbeitswelt eingebunden, sie waren berufstätig, finanziell unabhängiger und auch emanzipierter. Sibylle wollte ihnen nun zeigen, wie sie mitten im Leben stehen und zugleich schön sein können.
1970 hatte Roger Melis Dorothea Bertram geheiratet und arbeitete als freier Fotograf auch für andere Medien. Das wurde abrupt beendet, nachdem er 1982 einen Artikel des ähnlich wie Wolf Biermann in den Westen abgeschobenen Erich Loest über das Waldsterben im Erzgebirge mit seinen Fotos illustrierte. Ein Bericht, der in GEO erschien. Wegen dieses Artikels verlor er die Möglichkeit, weiter als Bildreporter für die DDR-Presse zu arbeiten und widmete sich deshalb verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten.
Sein 1986 erschienenes Fotobuch „Paris zu Fuß“ wurde als erster Bildband, der allein mit Mitteln der Straßenfotografie vom Leben in einer fremden Stadt erzählt, zu einem großen Erfolg – mit 40.000 verkauften Exemplaren. Sein Buch „In einem stillen Land“ bietet einen Blick hinter die einst von Propaganda und Ideologie geschönte Fassade und zeigt ein realistisches Bild der DDR zwischen dörflicher Idylle und städtischem Verfall.
Nach der Wende konnte Melis wieder für Medien arbeiten, für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ. Und auch von den ostdeutschen Zeitungen und Zeitschriften kamen wieder Aufträge. Nebenher wirkte er als Lehrer für Fotografie beim Berliner Lette-Verein.
Und Melis begann nun, eine Werksausgabe vorzubereiten, mit Fotos, die der Kritiker Christoph Hein so einordnete. „Die Arbeiten von Roger Melis, schwarz-weiße Fotografien, die in ihrer Klarheit und ihrem Bildaufbau an die durchdachte, sorgfältige Komposition alter Gemälde erinnern, zeigen eine andere Welt und andere Menschen als die in der staatlich gelenkten Presse veröffentlichten Fotos. Melis verstand zu warten, bis der Blick ins Offene ging, der Mensch sichtbar wurde, er bei sich war und sich zeigte.“
Roger Melis starb am 11. September 2009 im Alter von 68 Jahren in Berlin.
2021 begann die Akademie der Künste in Berlin den Nachlass von Roger Melis sukzessive von Melis‘ Stiefsohn Mathias Bertram zu übernehmen und zu archivieren.
(hhb)
Quellen
Peter von Becker: Rezension: Die Stille hinter der Mauer / Tagesspiegel 3.6.2007
Christoph Hein: Erzählungen aus einer versunkenen Welt / FAZ 11.8.2007
Akademie der Künste richtet Roger-Melis-Archiv ein / 19.10.2020
Ida Luise Krenzlin: Im Sog der Bilder – Die ikonische DDR-Modefotografie von Roger Melis / Berliner Zeitung 25.2.2024
Ingeborg Ruthe: Fotograf Roger Melis in Berlin: Ein Menschenleser / Frankfurter Rundschau 10.9.2024
Bücher
Roger Melis: In einem stillen Land. Fotografien 1965-1989 / Lehmstedt 2007
Roger Melis: Die Ostdeutschen / Fotografien aus dem Nachlass 1964-1990 / Lehmstedt Verlag Leipzig 2019
Roger Melis: Paris zu Fuß / Lehmstedt Verlag Leipzig 2020
Roger Melis: Thea. Porträts und Momente / Lehmstedt Verlag Leipzig 2021
Roger Melis: Modefotografie / Fashion Photography / Lehmstedt Verlag 2022