Edward Steichen

Edward Steichen gehört zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Als Fotograf wie auch Kurator hatte er erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Fotografie in Europa und in den USA. Seine Ausstellung „The Family of Man“ im Museum of Modern Art gilt noch heute als wichtigste Ausstellung über die Geschichte der dokumentarischen Fotografie.

Edouard Jean Steichen wurde am 27. März 1879 im Großherzogtum Luxemburg geboren. Im Jahr nach seiner Geburt war sein Vater in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA ausgewandert; seine Frau folgte ihm mit dem Erstgeborenen im Januar 1881. Von 1888 bis 1894 besuchte Edward, wie er sich nun nannte, das katholische Pio Nono College Internat in St. Francis, Wisconsin. Dort fiel er wegen seiner Streiche, aber auch durch sein künstlerisches Talent auf.

Bereits als 14-Jähriger hatte er 1893 die Weltausstellung in Chicago besucht, sich dort mit Geld von seiner Mutter eine Kamera gekauft und fing an zu fotografieren. Nach Ende der Schulzeit begann er eine Ausbildung als Schriftsetzer und Lithograph. Schon von da an arbeitete er auch als Gebrauchsgrafiker und Werbedesigner. Mit seinen ersten Fotos bewarb er sich bei Wettbewerben und wurde mehrfach ausgezeichnet. So lernte er auch den Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz kennen, für dessen Zeitschrift Camera Work er später arbeitete.

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Copyright: Edward Steichen - Vanity Fair. January, 1923, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84601959

Zunächst aber machte er mit einem Freund eine Radtour durch Europa. In Paris besuchte er Malkurse an der Académie Julien, reiste weiter nach Wien, London und fotografierte beim Stuttgarter Sozialistenkongress August Bebel und Karl Liebknecht. 1902, wieder zurück in den USA, gründete er in New York ein Fotostudio und begann für Camera Work zu arbeiten, als Typograf und Titelbild-Gestalter. 15 Jahre lang prägte er 50 Ausgaben dieser Fachzeitschrift und veröffentlichte in ihr mehr als 60 seiner Fotografien.

Steichen pendelte nun ständig zwischen Amerika und Europa, zwischen New York und Paris. 1908 hatte die Familie Steichen einen Bauernhof in Voulangis nahe Paris gepachtet, auf dem Edward als Maler und Fotograf arbeitete und befreundete Künstler empfing. Dort experimentierte er mit neuen Techniken in der Fotografie wie in seiner Malerei. Steichen damals: „Ich bin der festen Überzeugung, dass Kunst kosmopolitisch ist. Man muss sich mit allem befassen. Ich hasse Spezialisierung, sie ist der Ruin der Kunst.“

Seine Modeaufnahmen im Jahr 1911 für den Couturier Paul Poiret und das Magazin Art et Décoration gelten heute als Beginn der modernen Modefotografie.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs musste er diesen Hof verlassen und in die USA zurückkehren. Als die USA 1917 in den Krieg eintraten, meldete sich Steichen als Kriegsfreiwilliger bei der US-Luftaufklärung.

Von 1923 bis 1938 widmete Steichen sich nun ganz der Modefotografie und wurde Cheffotograf für Vogue und Vanity Fair. Bis in die 30er Jahre entstanden rund 1.000 Porträts wichtiger und berühmter Persönlichkeiten wie Greta Garbo, Winston Churchill, Gary Cooper oder vom Unternehmer J.P. Morgan. Aber auch afro-amerikanische Musiker porträtierte und veröffentlichte er, etwa die Jazz-Sängerin Florence Mills oder den Sänger und Bürgerrechtler Paul Robeson. Steichen setzte sich generell gegen jede Diskriminierung afroamerikanischer Künstler und Fotografen ein. Und 1932 gestaltete Steichen für die Vogue das erste vierfarbige Titelbild.

Auch im Zweiten Weltkrieg war Steichen ab 1941 im Alter von 62 Jahren wieder als Freiwilliger im Einsatz, als Leiter der Fotoabteilung der US-Navy im Pazifik. Schon an der Front kuratierte Steichen zwei Ausstellungen für das Museum of Modern Art: 1942 „The Road of Victory“ sowie 1945 „Power in the Pacific“ und half dem US-Regisseur William Wyler bei der Produktion eines Films über den Alltag auf einem Flugzeugträger, der 1944 einen Oscar als bester Dokumentarfilm bekam.

1947 wurde Edward Steichen Leiter der Fotografie-Abteilung im MoMa Museum of Modern Art. Dort kuratierte er in 15 Jahren bis 1962 insgesamt 44 Ausstellungen, darunter seine wohl wichtigste: The Family of Man.

Die Idee dazu hatte er bereits zu Beginn der 1950er Jahre – damals begann er, zusammen mit einem internationalen Team, 503 Fotografien von 273 Fotografen aus 68 Ländern auszuwählen. Diese Sammlung sollte die Grundsätze der Vereinten Nationen und ihre Menschenrechtsdeklaration in dieser Zeit des Kalten Kriegs als Botschaft des Friedens verkünden:

„THE FAMILY OF MAN is planned as an exhibition of photography portraying the universal elements and emotions and the oneness of human beings throughout the world. It is probably the most ambitious and challenging project photography has ever faced and one for which, I believe, the art of photography is uniquely qualified”, hieß es dazu in der Pressemitteilung des MoMA vom 31. Januar 1954. 1955 wurde sie im MoMa dann erstmals gezeigt und ging danach auf eine Reise durch 150 Museen in aller Welt, wo sie von zehn Millionen Menschen besucht wurde. Heutzutage werden die Fotos aus der Sammlung „Family of Man“ und dazu andere von Steichen selbst als Dauerausstellung in Luxemburg gezeigt – in Steichens Heimatland, wohin er diese Bilder 1966 als Schenkung gab. Dort wird die gesamte Steichen Collection nun bewahrt und restauriert.

Über sein Lebenswerk urteilte Edward Steichen letztendlich so:

„Als ich mich der Fotografie widmete, war es mein Wunsch, sie als Kunst anerkannt zu sehen. Heute würde ich für dieses Ziel keinen Pfifferling geben. Die Aufgabe des Fotografen ist es, den Menschen den Menschen zu erklären und ihm zur Selbsterkenntnis zu verhelfen.“

Edward Steichen starb am 25. März 1973, zwei Tage vor seinem 94. Geburtstag in Redding/Connecticut.

 

(hhb)

 

Quellen:

Edward Steichen – vom Mann seiner Zeit zum zeitlosen Künstler / The Family of Man

Edward Steichen – die Steichen Collections in Luxembourg

The Family of Man – UNESCO Weltdokumentenerbe, Schloss Clervaux

 

Bücher:

Edward Steichen: The Family of Man / Museum of Modern Art

Edward Steichen – ein Leben in Fotografie / Doubleday, London 1963

Edward Steichen: Celebrity Design (Fotoporträts berühmter Zeitgenossen)