Abisag Tüllmann

Abisag Tüllmann war eine bedeutende deutsche Reportage- und Theater-Fotografin. Ihr Credo: „Ich erkunde mit meinen Kameras beides, die politische, soziale und literarische Welt, soweit sie sich auf den Brettern der Bühne manifestiert, mit derselben Neugierde.“

Sie wurde am 7. Oktober 1935 als Ursula Eva Tüllmann in Hagen/Westfalen geboren. Ihr Großvater mütterlicherseits entstammte einer jüdischen Familie; darum galt ihre Mutter im Dritten Reich als Halbjüdin. Ihr Vater, der sich nicht von ihr trennen wollte, musste daraufhin 1937 seinen Lesezirkel verkaufen, sich mit verschiedenen Jobs durchschlagen und wurde schließlich 1944 zur Zwangsarbeit nach Schlesien geschickt, wo er 1945 an Entkräftung starb.

 

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Copyright: bpk / Petra Welzel

Nach dem Krieg lebte Ursula Tüllmann bei ihrer Mutter in Wuppertal und besuchte dort eine Mädchenoberschule. Nach ihrer Mittleren Reife im Jahr 1952 absolvierte sie zunächst ein Tischlerpraktikum und studierte danach von 1953 bis 1955 vier Semester Innenarchitektur an der Werkkunstschule in Wuppertal-Vohwinkel. Dieses Studium brach sie ab, arbeitete vorübergehend als technische Zeichnerin und anschließend von 1956 bis 1957 im Wuppertaler Werbefoto-Studio „it copyright“ des von jungen Frauen umschwärmten Schriftstellers Paul Pörtner. Pörtner war nach Kriegsende Gründer der Künstlervereinigung „Der Turm“ – er schlug ihr vor, den jüdischen Vornamen Abisag anzunehmen. Als Vorbild dürfte ihm dabei weniger die Pflegerin von König David im Alten Testament gedient haben als die deutlicher erotisch konnotierte Abisag im gleichnamigen Gedicht von Rainer Maria Rilke.

1957 zog Abisag Tüllmann nach Frankfurt/Main und wurde Volontärin des Werbefotografen Dieter Jörs. Bereits ein Jahr später begann sie ihre Arbeit als freie Fotografin für die Frankfurter Neue Presse, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Rundschau. 1960 wurde sie als Bildjournalistin zunächst Mitglied im Hessischen, ein Jahr später im Deutschen Journalisten-Verband. Und lieferte fortan Bilder und Fotoreportagen für Zeitungen und Zeitschriften wie Spiegel, Stern, Die Zeit, Magnum, Publik visuell, Scala International oder Capital. Im Laufe der Jahre dürften mehr als 100 Medien ihre Fotos gedruckt haben.

Denn als Bildjournalistin dokumentierte sie die politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche ihrer Zeit. Dafür bot ihr Frankfurt ein breites Betätigungsfeld. Vor allem in den 60er Jahren – mit den Demonstrationen und Versammlungen in der Frankfurter Universität, mit der Jugendszene und deren Umfeld, mit den Häuserkämpfen gegen die Spekulanten im Frankfurter Westend oder die Aktionen der Frauenbewegung. Sie bildete auch das Leben am Rande der Gesellschaft ab, von Obdachlosen oder Migranten. Und später dokumentierte sie die zahllosen Krawalle um die Startbahn West.

Ihre fotografischen Porträts von Joschka Fischer, Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit standen für die Visualisierung der 68er Bewegung, oder Alice Schwarzer als Symbol für die Emanzipation der Frauen. Im kulturellen Bereich porträtierte sie Joseph Beuys, Herbert Marcuse oder Claus Peymann, um nur einige zu nennen.

In mehreren Fotoreportagen und Fotobüchern beschrieb sie das Leben in ihrer Wahlheimat Frankfurt, in der bürgerlichen wie auch in der facettenreichen alternativen Stadtgesellschaft. Natürlich auch andere Stadtlandschaften und immer das dortige Kulturleben, in Theatern, Museen, Galerien, Konzertsälen oder Jazz- und Jugend-Clubs.

Bereits 1962 hatte sie Aufnahmen von den Inszenierungen des Studententheaters „neue bühne“ gemacht. Das war der Beginn für ihr zweites Standbein Theaterfotografie: Claus Peymann, der sie am TAT – Theater am Turm kennengelernt hatte, holte sie an die Schaubühne in Berlin. Sie fotografierte für die Salzburger Festspiele, das Burgtheater in Wien, für das Théâtre Royale de la Monnaie in Brüssel oder das Théâtre Vidy in Lausanne. Viele dieser Bilder erschienen auch in den Medien.

Auch politisches Weltgeschehen wurde von Abisag Tüllmann mit der Kamera festgehalten, auf ihren Fotoreisen in alle Welt: die Umbrüche in Algerien, die Konflikte zwischen Israel und Palästina, die Rassenprobleme in Südafrika, das Leben in früheren Kolonien wie Namibia, Sambia oder Simbabwe. Sie berichtete aus Polen, dem Libanon, aus Paris, Italien oder Süd-Korea.

1970 wurde sie als Dozentin für Fotografie an die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin berufen. Reportage-Fotografie lehrte sie auch an der Städelschule in Frankfurt, an der Universität Mainz, an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg oder an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Abisag Tüllmann starb am 24. September 1996 im Alter von nicht einmal 61 Jahren an Krebs. Sie wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.

Ihr eigentliches Ausdrucksmittel war die Schwarzweiß-Fotografie. Die Süddeutsche Zeitung lobte in einem Nachruf am 26. September1996 „ihren verhaltenen Blick für die Komik des Tragischen“. Die zahllosen Theaterfotografien hat sie vor ihrem Tod an das Deutsche Theatermuseum in München übergeben – ihr journalistisches Gesamtwerk übernahm das Bildarchiv vom Preußischen Kulturbesitz.

Mehrmals beteiligte sie sich an den Weltausstellungen der Fotographie. Posthum gab es 2011 eine Werkschau im Historischen Museum Frankfurt. Und immer wieder sind andernorts Ausstellungen mit ihren Zeitdokumenten zu sehen.

Zweimal, 2011 und 2013, wurde ein „Abisag-Tüllmann-Preis“ vergeben: 2011 u.a. an Anja Niedringhaus, eine Kriegsberichterstatterin, an die wir ebenfalls in unserer „Hall of Fame“ erinnern.

 

(hhb)