Jay Ullal, ein in Indien geborener und für deutsche Medien arbeitender Bild- und Kriegsreporter, gehört zu den großen Pressefotografen des 20. Jahrhunderts. Der gelernte Kameramann kam 1963 nach Deutschland. Von 1970 an arbeitete er 30 Jahre lang für das Magazin STERN und hat dessen Bildsprache entscheidend mitgeprägt.
Jaywant Jay Ullal wurde am 9. September 1933 im südindischen Mangalore geboren und ließ sich als junger Mann zum Kameramann und Dokumentarfilmer ausbilden. Danach war er bis 1957 für ein Filmunternehmen in „Bollywood“ tätig. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als Fotoreporter für die Times of India. Für dieses Blatt wartete er zusammen mit mehreren Kollegen aus aller Welt an der chinesischen Grenze auf die Ankunft des Dalai Lama, auf dem Weg ins Exil. Dort lernte er den damaligen Stern-Reporter ► Rolf Gillhausen kennen, der ihn animierte, nach Deutschland zu kommen.
1963 kam er mit seiner Frau Rajni via England nach Deutschland und wurde im Jahr darauf durch Gillhausens Fürsprache Pressefotograf für die Frauenzeitschrift Constanze. Für sie produzierte er Homestories über die Reichen und Schönen der 60er Jahre und fotografierte zum Beispiel die Hochzeit von Jacky Kennedy mit Aristoteles Onassis. Als die Constanze 1969 eingestellt wurde, wechselte er zum Stern.
Copyright: Bayerische Staatsbibliothek/stern-Fotoarchiv/Jay Ullal
Für den Stern machte er ausgedehnte Fotoreportagen aus aller Welt. Als Reporter berichtete er vom Vietnam-Krieg aus Indochina sowie aus den Krisengebieten im Nahen Osten, über die Konflikte zwischen den Arabern und Israel. Im libanesischen Bürgerkrieg wurde er in Damur Zeuge eines Massakers an Christen und konnte nur knapp dem Tod entkommen. Auch während der Konflikte in Äthiopien, Pakistan, Kambodscha, Afghanistan, Nicaragua, Kuweit, Irak oder Syrien sowie auf dem Balkan war er stets vor Ort, um der Redaktion authentische Berichte von vorderster Front zu liefern. Diesen Teil seiner Pressearbeit, die Kriegsberichterstattung, aber auch die Blicke durch seine Kamera auf das Leben in aller Welt fasste er 2002 in dem Buch „Man hat nur sieben Leben – Fotoreportagen die bewegen“ zusammen – als Buch herausgegeben mit Hilfe seines schreibenden Kollegen Kai Hermann.
Aber von Jay Ullal kamen auch Porträtfotos, die heute zu den Foto-Ikonen gehören und damals entscheidend dazu beigetragen haben, den Stern zu der aufregenden Zeitschrift auch durch Fotografie zu machen: Willy Brandt beim Rasieren, der glatzköpfige Yassir Arafat ohne Turban, Staatsoberhäupter wie Nehru oder Indira Gandhi und die Monarchen Queen Elizabeth II., Kaiser Haile Selassie oder König Hussein von Jordanien. Nicht zu vergessen den Dalai Lama oder Mutter Teresa sowie bekannte Stars wie Brigitte Bardot und Herbert von Karajan. Oder seine Fotos aus dem Ashram des Baghwan, mit denen er die orgiastischen Therapien in Poona dokumentierte und so über das wahre Geschehen dort aufklärte.
Etwa 300 Bildberichte aus aller Welt, von allen Kontinenten dürfte er allein dem Stern geliefert haben. Kein Wunder, dass ► Henri Nannen ihn immer wieder aufforderte, sich auf Reisen zu begeben, um weitere bisher noch nicht erzählte Geschichten aufzuspüren: „Was machen sie noch hier in der Redaktion? Fahren Sie los, setzen Sie sich in den Flieger!“
In den 80er Jahren wurde er auf den Philippinen entführt und sollte zusammen mit seinem Kollegen erschossen werden. Er konnte den Kommandanten überzeugen, dass tote Journalisten für ihn nichts wert seien. So konnte der Stern die beiden freikaufen. Und als er gefragt wurde, wie er mit all den Kriegsgräueln fertig werde, wie er sie verarbeiten würde, antwortete Ullal: „Ich höre nicht auf zu fotografieren.“
Für seine Nordkorea-Reportage erhielt Ullal 1996 beim „Fuji-Award-Wettbewerb“ den „Euro-Photo-Preis“. Außerdem wurde er 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet
Jay Ullal starb am 18. Juli 2023 im Alter von 89 Jahren in Hamburg, wo er mit seiner Frau Rajni im Ortsteil Hamburg-Poppenbüttel wohnte.
(hhb)
Quellen:
Jay Ullal: Documenting the World for over 50 Years
Holger Christmann: Jay Ullal: Das Pathos des Augenblicks / FAZ vom 1.3.2002
Rediff on the Net: The Eyes of Jay Ullal
Raphael Geiger: Jay Ullal – vor seiner Kamera spielte sich die Weltgeschichte ab / Stern am 19.7.2023
Kriegsfotograf Jay Ullal in Hamburg gestorben / Hamburger Abendblatt v. 21.7.23
turi2.de: “stern”-Fotograf Jay Ullal, 89, ist tot.
Traueranzeige Jay Ullal
Bücher:
Jay Ullal, Kai Herrmann + Man hat nur sieben Leben – Fotoreportagen die bewegen‘ / Aufbau-Verlag 2002
Jay Ullal,Peter Hannes Lehmann: Tibet – Das stille Drama auf dem Dach der Erde / GEO-Buch