Paul Böttcher

Der Politiker und Journalist Paul Böttcher war ein Veteran in beiden deutschen Arbeiterparteien – bei den Sozialdemokraten wie den Kommunisten. Weil er sich beim Aufbau der Weimarer Republik energisch für republikanische Legalität einsetzte, musste er seine Parteimitgliedschaften mehrfach wechseln. Als Journalist wie Politiker leistete er allen autokratischen und undemokratischen Tendenzen heftigen Widerstand, sowohl gegen Nationalsozialismus wie auch in der stalinistisch infiltrierten KPD.

Paul Herbert Böttcher wurde am 2. Mai 1891 als Sohn eines Schmieds und einer Köchin in Leipzig-Neuschönefeld geboren. Paul war das jüngste von acht Kindern – zusammen wuchsen sie in einem typisch proletarischen Milieu auf. Nach dem Besuch der Volksschule machte Paul von 1905 bis 1909 in einer Leipziger Druckerei eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Danach begann er in diesem Beruf zu arbeiten, nicht nur in Deutschland, sondern während seiner damals üblichen Wanderschaft in Österreich, Italien, in der Schweiz, in Frankreich oder Belgien. Zuletzt machte er noch einen Abstecher nach Skandinavien.

Von 1907 bis 1919 war er Mitglied bei der Sozialistischen Jugend in Leipzig und leitete dort 1908 eine Jugendgruppe, in der auch Walter Ulbricht Mitglied war. 1907, im Alter von 18 Jahren, durfte er der SPD beitreten und sympathisierte dort mit deren linkem Flügel. So wurde er zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein Gegner der „Burgfriedenspolitik“ seiner Parteiführung und lehnte jede Unterstützung durch die SPD ab. Er stand hinter den Positionen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und war aktiv in einer oppositionellen Antikriegsbewegung.

Sein Vater war kurz vor dem Ersten Weltkrieg gestorben – seine Mutter verstarb 1919 – er aber musste natürlich von 1913 bis 1918 Militärdienst leisten, zuletzt im Rang eines Unteroffiziers. Die SPD hat er 1917 verlassen und war zur USPD Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands übergetreten. Dort wurde er ab November 1918 Mitglied im Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat und von da an Redakteur bei der links-sozialistischen Leipziger Volkszeitung. 1919 kam er deswegen für fünf Monate in Schutzhaft auf der Feste Königstein.

In den Jahren 1920/21 lebte er in Stuttgart als Chefredakteur der dort erscheinenden Zeitung Sozialdemokrat, dem Parteiorgan der USPD. Nach dem Zusammenschluss von USPD und KPD wurde das Blatt in Kommunist umbenannt, von Böttcher aber weiterhin geleitet, dazu noch ein paar KPD-Zeitschriften.

Von 1922 bis 1929 wurde er Mitglied im Sächsischen Landtag, war im Oktober 1923 kurzzeitig Finanzminister in Sachsens sozialdemokratisch-kommunistischer Regierung und arbeitete danach als Chefredakteur des Parteiorgans Rote Fahne. Ab 1926 wurde Böttcher dann Chefredakteur der Sächsischen Arbeiterzeitung, bis zu seinem Parteiausschluss im Jahr 1929.

Der erfolgte, weil er zusammen mit der „Brandler-Gruppe“ zur parteiinternen Opposition in der KPD gehörte, welche eine bereits damals einsetzende autoritäre Bevormundung der deutschen KPD durch die Kommunistische Internationale Komintern aus Moskau und damit den Abbau der innerparteilichen Demokratie verhindern wollte. Heinrich Brandler hatte darum zusammen mit anderen Oppositionellen die KPO Kommunistische Partei-Opposition gegründet, mit dem Ziel, unabhängig von Komintern-Direktiven zu werden und im Rahmen der parlamentarischen Demokratie für eine antifaschistische Einheitsfront gegen die Nazis zu sorgen, das auch durch Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und mit der SPD.

Böttcher half, für die KPO eine eigene Presse aufzubauen – dazu gehörten die Wochenschrift Arbeiterpolitik, die Böttcher ab 1930 als Chefredakteur leitete, sowie das Theorieblatt Gegen den Strom oder die von noch weiteren kommunistischen Oppositionellen in Europa unterstützte Zeitschrift Der internationale Klassenkampf.

Unmittelbar nach der NS-Machtergreifung stellte sich die KPO auf illegale Arbeit um. Paul Böttcher emigrierte 1933 in die Schweiz, wurde dort im Juni 1934 zwar wegen politischer Betätigung ausgewiesen, lebte aber bis 1944 illegal in Genf als angeblicher Ehemann von Rachel Dübendorfer, mit der er zusammen für den sowjetischen Militärnachrichtendienst GRU tätig wurde. Deshalb wurde er im Januar 1944 wegen Spionage verhaftet, angeklagt und kam nach kurzer Untersuchungshaft bis 1945 ins Arbeitslager Siehen bei Eggiwil nahe Bern. Von dort gelang ihm im Juli 1945 die Flucht nach Frankreich.

Im September 1945 kehrte er nach Deutschland in die SBZ Sowjetisch besetzte Zone zurück. In Berlin wurde er im Februar 1946 zusammen mit Rachel Dübendorfer unter einem Vorwand nach Moskau bestellt und dort ohne Prozess wegen „passiver Spionage“ zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Die musste er bis 1956 in 40 verschiedenen Lagern und Gefängnissen des GULag erdulden.

Schwer erkrankt kehrte er nach Stalins Tod und dem von Chruschtschow eingeleiteten „ideologischen Tauwetter“ im März 1956 nach Deutschland in die DDR zurück. Er wurde von der SED rehabilitiert und durfte danach bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1968 als stellvertretender Chefredakteur bei der Leipziger Volkszeitung arbeiten.

In der DDR wurde er mehrfach ausgezeichnet: 1965 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Paul Böttcher starb am 17. Februar 1975 in Leipzig und wurde im Ehrenhain des Leipziger Südfriedhofes beigesetzt – allerdings ohne jede Trauerrede.

In den Nachrufen blieb seine KPO-Mitgliedschaft unerwähnt. Aber Erich Loest setzte ihm in seiner 2009 erschienenen Erzählung „Wäschekorb“ ein literarisches Denkmal: denn für Loest gehörte Paul Böttcher „zum Besten, was die Arbeiterklasse hervorgebracht hat“.

(hhb)

 

Quellen

Böttcher, Paul Herbert / Wer war wer in der DDR? / Bundesstiftung Aufarbeitung

Paul Böttcher / Weggum

Hermann Wichers: Paul Böttcher / Historisches Lexikon Schweiz

Böttcher, Paul (Herbert) / Das Bundesarchiv

Kurt Schneider: Vor 45 Jahren verstorben: Paul Böttcher / Leipzigs Neue Feb. 2020

Erich Loest: Wäschekorb / Steidl Verlag 2009