Jürgen Bertram arbeitete rund 40 Jahre als Journalist, davon 30 Jahre für die ARD. Allein 13 Jahre lang berichtete er als Auslandskorrespondent für die ARD aus Peking und Singapur. Aufsehen erweckte er mit seinem Buch „Mattscheibe – Das Ende der Fernsehkultur“, in dem er das Eindringen von Schleichwerbung und Korruption sowie die Boulevardisierung und damit den Abbau von einstigen Qualitätsansprüchen bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beschrieb.
Jürgen Bertram wurde 1940 in Fürstenwalde geboren und wuchs in Goslar auf. Seine Kindheit nach Kriegsende war schwierig, vor allem wegen der anhaltenden Nazi-Begeisterung seines gewalttätigen Vaters. Damals rettete er sich in die Welt des Fußballs, kickte trotz väterlicher Verbote mit Freunden auf Straße und Schulhof als Torwart. Fußball war für den autoritären Vater nichts als Proleten-Sport. Aus dieser Flucht in die Fußballbegeisterung entstanden später mehrere seiner Bücher.
Seine journalistische Karriere begann er beim Helmstedter Kreisblatt. Die nächsten Stationen waren die Deutsche Presse-Agentur dpa und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Danach arbeitete er zunächst freiberuflich für verschiedene Medien, bis er dann als fester Mitarbeiter zum NDR wechselte und sich dort vor allem mit sozialkritischen Themen beschäftigte.
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Bertram wurde der erste China-Korrespondent der ARD, gleich nachdem die Volksrepublik ausländische Korrespondenten zugelassen hatte. Als einer der wenigen westlichen Reporter berichtete er im Juni 1989 über das Massaker auf dem Tian‘anmen-Platz in Peking, wo die Protestbewegung der Studenten von der Staatsmacht brutal niedergewalzt wurde.
Nach seinen Korrespondentenjahren in Peking und in Singapur kehrte Bertram 1995 nach Hamburg zurück und leitete dort fünf Jahre lang die Abteilung Zeitgeschehen im NDR. „Dort war er nicht sonderlich glücklich“, so seine Ehefrau Helga, „weil das ganze Fernsehen sich verändert hatte.“ Für ihren Mann seien viele Inhalte zu boulevardesk und oberflächlich geworden. Zu viel Königshäuser und Volksmusik, umrandet von deutscher Idylle. Seine Vorstellung von Journalismus beschrieb er so: „Dem Idyll misstrauen, statt es zu bedienen, und der Gefahr, dass Sentimentalität und Populismus umschlagen in Radikalismus und Gewalt, durch konsequente Aufklärung und Kritik begegnen.“
Darum entschloss sich Jürgen Bertram mit 60 Jahren in den Vorruhestand zu gehen. Ab dem Jahr 2000 veröffentlichte er zahlreiche Bücher mit seinen Erfahrungen und kritischen Anmerkungen dazu: wie 2006 in „Mattscheibe – das Ende der Fernsehkultur“. Das war seine Sicht auf die aktuelle Situation in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – weniger Abrechnung als eine Mahnung zur Rückbesinnung auf den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und des Fernsehens. Im Staatsvertrag für Rundfunk und Medien heißt es dazu:
„Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.
Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sie sollen hierdurch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten. Auch Unterhaltung soll einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entsprechen.“
Die zunehmende Ökonomisierung hat allerdings auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten zur verstärkten Jagd auf Einschaltquoten geführt, durch immer mehr Unterhaltung, Krimis, Sportübertragungen und ähnlichem.
2009 beschäftigte er sich in dem Buch „China-Falle“ mit spektakulären Fällen der chinesischen Produktpiraterie, erläuterte darüber hinaus auch die kulturellen wie politischen Hintergründe in der Volksrepublik. Er wurde daraufhin zu Vorträgen in Handelskammern, Branchenverbänden und Firmen eingeladen, die in China investieren wollten.
Sein letztes Buch im Jahr 2011 – „Torschrei“ – war wiederum seiner problematischen Jugend in Goslar und der daraus entstandenen Fußballbegeisterung gewidmet. Die hatte schon Mitte der 1970er Jahre dazu geführt, dass er damals für den NDR den Film „Die Helden von Bern“ produziert hatte.
Jürgen Bertram starb am 12. August 2023 in Hamburg.
(hhb)
Quellen:
Nils Minkmar: Jürgen Bertram - Ein Mann sieht bunt / FAZ vom 19.12.2005
Michael Grisko: Rezension von Bertrams Mattscheibe. Das Ende der Fernsehkultur / Media/Rep Repositorium für die Medienwissenschaft
Hans-Jürgen Fink: Bertram: Die heilende Kraft des Torschreis / Hamburger Abendblatt 24.5.2011
Thomas Jädicke: Ins Leben gestürmt / Deutschlandfunk Kultur 23.11.2011
Jürgen Bertram – Erster China-Korrespondent der ARD gestorben / Evangelische Zeitung am 14.8.2023
Trauer um Ex-ARD-Korrespondent Bertram / Hamburger Abendblatt vom 21.8.2023
Bücher:
Jürgen Bertram: Der Story-Jäger – Ein Enthüllungsroman aus der Welt der Fernseh-News / S. Fischer Verlag 2004
Jürgen Bertram: Mattscheibe – Das Ende der Fernsehkultur / S. Fischer Verlag 2006
Jürgen Bertram: Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen / Osburg-Verlag 2011