Wilhelm Blos

Wilhelm Blos hat sich im 19. Jahrhundert stets mutig für Demokratie sowie für individuelle und gesellschaftliche Freiheit eingesetzt. Schon als junger Journalist gehörte er zu den frühen Aktivisten beim Aufbau einer sozialdemokratischen Presse. Darum musste er immer wieder unter Zensur und Polizeigewalt leiden; zu Beginn seiner Tätigkeit in den Jahren der Restauration nach 1848/49 und später ab 1878 als Folge von Bismarcks Sozialistengesetz. Damals waren Journalisten den Repressionen der feudalen Obrigkeit gegen Meinungs- und Pressefreiheit ausgesetzt. Um solcher Rechtlosigkeit entgegenzuwirken, ging Blos schließlich in die Politik und wurde nach dem Ersten Weltkrieg im November 1919 erster Staatspräsident des Volksstaates Württemberg.

Wilhelm Josef Blos wurde am 5. Oktober 1849 als Sohn eines Landarztes in Wertheim geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater – seine Mutter heiratete wieder, leider einen ebenso bornierten wie brutalen Förster, der seinen Stiefsohn ständig drangsalierte und misshandelte. Ab 1863 lebte er daher bei seiner Großmutter und besuchte kurzzeitig das Lyzeum in Wertheim. Denn der Stiefvater war sein Vormund und setzte durch, dass Blos 1866 das Lyzeum verlassen und eine kaufmännische Lehre beginnen musste. Dagegen wehrte er sich mit Hilfe des Gemeinderats in Eberbach, das dem Stiefvater die Vormundschaft aberkannte und ihn zwang, den jungen Mann aus seinem ererbten väterlichen Vermögen zu unterstützen. So konnte Blos die unterbrochene Schulbildung in einer sogenannten „Schnellpresse“ fortsetzen. Im Sommer 1868 legte er in Karlsruhe eine glänzende Maturitätsprüfung ab und begann sofort Philologie und Geschichte in Freiburg zu studieren.

Bald begannen die finanziellen Querelen erneut, weil sein Stiefvater ihm die fürs Studium erforderlichen Mittel aus dem ererbten Vermögen vorenthielt. Also begann er als Zollamtsschreiber in Überlingen, in der Hoffnung, so sein Studium bald wieder fortsetzen zu können. Dort begann er, nebenher als Unterredakteur für den Konstanzer Volksfreund zu arbeiten – ein demokratisches Blatt, das allerdings damals während des Deutsch-Französischen Kriegs unter der aufkommenden nationalen Hochstimmung kontinuierlich Abonnements verlor und eingestellt werden musste.

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Copyright: Von unbekannt - Bureau des Reichstags (Hg.): Reichstags-Handbuch, 13. Legislaturperiode, Berlin 1912, PD-§-134, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=5106815

Nächste Wirkungsstätte war der Schwarzwälder Bote, der zwar auf gesunderen Beinen stand, aber aus ähnlichen Gründen mit seiner bisherigen demokratischen Haltung brach. Nächste Station war ab Oktober 1871 das Würzburger Journal, wo seine angeblich aber zu radikale demokratische Haltung angesichts des neuen deutschen Kaiserreichs auf Ablehnung der Verlegerin stieß. Danach übernahm er die Redaktionsleitung beim Fürther demokratischen Wochenblatt und beim Nürnberger Anzeiger, wo er nun mit sozialdemokratischen Politikern in Kontakt kam und Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation wurde, dem ersten Zusammenschluss von Arbeitergesellschaften. Sozialismus war für ihn keine Heilslehre, sondern der pragmatische Weg zur Verwirklichung einer freien Gesellschaft mit gleichen Rechten und Pflichten für alle.

Folgerichtig wechselte er im Juni 1872 zum sozialdemokratischen Braunschweiger Volksfreund und trat der SAP bei, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Polizei versuchte mit allen Mitteln, den Volksfreund zu unterdrücken, wodurch sie auch mit Blos in Konflikt geriet, der wegen „Amtsehrenbeleidigung“ eine dreimonatige Gefängnisstrafe aufgebrummt bekam.

1873 erhielt der gerade mal 24-jährige Blos das Angebot, die Redaktion des Volksstaats in Leipzig zu führen, für die Zeit, während der Liebknecht und Bebel in Festungshaft waren. Der Volksstaat war eines der Zentralorgane der Sozialdemokratie, ein Blatt, für das damals auch Marx und Engels schrieben.

Nach der Freilassung von Liebknecht und Bebel ging Blos im September 1874 nach Mainz, um dort die Süddeutsche Volksstimme zu redigieren. Im Jahr darauf zog er weiter nach Frankfurt/Main, als Herausgeber eines Blattes sowohl für Frankfurt, Mainz und Offenbach, aber mit unterschiedlichen Lokalteilen. Auch dort wurde er ständig von der Polizei überwacht und wegen Pressevergehens von der Justiz verfolgt. Ein Erfolg aber wurde sein Satireblatt Mainzer Eulenspiegel, das er auf eigene Rechnung herausgab. Dort erschien auch seine historische Studie „Die Revolution zu Mainz 1792 und 1793“, die viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfuhr.

Nächste Station war im Herbst 1875 das Hamburg-Altonaer Volksblatt. Im liberaleren Hamburg hörten zumindest die gerichtlichen Verfolgungen auf. Im Jahr darauf kandidierte Blos für die Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl und konnte im Jahr darauf als einer von elf Sozialdemokraten und als jüngster Abgeordneter in das Parlament einziehen, neben Bebel, Liebknecht und Hasenclever. Mit kurzen Unterbrechungen blieb er bis 1918 Reichstagsabgeordneter.

Das 1878 von Bismarck durchgesetzte Sozialistengesetz traf dann Blos hart, denn das Gesetz ermöglichte es der Regierung, Vereine und Medien mit sozialistischer Färbung als Gefahr für den Staat zu deklarieren und zu verbieten. Nachdem das Sozialistengesetz in Kraft getreten war, wurden sofort sozialdemokratische Blätter wie Vorwärts, Berliner Freie Presse oder das Hamburg-Altonaer Volksblatt verboten. Doch mit Unterstützung des Verlegers J.H.W. Dietz war es Blos in Hamburg möglich, 1879 die Satirezeitung Der wahre Jacob zu starten und es nach einem vorübergehenden Verbot im Jahr 1880 bald danach zum meist gelesenen Blatt im Umfeld der SPD zu machen.

Außerdem gründete Blos als Nachfolger des Volksblatts ein neues Medium mit dem neutralen Namen Gerichtszeitung und gewann so schnell wieder 12.000 Abonnenten. Dies alles ging zweieinhalb Jahre gut, bis dann im November 1881 in Hamburg eine Art Ausnahmezustand gemäß § 28 des Sozialistengesetzes ausgerufen wurde – der sog. „Kleine Belagerungszustand“. Binnen weniger Stunden mussten daraufhin Sozialdemokraten und Kommunisten Preußen und die Hansestadt verlassen.

Blos ging nach Bremen und gab dort bis 1883 das sozialdemokratische Norddeutsche Wochenblatt heraus. Darin wandte er sich gegen die Verleumdungen, die der sozialdemokratischen Publizistik angelastet wurde und half auf diese Weise mit, ihre Presse am Leben zu erhalten. Zudem hatte der Stuttgarter Verleger Heinrich Dietz die Reste ihrer aufgelösten Verlage in Hamburg und Leipzig mit seinem Unternehmen in Württemberg fusioniert und bot nun Blos an, dort für ihn zu arbeiten.

Blos zog nach Cannstatt und begann, auch für die literarische Zeitschrift Neue Welt und gelegentlich für die von Karl Kautsky redigierte Neue Zeit zu arbeiten. Zum Mittelpunkt seiner journalistischen Tätigkeit aber wurde das 1879 von ihm in Hamburg mitgegründete sozialistische Witzblatt Der Wahre Jakob, deren Redaktion Blos nun auch in den ersten Stuttgarter Jahren leitete und dabei half, dass das Blatt schnell in ganz Deutschland verbreitet wurde. Für das Blatt verfasste er selber Beiträge und veröffentlichte die unter dem Pseudonym Hans Flux.

Nun etwas zur Ruhe gekommen konnte er weitere literarische Pläne realisieren: historische Schriften wie „Die französische Revolution“, „Die deutsche Revolution von 1848“ oder die „Geschichte des Bauernkriegs“. Sogar eine Komödie von ihm kam in Stuttgart auf die Bühne: „König Lustik“, über den Bruder Napoleons und kurzzeitigen König von Westfalen.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte Blos aus vaterländischer Gesinnung mit der SPD-Fraktion für die Bewilligung der beantragten Kriegsanleihen. Nach Kriegsende und während der Revolution in Württemberg setzte er sich für die Bildung einer provisorischen Regierung aus SPD und USPD ein. Er wurde gebeten, dort zusammen mit einem Vertreter der USPD den Vorsitz zu übernehmen. Nach der verfassungsgebenden Landesversammlung wurde er dann mit 100 von 129 Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt. 1920 gewährte er während des Kapp-Putsches der Reichsregierung und Vertretern der Nationalversammlung sicheren Aufenthalt in Stuttgart. Dem dortigen Landtag gehörte Blos noch bis 1924 an.

Wilhelm Blos starb am 6. Juli 1927 nach einem Schlaganfall im Städtischen Krankenhaus Stuttgart-Bad Cannstatt und wurde auf dem Stuttgarter Pragfriedhof beigesetzt.

Zu seinem Gedenken schrieb die Esslinger Zeitung tags darauf: „Die gewissenhafte Pflichterfüllung, sein politisches Taktgefühl, verbunden mit gereifter Lebenserfahrung und ernstem Pflichtbewußtsein, haben ihm die schwere Aufgabe erleichtert, und seine Anschauung, daß nur Arbeit, Recht und Ordnung unser armes Land und Reich wieder aus dem Elend herausführen können, bildete eine glückliche Grundlage für den Erfolg. Man kann es mit ruhigem Gewissen sagen, daß die verhältnismäßige Stetigkeit in der Entwicklung unseres Landes seit dem November 1918 zu einem großen Teil seiner maßvoll klugen Geschäftsführung zu danken ist.“

(hhb)

 

Quellen:

Wilhelm Blos, Historiker, Schriftsteller, Staatspräsident / Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Paul Sauer: Wilhelm Blos – Badische Biographien / Landeskunde Baden.Württemberg

Christoph Brodhun: Wilhelm Blos Kurzbiografie / Lasalle-Kreis

Helmut Beer: Fränkische Tagespost / Historisches Lexikon Bayerns

50 Jahre Wahrer Jacob – Berlin 1929

 

Bücher:

Wilhelm Blos: Die französische Revolution / Dietz Nachf. 1890

Wilhelm Blos: Die Deutsche Revolution. Geschichte der Deutschen Bewegung von 1848 und 1849 / Dietz Nachf. 1893

Wilhelm Blos: Denkwürdigkiten eines Sozialdemokraten / Hofenberg