Karl Heinz Bohrer war ein deutscher Literaturkritiker, Kulturreporter, Publizist und Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaften. Als Journalist arbeitete er für die WELT und die FAZ, jeweils im Literatur-Ressort oder als Auslandskorrespondent. Später war er Herausgeber der Kulturzeitschrift Merkur und schrieb Kulturreportagen und Essays für den Rundfunk. Mit seinen Veröffentlichungen wollte er uns Deutschen vor allem die neuere europäische Literatur diesseits von Goethe oder Thomas Mann nahebringen und uns auf neue kulturelle Entwicklungen in unseren Nachbarländern aufmerksam machen.
Karl Heinz Bohrer wurde am 26. September 1932 als Sohn eines Volkswirts und engagierten Nazigegners in Köln geboren. Dort besuchte er von 1939 bis 1943 die Volksschule und anschließend das humanistische Gymnasium im Landschulheim Birklehof in Hinterzarten, eine Schwesterschule von Schloss Salem. Nach seinem Abitur im Jahr 1953 studierte er Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft in Köln und unternahm in dieser Zeit seine erste Reise nach England.
Ab dem Sommersemester 1954 belegte er an der Universität Göttingen neben Germanistik und Geschichte nun Philosophie anstelle von Theaterwissenschaft. 1957 legte er dort seine Staatsexamina in Deutsch und Geschichte ab und begann als Lektor für deutsche Sprache im Deutschen Zentrum in Stockholm. Ab 1960 immatrikulierte er sich dann an der Uni Heidelberg, um dort in Geschichte zu promovieren.
Copyright: F.A.Z.-Foto/Barbara Klemm; 1978
Danach schrieb er als freiberuflicher Journalist Kulturreportagen und literarische Essays für den Rundfunk und die Deutsche Zeitung, bis er 1962 von der Feuilletonredaktion der WELT fest angestellt wurde. Dort endete seine Tätigkeit nach vier Jahren, weil er in einem Artikel über die Burschenschaften und ihre Rhetorik gespottet hatte.
Von 1966 bis 1982 war er Feuilletonredakteur bei der FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung und leitete dort ab 1968 das Literaturressort. 1974 wurde ► Marcel Reich-Ranicki sein Nachfolger und Bohrer ging als Kultur-Korrespondent der FAZ nach London – nach England, das schon seit Mitte der 50er Jahre seine große Liebe geworden war.
Aber schon vor London hatte er begonnen, an einer geplanten Habilitationsschrift zu arbeiten, denn auch die Welt der Gelehrten hatte ihn immer fasziniert. 1978 habilitierte er sich an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld mit einer Arbeit über die „Ästhetik des Schreckens“. Worauf er dort 1982 auf den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte berufen wurde.
Von 1984 bis 2011 war er zusammen mit Kurt Scheel noch Herausgeber der Kulturzeitschrift Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, und auch deren Autor. Im Merkur war sein Text „Die Ästhetik des Staates“ der Auftakt scharfzüngiger Glossen über die Regierungszeit von Helmut Kohl. Bohrer mokierte sich über einen in dieser Zeit sich verbreitenden Konformismus und Provinzialismus, besonders angesichts des Streits nach der Wiedervereinigung um Bonn oder Berlin als Hauptstadt. Sowie über das Spießertum in jenen Jahren, sichtbar geworden durch gesichtslose Reihenhäuser, umgeben von den damals üblichen Jägerzäunen.
Bohrer und Scheel verlegten die Merkur-Redaktion 1998 nach Berlin, wo bessere Außenkontakte zu Politikern und Intellektuellen für ihre vierteljährlichen Merkur-Gespräche möglich wurden. Diese Gespräche waren eine Herzensangelegenheit der beiden Herausgeber, mit dem Ziel, so die spezifische Fachkompetenz ihrer Autoren zu vergrößern – möglichst weit weg vom gängigen Meinungs-Mainstream.
Bohrer war im besten Sinne ein zwar dezidiert konservativer Intellektueller, aber zeitweise auch eine der wichtigsten Stimmen in Deutschland. Auf das er nach seiner Emeritierung im Jahr 1997 allerdings von außen, aus London, Paris oder Stanford schaute. Und seine Sicht auf das Zeitgeschehen und Erkenntnisse daraus in vielen Büchern, Schriften und Artikeln zur Diskussion stellte.
Karl Heinz Bohrer starb am 4. August 2021 in London.
(hhb)