Leo Brawand

Leo Brawand war Journalist und Mitbegründer des Magazins Der Spiegel. Zur Zeit der Spiegel-Affäre im Jahr 1962 wurde er während der Inhaftierung von Rudolf Augstein als kommissarischer Chefredakteur eingesetzt. Später gab er das manager magazin heraus und war zudem häufig im Fernsehen zu Gast.

Leo Borowiak wurde am 18. November 1924 als Arbeitersohn in Hannover geboren und wuchs dort in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach der Schulzeit war er Lehrling bei der Frankfurter Versicherungs-AG in Hannover und wurde 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Nachdem er in Russland verwundet worden war, kehrte er nach Deutschland zurück und durfte in der Zeit seiner Rekonvaleszenz am Langemarck-Studium teilnehmen, einer Begabtenförderung zum Erwerb der Studienberechtigung an einer Hochschule.

Nach dem Krieg unterrichtete er – nun Leo Brawand – in seiner Heimatstadt als Lehrer für Betriebswirtschaft und Englisch an der privaten Handelsschule Buhmann. 1946 durfte er als Wirtschaftsredakteur beim Spiegel-Vorläufer Diese Woche arbeiten, obwohl er bis dato kaum journalistische Erfahrungen gesammelt hatte. Diese Zeit im Anzeiger-Hochhaus an der hannoverschen Goseriede beschrieb Brawand 1987 in dem Spiegel-Artikel „Wenn schon Pressefreiheit, dann aber gleich richtig“ und zudem in einem Interview mit Britta Sandberg.

 

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Albert Hallmann, Vorstandsvorsitzender der BP AG in Hamburg, im Gespräch mit dem Journalisten Leo Brawand (r.)

Copyright: ullstein bild - Wolfgang Kunz

Diese Woche erschien erstmals am 16. November 1946 in einer Auflage von 15.000 Exemplaren, jeweils zum Preis von einer Reichsmark. Da das den Briten gehörende Blatt aber immer wieder sehr kritisch über das Verhalten der Besatzungsmächte gegenüber der deutschen Bevölkerung berichtete, geriet es in London bald in Ungnade. Im Hungerwinter 1946/47 hatte Brawand in seinen Artikeln wiederholt auf die unerträgliche Versorgungslage hingewiesen. So hatte man das mit Pressefreiheit in London offenbar nicht gemeint – der englische Presseoffizier Chaloner erhielt Ende 1946 den Befehl, das Blatt sofort einzustellen. Der aber wehrte sich und gab zu bedenken, welchen Eindruck es angesichts der „Reeducation“ machen würde, wenn nun auch die Briten eine Zeitschrift durch ein Verbot abwürgen sollten, so wie früher die Nazis. Der Kompromiss lautete: das Blatt solle innerhalb von 24 Stunden in deutsche Hände übergeben werden. So kam es zur Lizenzerteilung an Rudolf Augstein. Und statt Diese Woche erschien am 4. Januar 1947 erstmals ein Spiegel.

Leo Brawand wurde beim Spiegel Leiter des Wirtschaftsressorts. Er blieb dort 46 Jahre lang und war einer der wohl engsten und vertrautesten Mitarbeiter von Rudolf Augstein – einer der wichtigen Ladeschützen von Augsteins „Sturmgeschütz der Demokratie“. Weithin bekannt wurde Brawand, als am 26. Oktober 1962 die Polizei zur Razzia in der Redaktion im Hamburger Pressehaus anrückte, um einen angeblichen „Abgrund von Vaterlandsverrat“ (laut Kanzler Konrad Adenauer) zu untersuchen. Da versteckte sich Brawand in einem Schrank, konnte das Pressehaus nach der Durchsuchung unbemerkt durch einen Nebeneingang verlassen und Augstein telefonisch vor seiner drohenden Verhaftung warnen.

Auch danach zeigte sich Brawand kämpferisch gegen das Vorgehen der Staatsmacht: Die Redaktionsräume waren versiegelt, Augstein saß 103 Tage in Haft, dem Verlag drohte die Insolvenz. Aber Leo Brawand, von Augstein zum kommissarischen Chefredakteur ernannt, sorgte mit Hilfe von stern, ZEIT und Hamburger Morgenpost dafür, dass der Spiegel weiter erscheinen konnte. Was der spätere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo noch nach Brawands Ableben mit diesen Worten würdigte: „Mit Leo Brawand geht einer der Großen, einer dessen Geschichte hier im SPIEGEL jeder kennt: Der Mann, der sich im Schrank versteckte, als die Staatsmacht 1962 anrückte und die ► Spiegel-Affäre auslöste. Und der als kommissarischer Chefredakteur das Blatt machte, als Rudolf Augstein im Gefängnis saß. Nach ihm gibt es jetzt niemanden mehr, der von Anfang an dabei war. Wir werden Leo Brawand vermissen.“

Doch zuvor in den 70er Jahren war er noch häufig Gast etwa bei Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ oder in Sendungen wie „Pro & Contra“. Und von 1971 bis 1981 arbeitete er als Chefredakteur und Herausgeber für das manager magazin, die monatlich erscheinenden Wirtschaftszeitschrift aus der Spiegel-Verlagsgruppe.

Leo Brawand starb am 8. Juni 2009 in Hamburg, wo er seit seiner Pensionierung im Ortsteil Rahlstedt wohnte, Alter von 84 Jahren an Krebs.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband trauerte um sein prominentes Mitglied Leo Brawand: „Brawand war nicht nur ein begnadeter Journalist, er war Vorkämpfer für die Pressefreiheit. Er hat sich nicht einschüchtern lassen, sondern darum gekämpft, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, so der DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. „Ich wünsche mir mehr so mutige Journalisten wie ihn.“

(hhb)

 

Quellen:

Britta Sandberg: 70 Jahre SPIEGEL – „Wir haben gefeiert, dass die Heide wackelte“ / Interview mit Leo Brawand in SPIEGEL Geschichte 5.1.2017

Wolfgang Hirn: 30 Jahre manager magazin – Was macht eigentlich Leo Brawand? / manager magazin 24.8.2001

Zum Tode Leo Brawands - SPIEGEL-Macher mit Mutterwitz / SPIEGEL Kultur 9.6.2009

Spiegel-Mitbegründer Leo Brawand ist tot / Waldeckische Landeszeitung 31.8.2015

 

Bücher:

Leo Brawand: Wohin steuert die deutsche Wirtschaft / Desch 1971

Leo Brawand: Die Spiegel-Story / Econ Verlag 1987

Leo Brawand: Manager sind auch nur Menschen / Econ Verlag 1993

Leo Brawand: Rudolf Augstein / Econ Verlag 1995

Leo Brawand: DER SPIEGEL - ein Besatzungskind. Wie die Pressefreiheit nach Deutschland kam / Europäische Verlagsanstalt 2006