Der österreichische Journalist, Publizist und Komödiendichter Vinzenz Chiavacci ist vor allem wegen seiner launigen Feuilletons berühmt geworden. Dafür hatte er zwei Figuren erfunden, stellvertretend für das typische Wiener Kleinbürgertum: die „Frau Sopherl vom Naschmarkt“ und den eitlen „Herrn Adabei“, der überall mitmischen wollte. Zwei Spiegelbilder, die er seinen Lesern immer wieder zwinkernd vor Augen hielt.
Vinzenz Chiavacci wurde am 15. Juni 1847 als Sohn eines italienischen Pfeifenschnitzers in Wien geboren. Nach seiner Schulzeit arbeitete er zunächst als Eisenbahnbeamter in Ungarn, bis er dann 1887 in Wien seine journalistische Laufbahn begann. Anfangs arbeitete er bis 1891 als Feuilleton-Redakteur beim Wiener Tageblatt, wo er bald Schriftleiter wurde. Das Tageblatt war damals die auflagenstärkste Tageszeitung in Wien – deutschliberal und antimarxistisch eingestellt. 1891 wurde er Chefredakteur der Satirezeitschrift Kikeriki und schrieb nebenher als Lokalreporter für die täglich erscheinende Oesterreichische Volks-Zeitung sowie für Ludwig Anzengrubers Figaro. 1896 gründete Chiavacci das illustrierte Sonntagsblatt Wiener Bilder und blieb dessen Chefredakteur bis zu seinem Tod.
Berühmt wurde Vinzenz Chiavacci als humorvoller Schilderer des Wiener Alltags. Dafür hatte er die Obst- und Gemüsehändlerin Frau Sophie Pimpernuß erfunden, die von ihren Getreuen und natürlich auch von ihm in seinen Kolumnen nur als „Frau Sopherl vom Naschmarkt“ bezeichnet wurde. Eine Ständlerin auf dem Markt, der Chiavacci hunderte von lokalpolitischen Schilderungen in den Mund legte. Keineswegs nur marktbezogene, sondern als „eine Frau die’s versteht“ redete und räsonierte sie über Gott und die Welt. Worüber in Wien gerade getrascht und gestritten wurde – über die grassierende Influenza, über Mystisches, über Hebammen oder Leichenverbrennungen, eine gerade laufende Volkszählung oder den Fremdenverkehr.
Portrait von Vinzenz Chiavacci (1847-1916), basierend auf einem Foto des Ateliers K. Stockmann Wien VIII. (höchstwahrscheinlich Stockmann & Knozer, Eigentümer Friedrich Knozer 1853-1923, siehe Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon)
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„Die Frau Sopherl vom Naschmarkt“ verewigte Chiavacci später noch in einer Theater-Posse, die im Theater in der Josefstadt aufgeführt wurde. Und nach seinem Tod drehte man 1926 sogar ein Spielfilm über diese inzwischen berühmt gewordene Ständlerin.
Ihre männliche Gegenfigur war der Herr Adabei – ein Wichtigtuer, der immer und überall „a dabei war“. Ein so blasiertes wie überhebliches Möchtegern-Mitglied einer Haute Volée, der er nur allzu gern angehört hätte. Wie gern wäre auch er prominent, blieb aber halt nur ein „Adabei“.
Beide wurden zu typischen Wiener Figuren des 19. Jahrhunderts und bringen noch heute ihre Leser zum Schmunzeln. Denn Vinzenz Chiavacci hat auch mehrere Bücher daraus gemacht
1928 ließ die Kronen Zeitung einen Marsch komponieren mit dem Hinweis, dass sie doch die eigentliche Heimat all jener Adabeis sei, die man heute wohl eher als Schickimickis bezeichnet. Der Text dieses Marsches lautet: „I bin da Herr von Adabei – Adabei is wo was los, da bin i glei a dabei, am Alsergrund, da bin i z’Haus, bin i z’Haus, die ‚Kronen Zeitung is mei Haus.“
Vinzenz Chiavacci, einer der letzten in der Reihe all jener Wiener Plauderer und Gestalter alt-wienerischer Charaktertypen, starb am 2. Februar 1916 im Alter von 68 Jahren in Wien und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
(hhb)
Quellen
Vinzenz Chiavacci / Wien Geschichte
Kurt Vancsa: Chiavacci, Vinzenz / Neue Deutsche Biographie
Bücher
Vinzenz Chiavacci: Klein-Bürger von Gross-Wien – Ernstes und Heiteres aus dem Wiener Volksleben / Bonz 1893
Vinzenz Chiavacci: Eine, die‘s versteht. Lokal-politische Standreden, der Frau Sopherl vom Naschmarkt / Bonz Verlag 1896
Vinzenz Chiavacci: Der Weltuntergang – Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 / 1897 - Neuauflage als Taschenbuch 2016
Vinzenz Chiavacci: Adabei auf Reisen
Vinzenz Chiavacci: Geschichten aus Alt-Wien /Amalthea-Verlag 1973