Der Publizist Ernst Cramer gehörte zu den engsten Vertrauten des Verlegers Axel Springer. Die NS-Zeit überlebte er in den USA, kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück und blieb, um sich an der Re-Education und dem Wiederaufbau einer Demokratie zu beteiligen. Er wurde stellvertretender Chefredakteur bei der Neuen Zeitung und bei der WELT sowie ein enger Berater des Hamburger Verlegers.
Ernst J. Cramer wurde am 28. Januar 1913 als Sohn eines Wein- und Zigarrenhändlers in Augsburg geboren. Sein Vater, ein assimilierter und kunstinteressierter Jude, war ein Bewunderer des ebenfalls aus Augsburg stammenden Bertolt Brecht, mit dem er die Literarische Gesellschaft Augsburg gründete. In den zwanziger Jahren verarmte die Familie im Verlauf der Weltwirtschaftskrise. Darum musste Sohn Ernst seinen Schulbesuch beenden, den Wunsch Lehrer zu werden aufgeben und eine kaufmännische Lehre beginnen. Mit seiner Arbeit als Verkäufer in Augsburg und Nürnberg konnte er dann die Familie unterstützen.
In diesen Jahren engagierte sich Ernst Cramer in der jüdischen Jugendbewegung und gehörte zu den Gründern eines „Bundes deutsch-jüdischer Jugend“ in Augsburg. Von 1937 bis 1939 bereitete er sich mit Billigung der Nazis bei einem landwirtschaftlichen Lehrgut auf die Auswanderung vor. Nach dem November-Pogrom im Jahr 1938 wurde Cramer allerdings für sechs Wochen im KZ Buchenwald inhaftiert und dort misshandelt. Mit Hilfe der US-Botschaft gelang es ihm, noch 1939 in die USA auszureisen.
In Amerika arbeitete Cramer zunächst auf einer Farm in Virginia und begann 1941 ein Studium der Agrarwirtschaft am Mississippi State College in Starkville.
Copyright: Unternehmensarchiv der Axel Springer SE / Lengemann
Nach dem Kriegseintritt der USA meldete er sich sofort zum Militärdienst, diente 1944/45 in einer Propaganda-Einheit, nahm an der Invasion in Frankreich teil und kehrte 1945 als Soldat und amerikanischer Staatsbürger nach Deutschland zurück. Nach einem Besuch im KZ Buchenwald und der Erkenntnis, dass seine Eltern und sein Bruder von den Nazis ermordet worden waren, entschied er sich, nicht in die USA zurückzukehren, sondern bei der Re-Education mitzuwirken, bei der Umerziehung des deutschen Volkes zu Demokraten.
Von 1945 bis 1954 arbeitete Cramer in der Presseabteilung der US-Militärregierung in Bayern und war dort für die Lizensierung von Verlegern, Journalisten und Filmschaffenden zuständig. Er vergab nach jeweils eingehender Prüfung die Lizenzen für die Süddeutsche Zeitung, die Nürnberger Nachrichten, für die Schwäbische Landeszeitung und den Münchner Merkur an erkennbar unbelastete Personen.
Außerdem unterrichtete er als Dozent im Münchner Amerikahaus und an mehreren Volkshochschulen. Ab 1948 fungierte er als stellvertretender Chefredakteur bei der Neuen Zeitung, die von der US-Administration herausgegeben wurde und zum Vorbild einer freien Presse in Nachkriegsdeutschland wurde.
1955, nun Mitarbeiter bei der amerikanischen Nachrichtenagentur UP, lernte er ► Axel Springer kennen, der ihm dann 1958 anbot, als stellvertretender Chefredakteur von ► Hans Zehrer bei der WELT zu arbeiten. Dort wirkte er als politischer Kolumnist und Kommentator und setzte sich besonders für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, für die Demokratisierung Deutschlands und für eine Stärkung der deutsch-amerikanischen Freundschaft ein. 1961, nach dem Mauerbau, wurde die deutsche Teilung für ihn zu seinem weiteren Hauptthema. Was dazu führte, dass ihn die DDR-Propaganda zu einem aus ihrer Sicht „idealtypischen Klassenfeind“ stilisierte.
Ab 1964 wurde Cramer für zwei Jahre Vorsitzender der geschäftsführenden Redaktion der WELT und koordinierte die Zusammenarbeit mit der Verlagsleitung. 1966/67 bekam er die Aufgabe, sich um bereits erkennbare Neuerungen in der Kommunikationsbranche zu kümmern – um die aufkommenden elektronischen Medien und den damit absehbaren Wettbewerb zwischen ihnen und den Zeitungen. Aber auch die Chancen von Teilprivatisierungen beim Hörfunk und Fernsehen sollte er eruieren.
Von da an gehörte Ernst Cramer zu den ganz engen Vertrauten seines Verlegers. Er organisierte Springers Reisen in die USA und beriet Springer auch hinsichtlich der Inhalte des Wertekanons für das Verlagshaus Springer. Darin wurden von Axel Springer fünf Grundwerte für sein Haus festgeschrieben: die Bekämpfung von jeglichem Totalitarismus; die Unterstützung der deutschen Einheit; die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und das Eintreten für die Lebensrechte des Staates Israel sowie die Verteidigung des westlichen Wirtschafts- und Demokratiemodells, einschließlich der sozialen Marktwirtschaft.
Einmal, so beschrieb es Mathias Döpfner, hätte Ernst Cramer gesagt, der glücklichste Tag in seinem Leben sei der 9. November 1989 gewesen: „Ein deutsches Erlebnis, dem ich vollen Herzens zugestrebt bin. Als die Menschen über die Mauer gestiegen sind. Ich muss zugeben, mit Tränen in den Augen stand ich dabei.“ Weil dies für Deutschland der Schlussstrich war unter zwei Episoden totalitärer Zeiten: dem Hitlerismus und dem Stalinismus.
Als engster und wichtigster Berater von Axel Springer wurde er Vorstandsvorsitzender der Axel Springer Stiftung und schließlich bis 1985 alleiniger Herausgeber der Welt am Sonntag.
Als Kolumnist blieb er dem Verlag bis zum Schluss verbunden und schrieb immer wieder Beiträge, Glossen und Kolumnen für die WELT, für BILD oder die BZ.
Vielfach ausgezeichnet starb Ernst Cramer am 19. Januar 2010 im Alter von 96 Jahren an einem Herzinfarkt in Berlin. Beigesetzt wurde er auf dem jüdischen Friedhof in seiner Heimatstadt Augsburg, die ihn vorher zu ihrem Ehrenbürger ernannt hatte.
(hhb)
Quellen
Lars-Broder Keil: Cramer, Ernst Joseph / Deutsche Biographie
Mathias Döpfner: Ein Mann, der mit 92 Jahren zu googeln begann / DIE WELT Politik am 19.1.2010
Michael Hanfeld: Springers erster Journalist – zum Tod von Ernst Cramer / FAZ vom 19.1.2010
Ernst Cramer ist tot / SPIEGELkultur vom 19.1.2010
Springer-Journalist Ernst Cramer ist tot / Zeitonline am 19.1.2010
Ernst Cramer im Alter von 96 Jahren gestorben / STERN am 20.1.2010
Mathias Döpfner: Der Weltbürger – zum 10. Todestag von Ernst Cramer / DIE WELT Kultur am 19.1.2020
Nils Lange: Im Zweifel für die Freiheit / Jüdische Allgemeine am 8.1.2023
Ernst Cramer - Axel Springer - Ich werde ihn nicht aus den Augen verlieren / inside story vom 1.6.2023
Lars-Broder Keil + Sven Felix Kellerhoff: Ich gehöre hierhin – Remigration und Reeducation: Der Publizist Ernst Cramer / Allitera Verlag
Peter Hoeres: Axel Springer und die Transformation des deutschen Konservatismus in den 1960er und 1970er Jahren / Zeithistorische Forschungen
Bücher + Schriften
Ernst Cramer: Ernst Cramer – zu Besuch bei einem Mädchen in Ost-Berlin / ein bis dato unveröffentlichter Text in DIE WELT vom 19.1.2020