Daniel Defoe

Sie werden sich vielleicht fragen, was ein berühmter englischer Schriftsteller des 17. und frühen 18. Jahrhunderts in einer „Hall of Fame“ für deutsche und deutschsprachige Journalisten zu suchen hat?

Daniel Defoe ist bekannt als Autor von „Robinson Crusoe“ oder „Moll Flanders“ – weitgehend unbekannt ist seine Rolle als Pionier des modernen investigativen Journalismus und noch weniger sein Engagement für deutsche Bürger.

Am 11. August 1709 erschien in England sein Text, in welchem Defoe die unbedingte Aufnahme deutscher Flüchtlinge forderte. Zu Zehntausenden flohen damals Menschen aus der Pfalz, um der dortigen Armut, dem Hunger, den sich ständig wiederholenden Verheerungen durch französische Truppen sowie den religiösen Verfolgungen durch die Rekatholisierung zu entkommen. Diese Flüchtlinge sprachen kein Englisch, hausten in Lagern wie Blackheath bei London oder in Camberwell und kampierten dort in primitiven Hütten oder Armeezelten. Verzweifelt suchten sie Arbeit zwecks Broterwerb oder hofften auf Ausreisemöglichkeiten in die englischen Kolonien Nordamerikas.

 

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Ähnlich wie heute kam es auch damals zu Übergriffen auf diese Asylanten, man forderte eine Begrenzung ihrer Zuwanderung aus Angst um die eigenen Jobs. Defoe hatte sich schon Jahre zuvor gegen solche Ängste gewendet, dazu zahlreiche Interviews geführt, sich Zugang zu offiziellen Dokumenten verschafft und vorliegende Statistiken geprüft. Das Ergebnis dieser Recherchen, die den weit verbreiteten Vorurteilen widersprachen, veröffentlichte er als Fortsetzungsberichte in seiner Wochenschrift The Review und in anderen Publikationen.

Diese Berichte und Reportagen fasste er schließlich zu einem Gutachten, zu dem Traktat „A Brief History of the Poor Palatine RefugeesEine kurze Geschichte der armen pfälzischen Flüchtlinge“ zusammen. Darin forderte er im August 1709 die unbedingte Aufnahme der deutschen Flüchtlinge. Seine Argumentation: Sie würde zur nationalen Ehre Britanniens gereichen und zudem in Zukunft beträchtlichen Gewinn mit sich bringen.

Defoe trat damit der fremdenfeindlichen Hetze entschieden entgegen und lieferte interessante, weil überzeugende Argumente für eine Einbürgerung. So beschreibt er die positiven Folgen der Aufnahme von Hugenotten in Brandenburg und Preußen; erwähnt die wirksame Hilfe von pfälzischen Soldaten beim Freiheitskampf der Niederlande gegen Spanien. Weist auf den aktuellen Bevölkerungsschwund in England durch die Pest-Epidemie von 1665 hin, auf die Verluste durch die britischen Bürgerkriege oder im aktuellen „Spanischen Erbfolgekrieg“ mit Frankreich. Führt die Abwanderung von Landsleuten in die Kolonien an – dort mussten Handelsposten besetzt werden - und vieles mehr. Defoe beschreibt die Pfälzer nicht als mittellose Bettler, sondern belegt durch Statistiken, dass sie tatkräftige, zumeist gut ausgebildete Arbeiter, Bauern oder Winzer waren und potenzielle Unternehmer werden könnten, wie andernorts etwa die Hugenotten.

Immer wieder kämpft er detailgenau mit Fakten und Statistiken gegen das vorgeschoben ängstliche Gehabe einiger Bürger und Politiker. So forderte er Beweise für den Vorwurf, Zuwanderung würde durch das folgende Überangebot an Arbeitskräften Lohnsenkungen auslösen. Weist auf die brachliegende Leinenproduktion in England hin und darauf, wie französische Zuwanderer in Brandenburg neue Produkte in ihren Manufakturen produziert hätten. So unterstützte er das „Pro oder Contra“ über ein „Wohl oder Wehe“ für England durch die Einwanderung der Pfälzer.

SeineKurze Geschichte der armen pfälzischen Flüchtlinge“ ist 2007 in deutscher Übersetzung bei dtv erschienen.

Daniel Defoe gehörte zweifelsfrei zu den Pionieren eines investigativen, engagierten Journalismus. Seine Nähe zur Macht ist für einen Journalisten aus heutiger Sicht sicher problematisch – er arbeitete ja auch als Pamphletist für verschiedene Ministerien. Außerdem verfasste er für sie Projektgutachten, etwa zur Verbesserung nationaler Kreditanstalten oder zur Reform des Versicherungs-, Bildungs- und Gerichtswesens. Den Inhalt seiner Gutachten nutzte er anschließend in seinen eigenen Publikationen: in Flugblättern und Flugschriften, in Traktaten oder einzelnen Artikeln in seinen wöchentlichen Reviews, oft satirisch gefärbt. Sein heftiger Angriff gegen die religiöse Unduldsamkeit der Anglikanischen Kirche brachte ihn 1702 mehrere Tage an den Pranger, wo ihm das Volk allerdings eher begeistert zujubelte, als ihn wie erhofft zu schmähen. Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt wegen Verbreitung solcher Schmähschriften änderte er seinen ursprünglichen Namen von Daniel Foe in das nobler klingende Daniel Defoe.

Wer damals Änderungen erreichen wollte, hatte wohl kaum eine andere Wahl, als die verantwortlichen Ministerien zu überzeugen. Als regierungsnaher Pamphletist konnte er sich zudem Zugang zu den maßgeblichen Clubs in London verschaffen.

Einschließlich aller Flugblätter und Wochenschriften, mit denen er engagiert um mehr politische und religiöse Freiheit in England gekämpft hatte, gibt es wohl bis zu 500 Arbeiten des Vielschreibers Defoe, darunter mehrere Romane. Daniel Defoe, der frühe journalistische Aufklärer und berühmt gewordene Schriftsteller, wurde wahrscheinlich Anfang 1660 in London geboren -- sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt – und starb am 26. April 1731 eben dort.

(hhb)

 

Quellen:

"Daniel Defoe – Startup des Journalismus" von ►Prof. Dr. Horst Pöttker

Susanne Ostwald: Die Masken des Mister D. – in NZZ Neue Zürcher Zeitung vom 9.1.2010

Arno Widmann: ►Deutsche in England – Daniel Defoe über Flüchtlinge aus der Pfalz; in Frankfurter Rundschau vom 15.9.2017

Werner von Koppenfels: Anno 1709: Daniel Defoe wirbt für deutsche Migranten – in NZZ Neue Zürcher Zeitung vom 17.2.2018