Die deutsch-israelische Journalistin und Schriftstellerin Inge Deutschkron überlebte die Shoah, weil deutsche NS-Gegner sie und ihre Mutter versteckten und ihnen gefälschte Papiere verschafften. Nach dem Krieg studierte sie in London Fremdsprachen und begann Ende der 50er Jahre in Bonn als Deutschland-Korrespondentin für die israelische Zeitung Ma‘ariv zu arbeiten. Seit 2001 lebte sie wieder in Deutschland und engagierte sich ehrenamtlich als Zeitzeugin und Kämpferin gegen das Vergessen: Bis ins hohe Alter hielt sie Vorträge in Schulen und bei Gedenkveranstaltungen.
Inge Deutschkron wurde am 23. August 1922 in Finsterwalde/Brandenburg als Tochter eines Reformpädagogen und Oberstudienrats geboren. Beide Eltern waren engagierte Sozialdemokraten. 1927 zog die Familie nach Berlin an den Prenzlauer Berg. Dort warnte Vater Martin Deutschkron als SPD-Funktionär bei Wahlveranstaltungen eindringlich vor den Nationalsozialisten. Deswegen wurde er 1933 „wegen politischer Unzuverlässigkeit“ aus dem Schuldienst entlassen. Da die antisemitischen Anfeindungen nach der NS-Machtergreifung kontinuierlich zunahmen, zog die Familie nach Charlottenburg, wo sie niemand kannte. Dort besuchte Inge Deutschkron zunächst die Fürstin-Bismarck-Schule. Als jüdische Schüler auch dort diskriminiert wurden, wechselte sie in eine Jüdische Mittelschule.
Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 beschloss die Familie endgültig Deutschland zu verlassen, konnte aber 1939 zunächst nur die Flucht des Vaters nach England finanzieren. Der versprach, Frau und Tochter so schnell wie möglich nachzuholen, musste aber die dafür von der englischen Regierung angesetzte hohe Geldsumme erst einmal beschaffen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 konnten Mutter und Tochter ihm nicht mehr in sein Asyl folgen.
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Zunächst besuchte Inge Deutschkron das jüdische Kindergärtnerinnen-Seminar, musste dann aber ab Frühjahr 1941 Zwangsarbeit in einer Seidenspinnerei für Fallschirme leisten. Wegen einer Knieverletzung konnte sie dort mit Hilfe eines NS-Gegners wieder aussteigen und ins Büro einer Blindenwerkstatt wechseln. Andere NS-Gegner, von ihr später als „stille Helden“ bezeichnet, boten Mutter und Tochter bis gegen Kriegsende Unterschlupf in zehn verschiedenen Verstecken und beschafften schließlich für beide neue Ausweispapiere als angeblich ausgebombte Flüchtlinge.
Nach Kriegsende arbeitete Inge Deutschkron als Sekretärin in der Zentralverwaltung für Volksbildung im Sowjet-Sektor Berlins, wohnte aber mit ihrer Mutter im britischen Sektor. Beide konnten von dort Verbindung mit dem Vater aufnehmen. Inge Deutschkron trat in die SPD ein und engagierte sich in der Jugendarbeit. Als auch auf sie Druck ausgeübt wird, dem Zusammenschluss von SPD und KPD zur SED zuzustimmen, stimmt sie dagegen und sollte daraufhin offenbar wegen ihres Widerstands verhaftet werden. Doch da gelingt Mutter und Tochter endlich die ersehnte Auswanderung nach England.
Dort konnte Inge Deutschkron ihre abgebrochene Schulbildung beenden und kurzzeitig ein Sprachenstudium beginnen. Aus Geldmangel brach sie das bald ab und arbeitete als Sekretärin für die Sozialistische Internationale. Auf Einladung sozialistischer Parteien konnte sie im Laufe der Jahre Indien, Burma, Nepal und Israel bereisen und beginnen, über diese Länder und ihre Erlebnisse dort zu schreiben. Das war der Beginn ihrer journalistischen Arbeit, denn diese aktuellen Reiseberichte wurden von mehreren Medien gern gedruckt.
1955 kehrte sie in die Bundesrepublik Deutschland zurück und arbeitete nun freiberuflich als Journalistin, bis sie im Jahr 1958 als Bonner Korrespondentin der Zeitung Ma’ariv fest angestellt wurde. 1963 berichtete sie über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und war entsetzt über die allgemeine Schuldverdrängung ehemaliger Nazis, aber auch normaler Politiker und Bürger, die gern einen Schussstrich unter die Nazi-Vergangenheit gezogen hätten. Auch antiisraelische Einstellungen in Teilen der 68er-Bewegung empörten sie – darum zog sie 1972 nach Israel und beantragte dort die Staatsbürgerschaft. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1987 arbeitete sie in Tel Aviv bei der Redaktion von Ma’ariv.
In diesen Jahren pendelte sie immer wieder zwischen Tel Aviv und Berlin, bis sie dann 2001 endgültig nach Berlin zurückkehrte. Inzwischen hatte sie längst begonnen, als Augen- und Zeitzeugin ihre Überlebensgeschichte in jenen Terror-Jahren des Holocausts in vielen persönlichen Gesprächen weiterzugeben. In Schulen und Universitäten rüttelte sie junge Menschen wach: „Das ist eine Generation, die wissen will“, sagte sie immer wieder nach solchen Zusammentreffen.
1994 wurde sie mit dem Moses Mendelssohn Preis des Landes Berlin ausgezeichnet; 2002 erhielt sie die Rachel-Varnhagen-von-Ense-Medaille und den Verdienstorden des Landes Berlin sowie 2008 den Carl von Ossietzky-Preis.
Und nachdem sie 2013 eine bewegende Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag gehalten hatte – der Titel: „Zerrissenes Leben“ – wurde ihr die Ehrenbürgerwürde Berlins zuerkannt. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte sich besonders an dieses Ereignis: „Ihre Rede hat mich und viele andere Menschen tief berührt. Inge Deutschkron hat sich um unser Land, um ihr Land verdient gemacht.“
Inge Deutschkron starb am 9. März 2022 im Alter von 99 Jahren in Berlin.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas würdigte ihre bleibenden Verdienste um die Erinnerungskultur in Deutschland. „Mit Inge Deutschkron verlieren wir eine beeindruckende Persönlichkeit und Zeitzeugin, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland wachzuhalten.“ Dabei habe Deutschkron eine klare Botschaft vertreten: „Vergesst nie, was war!“
(hhb)
Quellen:
Wir trauern um Inge Deutschkron / SPD 9.3.2022
David Dambitsch: Inge Deutschkron: „Das müssen alle wissen“ / Bundeszentrale für politische Bildung 7.7.2022
David Dambitsch: Vita von Inge Deutschkron / Bundeszentrale für politische Bildung 7.7.2022
Biographie von Inge Deutschkron
Bücher:
Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern / dtv 1978
Inge Deutschkron: Mein Leben nach dem Überleben / dtv 1995
Inge Deutschkron: Sie blieben im Schatten – Ein Denkmal für ‚stille Helden‘ / Edition Hentrich 1996
Inge Deutschkron: Blindenwerkstatt Otto Weidt – Ein Ort der Menschlichkeit im Dritten Reich / Butzon & Bercker 2008