Oriana Fallaci

Die weltberühmte Journalistin Oriana Fallaci wurde als Schriftstellerin zu einer Ikone der journalistischen Literatur. Ihre Reportagen schilderten präzise die Vorgänge in den Krisenherden aller Welt – in Ungarn, Mexiko, Vietnam, im Nahen und Mittleren Osten sowie in Südamerika. Stets erhellend ihre Interviews durch mutige Fragen an Politiker wie Henry Kissinger, Golda Meir, Willy Brandt, Fidel Castro oder Ayatollah Chomeini – solche Berichte wurden von vielen internationalen Medien gedruckt, auch in Deutschland.

Oriana Fallaci wurde am 29. Juni 1929 in Florenz geboren. Sie wuchs in einer liberal gesinnten Familie auf – ihr Vater war ein entschiedener Gegner Mussolinis. Im Zweiten Weltkrieg half sie ihrem Vater schon als Zehnjährige im Widerstand der Resistenza, verteilte Kassiber und Überlebensmittel, schmuggelte Waffen zu den Partisanen und half Insassen bei ihrer Flucht aus italienischen Konzentrationslagern. Bei der Eroberung von Florenz wurde ihr Vater verhaftet und gefoltert, kam aber wieder frei.

Im Alter von 16 Jahren machte sie ihr Abitur und arbeitete von da an als Reporterin für L’Italia Centrale und andere Lokalblätter in der Toskana. Das war der Beginn ihrer Karriere als Interviewerin und Reporterin. Als Frau damals in einem Männerberuf, die sich niemals abspeisen ließ, die ihre Fragen zwar charmant stellte, aber gegebenenfalls durchaus konfrontativ nachbohrte. Da konnte sie nichts aufhalten.

Als sie 1956 über den Ungarischen Volksaufstand berichtete, wurde sie von der sowjetischen Soldateska festgenommen und unter Druck gesetzt. Aber auch solche Versuche, sie einzuschüchtern, hielten sie nicht davon ab, sich stets vor Ort persönlich zu informieren, um aus erster Hand berichten zu können. 

 

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1963 zog sie nach New York, um mit ihren Berichten nun auch in englischer Sprache mehr Wirkung in der Medienwelt zu erreichen. Was ihr gelang: bald arbeitete sie außer für italienische Blätter wie den Corriere della Sera noch für zahlreiche renommierte internationale Medien, darunter die Times in London, LIFE, Look, die Washington Post, New York Times, STERN und DIE ZEIT oder La Nouvelle Observateur.

Ihre Interviews und Porträts sind Legende: 1968 interviewte sie General Loan, den mächtigen Polizeichef von Saigon, der durch die Erschießung eines gerade festgenommenen vietnamesischen Vietcongs vor der laufenden Kamera eines NBC-Reporters bekannt geworden war. Ihr Bericht darüber erschien am16. August 1968 in DIE ZEIT.

Als Mexiko im Oktober 1968 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, kam es in den Monaten zuvor zu heftigen Studentenunruhen. Die Studenten protestierten gegen den autoritären Trend im Land und forderten mehr Demokratie. Gegen diese Unruhen gingen die Sicherheitskräfte brutal vor. Als dann am Abend des 2. Oktober rund 8.000 Menschen im Stadtteil Tiatelolco erneut friedlich protestierten, kam es zu einem Massaker. Schüsse fielen von allen Seiten auf den Platz, Frauen und Kinder, Alte und Junge brachen zusammen. Auch Oriana Fallaci wurde von drei Kugeln getroffen.

Als Fallacci 1972 den äthiopischen Kaiser Haile Selassie interviewen wollte, bemängelten seine Höflinge, dass sie Hosen trage: „Sagen Sie Seiner Majestät, dass ich entweder in Hosen oder nackt komme.“ Sie kam in Hosen.

Oriana Fallaci brachte Henry Kissinger dazu, im Verlauf ihres Gesprächs einzugestehen, dass der Vietnamkrieg wohl nutzlos gewesen sei. Und zu erzählen, dass er seine Popularität als Politiker dem Umstand verdanke, dass „den Amerikanern der Cowboy gefällt, der die Truppe führt, indem er allein mit einem Pferd voranreitet." Und so sei er gewesen. In seinen Memoiren bezeichnete Kissinger später dieses Pressegespräch als das verheerendste, das er je geführt habe.

1975 berichtete sie in der Wochenzeitschrift L’Europeo, dass der Filmregisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini in Ostia von einer rechtsradikalen Schlägertruppe umgebracht worden sei, weigerte sich aber, den Ermittlern ihren Zeugen zu nennen. Ihr Grund: Quellenschutz. Daraufhin wurde sie zu vier Monaten Haft verurteilt – eine Strafe, die aber später amnestiert wurde.

1979 ließ sich sogar Ayatollah Chomeini von der inzwischen zur Starjournalistin aufgestiegenen Fallaci interviewen. Ein Freund riet ihr, die noch zu erkennenden weiblichen Formen lieber unter einem Schador zu verbergen. So erschien sie dann ziemlich vermummt in Ghom bei dem neuen persischen Machthaber. Sie konfrontierte ihn mit dem Vorwurf, ein Diktator zu sein und mehr als 500 Exekutionen angeordnet zu haben und erwähnte die Diskriminierungen der Frauen im Iran, bezeichnete den Schador als ein absurdes Kleidungsstück. „Das geht Sie gar nichts an“, entrüstete sich Chomeini, „Sie müssen islamische Kleidung ja nicht tragen, denn die sei für junge und anständige Frauen gedacht.“ Fallacis Reaktion: Sie warf das schwarze Laken ab und fragte den Ajatollah, ob er sie nun für ein altes unanständiges Weib halte?

Ihre ungeschminkten und hervorragend formulierten Berichte und Interviews wurden in aller Welt gelesen. Darum stellten sich berühmte Staatslenker, Diktatoren und andere Prominente auch gern ihren Fragen, zu Gesprächen, die für sie nicht selten zu Gratwanderungen wurden. Aus solchen Treffen mit Einblicken in das Zeitgeschehen entstanden mehrere Bücher, von denen einige in 20 Sprachen übersetzt und in 31 Ländern veröffentlicht wurden.

Nach dem Terror-Attentat auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 schrieb sie innerhalb von 14 Tagen das Pamphlet "Die Wut und der Stolz" und polarisierte damit weltweit die öffentliche Meinung. Darin beklagte sie den christlichen Laizismus in Italien gegenüber dem Islamismus, der dort geduldet werde. 2004 legte sie mit dem Buch "Die Kraft der Vernunft" nach, angefüllt mit Aversionen gegen den Islam und mit ihrer Vision, dass Europa auf dem Weg in eine islamische Kolonie sei. Ihr Credo: „Der Islam sät Hass anstelle von Liebe und Sklaverei anstelle von Freiheit.“ Was ihr in Italien einen Prozess wegen Verunglimpfung der islamischen Religion einbrachte. Worüber sie aber nur lachen konnte.

Oriana Fallaci starb am 15. September 2006 im Alter von 77 Jahren, von Krebs gezeichnet, in ihrer Heimatstadt.

(hhb)

 

Quellen

Oriana Fallaci: Mein Treffen mit dem Henker / DIE ZEIT 16.8.1968

Peter Mohr: Immer für einen Skandal gut – zum Tod der italienischen Schriftstellerin und Journalistin Oriana Fallaci / literaturkritik.de im Oktober 2006

Christopher Stolzenberg: Oriana Fallaci gestorben – Leben an vorderster Front / Südd. Zeitung vom 19.5.2010

Edeltraud Rattenhuber: Die zerbrechliche Löwin / Südd. Zeitung vom 1.1.2017

Ulrike Beck: Oriana Fallaci – Kompromisslos, stolz und unbequem / BR Radiowissen 10.10.2023

Interview mit Chomeini in telepolis

 

Bücher:

Oriana Fallaci: Wenn die Sonne stirbt (Interviews mit den ersten Astronauten) / Econ Verlag 1967

Oriana Fallaci: Wir, Engel und Bestien (ihre Erlebnisse als Kriegsreporterin in Vietnam) / dtv Zeitgeschichte

Oriana Fallaci: 80 Tage in der Hölle – als Reporterin im Vietnamkrieg / dtv Zeitgeschichte

Oriana Fallaci: Brief an ein nie geborenes Kind (erschien zur Zeit der Abtreibungsdebatte) / Ebersbach & Simon

Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz / Ullstein Taschenbuch 2004

Oriana Fallaci: Die Kraft der Vernunft / List Taschenbuch 2006

Cristina de Stefano: Oriana Fallaci: Ein Frauenleben / btb Verlag München 2016