Theodor Fontane

Theodor Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin als ältester Sohn einer Hugenotten-Familie geboren. Sein Vater war dort Apotheker. Die ersten sieben Lebensjahre verbrachte er in Neuruppin, bis sein Vater wegen hoher Spielschulden die lukrative Löwen-Apotheke verkaufen musste und dafür in Swinemünde eine kleinere erwarb. Fontane war nur von 1832 bis 1833 Schüler des Neuruppiner Gymnasiums, zog dann zu einem Onkel nach Berlin und besuchte dort eine Gewerbeschule. 1836 begann er eine Ausbildung zum Apotheker.

Schon in jenen Jahren fing er an zu schreiben. Seine erste Novelle ‚Geschwisterliebe‘ veröffentlichte der „Berliner Figaro“ 1839, wie später auch seine ersten Gedichte. Das Schreiben setzte er als Apothekergehilfe in Leipzig und Dresden fort: weitere Gedichte erschienen im „Leipziger Tageblatt“ und in der „Zeitung für die elegante Welt“ sowie ab 1842/43 in „Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt“ sowie in dem von Cotta herausgegebenen „Morgenblatt“.

 

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Ohne jeden Zweifel entstand Fontanes literarisches Werk aus seiner zeitlebens andauernden journalistischen Tätigkeit – so erschienen seine ‚Wanderungen in der Mark Brandenburg‘ oder ‚Irrungen, Wirrungen‘ zuerst als Artikel im Cotta’schen „Morgenblatt“, in der „Kreuzzeitung“ oder in der „Vossischen Zeitung“.

Allerdings veränderte sich seine politische Orientierung im Verlauf seines Lebens. Im Vormärz und besonders 1848 war Fontane aus damaliger Sicht fortschrittlich demokratisch gesinnt: für das Establishment – für das preußische Herrscherhaus und den Adel – sicher sogar revolutionär. Das änderte sich in späteren Jahren.

Als er 1848 als politischer Journalist debütierte, da beobachtete er die Barrikadenkämpfe und veröffentlichte vier Artikel in der „Berliner Zeitungshalle“, einer Publikation des „Centralausschuss der Demokraten Deutschlands“: am 31. August über „Preußens Zukunft“, danach am 13. September „Das preußische Volk und seine Vertreter“, dann am 14. Oktober „Die Teilung Preußens“ und zuletzt am 7. November „Einheit oder Freiheit“. Ende 1848 wurde die „Berliner Zeitungshalle“ verboten.

Ab November 1849 konnte er auf Vermittlung seines Freundes Wilhelm Wolfsohn insgesamt 29 politische Korrespondenzen aus Berlin in der 1845 gegründeten „Dresdner Zeitung“ veröffentlichen, einer Publikation der „Sächsischen Fortschrittspartei“ und ebenfalls demokratisch gesinnt. Ihr Motto: „Des Volkes Wille ist Gesetz“. Hier erschien am 8. Dezember 1849, aus Vorsicht anonym, sein Artikel „Preußen – ein Militär- oder Polizeistaat?“, über die sich abzeichnende Wiederherstellung der früheren absolutistischen Zustände im preußischen Königreich. Diese Zusammenarbeit beendete er im April 1850, weil er es leid war, immer wieder seine Honorare einfordern zu müssen.

Für die ebenfalls in Leipzig erscheinende liberale „Deutsche Allgemeine Zeitung“ lieferte er ebenfalls Korrespondenzen aus Berlin und ging darin auch mit der „Kreuzzeitung“ ins Gericht, die bald neben der „Vossischen“ sein wichtigster Arbeitgeber werden sollte.

Ab 1851 arbeitete er, um seine junge Familie ernähren zu können und in der Hoffnung auf eine künftige Liberalisierung auch in Preußen, in unterschiedlichen Funktionen als Redakteur, Berichterstatter, Vertrauenskorrespondent oder Presseagent für das preußische Innenministerium. Zunächst im „Literarischen Cabinet“ und später in der „Centralstelle für Preßangelegenheiten“, beides Nachfolgeeinrichtungen der einstigen Zensurämter. Dort musste er vor allem Artikel mit patriotischer Gesinnung für verschiedene preußische Lokalzeitungen verfassen. Die Vorzensur war zwar seit 1848 abgeschafft – Pressefreiheit aber bedeutete das keineswegs, denn die preußische Regierung wollte die Kontrolle über die öffentliche Meinungsbildung keineswegs aufgeben, sondern sie jetzt mit subtileren Methoden verfolgen und beeinflussen.

1852 wurde Fontane als Vertrauenskorrespondent für die konservative „Preußische Zeitung“ und „Die Zeit“ nach England geschickt. Und 1855 richtete er dort im Auftrag des preußischen Außenministeriums eine „Deutsch-Englische Pressekorrespondenz“ ein, um Berlin über Berichte zu informieren, die in der englischen Presse über das Land zu lesen waren. Denn im mit der Türkei verbündeten England war man über das sich im russisch-osmanischen Krimkrieg neutral verhaltende preußische Königreich verärgert. Mit dem Ende dieses Kriegs wurde das Amt aufgelöst und Fontane stand mal wieder mit leeren Händen da.

Durch Vermittlung von Freunden wurde er kurz darauf Presseagent an der Preußischen Gesandtschaft in London. Zwischen 1856 und 1859 schickte er regelmäßig Artikel an regierungsnahe Berliner Zeitungen; veröffentlichte aber auch positive Beiträge über Preußen in der „Times“, im „Herold“ oder im „Morning Chronicle“.

Nach der Rückkehr aus England begann er mit seinen „Wanderungen“ und arbeitete primär für die Kreuzzeitung, anfangs als freier Journalist und nach seiner Festanstellung ab Juni 1860 als Feuilletonist, Kritiker und Plauderer über die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Möglichst also als Schilderer und weniger als politischer Kommentator. Aber auch als Kriegsberichterstatter aus dem deutsch-dänischen und dem preußisch-österreichischen Krieg. Seine Festanstellung bei der „Kreuzzeitung“ dauerte bis 1870.

Danach begann seine Zeit bei der „Vossischen Zeitung“. Rund 20 Jahre lang schrieb Fontane Theaterkritiken aus dem Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Außerdem berichtete er von Schauplätzen im deutsch-französischen Krieg. Im Oktober 1870 wurde er in Frankreich gefangengenommen und auf der Île d’Oléron interniert. Wo er aber bereits nach zwei Monaten auf Intervention von Bismarck wieder freikam – auch darüber berichtete er natürlich.

In seinen letzten Lebensjahren entstanden dann die großen Romane, darunter Vor dem Sturm, L’Adultera, Grete Minde, Schach von Wuthenow, Frau Jenny Treibel, Effi Briest und, schon posthum, Der Stechlin.

Theodor Fontane starb am 20. September 1898 in Berlin.

(hhb)

 

Fontane als politischer Journalist

Berühmt geworden ist Fontane vor allem durch sein Alterswerk, durch seine Romane wie Grete Minde, L’Adultera, Schach von Wuthenow, Stine, Frau Jenny Treibel, Effie Briest oder Der Stechlin. Die aber alle erst nach 1880 veröffentlicht wurden.

Sein ganzes Leben lang jedoch hat er als Journalist gearbeitet. Schon während seiner Ausbildung als Apotheker begann er zu schreiben und veröffentlichte seine ersten Gehversuche 1839 im Berliner Figaro: die Novelle Geschwisterliebe sowie einige Gedichte. Als Apothekergehilfe in Sachsen wählte er das Leipziger Tageblatt, die Zeitung für die elegante Welt oder das Cotta’sche Morgenblatt zur Veröffentlichung weiterer Gedichte.

Dann im Vormärz und besonders in den Revolutionsjahren 1848 bis 1850 engagierte er sich als politischer Journalist und berichtete gewissermaßen direkt von den Berliner Barrikaden in der Berliner Zeitungs-Halle, einer Publikation des „Centralausschuss der Demokraten Deutschlands“: am 31. August 1848 über „Preußens Zukunft“, am 13. September über „Das preußische Volk und seine Vertreter“, am 14. Oktober über „Die Teilung Preußens“ und zuletzt am 7. November über „Einheit oder Freiheit“. Ende 1848 wurde die Berliner Zeitungs-Halle im Zuge der reaktionären Kehrtwende von Friedrich Wilhelm IV. wieder verboten.

 

Preußens Zukunft (transkribierter Text des Artikels)

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 200 vom 31. August 1948

Das Preußische Volk und seine Vertreter (transkribierter Text des Artikels)

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 211 vom 13. September 1848

Die Theilung Preußens (transkribierter Text des Artikels)

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 238 vom 14. Oktober 1848

Einheit oder Freiheit? (transkribierter Text des Artikels)

Theodor Fontane in Berliner Zeitungs-Halle Nr. 258 vom 7. November 1848

 

Fontane hat damals die Ansicht vertreten, das Königreich Preußen solle in guter Tradition und auf Basis seiner seit Generationen ausgeübten Rechtsstaatlichkeit mit einer liberaleren Verfassung mehr Demokratie wagen. Um auf diese Weise als Vorbild auch den Deutschen Bund zu reformieren, Zollschranken abzubauen und Pressefreiheit zu garantieren. Skeptisch allerdings beurteilte er zu diesem Zeitpunkt eine konkrete Übernahme von Verantwortung für ganz Deutschland – etwa die Annahme der Kaiserkrone. Ein deutscher Kaiser sollte nicht nur in seinen Augen eine Art ‚Volkskaiser‘ sein; vom Volk erwählt, das darum auch hinter ihm stand. Wozu der regierende Friedrich Wilhelm IV. erkennbar nicht willens war.

Im Verlauf der folgenden Reaktionsära wurde die preußische Nationalversammlung im Dezember 1848 aufgelöst, die Pressefreiheit wieder abgeschafft und im Jahr darauf ein Dreiklassenwahlrecht eingeführt, um so die Vorherrschaft des Adels und dessen Standesrechte abzusichern. Preußen mutierte in dieser Zeit leider zu einem Polizeistaat voller Willkür.

Anders als im Königreich Preußen blieb im Königreich Sachsen die Pressefreiheit auch über das Jahr 1848 hinaus erhalten. Auf Vermittlung seines Freundes Wilhelm Wolfsohn verfasste Fontane als Berichterstatter aus Berlin für die radikaldemokratische Dresdner Zeitung, die der „Sächsischen Fortschrittspartei“ nahestand, zahlreiche politische Korrespondenzen. In dieser Zeitung hatte vor ihm auch Bakunin seine politischen Ansichten veröffentlicht.

Fontane berichtete aus Berlin voller Abscheu über die dort eingeleitete Restauration. Er schildert detailliert den Polizeiterror vor und nach dem Waldeck-Prozeß. An seinen Freund Wolfsohn schreibt er, dass man „an die Stelle eines militärisch organisirten Rechtsstaates das Schreckensregiment polizeilicher Willkür gesetzt habe.“

Benedikt Waldeck war bis zu ihrer Auflösung Vorsitzender der preußischen Nationalversammlung und gehörte zu den Autoren eines Verfassungsentwurfs, der dem König im Juli 1948 vorgelegt worden war. Aber von Friedrich Wilhelm IV. und seinen Anhängern abgelehnt wurde. Im Mai 1849 wurde Waldeck ohne ersichtlichen Grund verhaftet – Beweise für eine angebliche Beteiligung an einer Verschwörung und an einem geplanten Attentat auf den König gab es nicht. Im Prozess berief sich das Gericht auf das in Preußen seit Generationen herrschende Recht. Darum wurde Waldeck nach siebenmonatiger Kerkerhaft folgerichtig freigelassen. Sehr zum Ärger von Karl Ludwig von Hinckeldey, dem Chef der preußischen Geheimpolizei.

Bei der Dresdner Zeitung war man 1850 mit Fontanes Korrespondenzen aus Berlin sehr zufrieden. Nur einen einzigen Artikel – „Preußen – ein Militär- oder Polizeistaat?“ – lehnte man ab; darin beschreibt Fontane seine Sympathien für die Rechts-Traditionen im alten Preußen, das zwar Dünkel und Verstöße gekannt, aber immer auf dem Boden eines Rechtsstaates gehandelt habe. Anders als in der neuen Regierungsform, wo hemmungslose Polizeiknechte das Volk terrorisierten. Aber allein diese Sympathiekundgebung für das alte Preußen war wohl für das antipreußisch eingestellte Gesinnungsblatt in Sachsen nicht akzeptabel. Doch generell schmähen wollte Fontane seine preußische Heimat nun auch nicht.

Hier ein paar typische seiner Schilderungen von Vorfällen im Polizeistaat Preußen, kontrastiert mit Fontanes Erinnerungen an das frühere Preußen, als noch gleiches Recht und gleiche Gesetze für jedermann galten, für den König, den Adel wie für die einfachen Bürger oder Bauern.

Am 3. Dezember 1849 erschien in der Dresdner Zeitung „Waldeck ist frei!“ und am 6. Dezember „Der wiedergeborene Polizeistaat.“ Abgelehnt wurde wie gesagt sein Beitrag vom 8. Dezember „Preußen – ein Militär- oder Polizeistaat“, in dem er das aktuelle preußische Regime mit dem Alten Preußen verglich. Danach am 10. Dezember „Alles still!“ und am 13. Dezember „Die Partei Gerlach“ – mit detaillierten Berichten über die Vorgänge in Berlin und Fontanes Meinung dazu.

Auch viele seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ veröffentlichte er zunächst als Reisereporter und Essayist, als ‚Märkische Bilder‘ in der Neuen Preußischen (Kreuz)Zeitung oder später in der Vossischen.

1864 berichtete er für die Kreuzzeitung aus Schleswig-Holstein über den deutsch-dänischen Krieg und ab 1866 in der Artikelfolge „Reisebriefe vom Kriegsschauplatz“ von den böhmischen Schlachtfeldern über den deutsch-österreichischen (oder deutsch-deutschen) Krieg.

Zu Beginn des deutsch-Französischen Kriegs – Napoleon III. hatte am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt – beschloss er, darüber sein drittes Kriegstagebuch zu verfassen und begab sich am 27. September auf den Schauplatz der Gefechte. Bis Anfang Oktober reiste er über Lunéville nach Nancy, verließ dann aber das vom preußischen Militär kontrollierte Gebiet, um sich Domrémy-la-Pucelle, den Geburtsort von Jeanne d’Arc anzuschauen. Wo er am 5. Oktober von ‚Franctireurs‘ als preußischer Spion verhaftet wurde. Zwar hatte er eine Legitimation als Nichtkämpfer bei sich, aber auch einen Revolver und einen Stockdegen. So wurde er auf der Isle d’Oléron an der Atlantikküste in Haft genommen und auf dem Weg dorthin angeblich sogar mit dem Tod durch Erschießen bedroht. Bismarck selber hatte aber wohl angedroht, ggflls. drei französische Gelehrte hinrichten zu lassen, falls Fontane etwas angetan würde.

Fontane genoss derweilen auf der Insel eine Sonderbehandlung und wurde wie ein ‚Officier supérieur‘ behandelt. Darum konnte er schon dort seine Kriegsberichte weitgehend fertigstellen. Im Dezember 1870 durfte er über die Schweiz nach Deutschland zurückkehren. Und die Vossische Zeitung konnte so bereits zu Weihnachten 1870 mit einem Abdruck einer neuen Artikelserie starten – vom 25.12.1870 bis 26.2.1871. Allerdings hatte Fontane als Militärpublizist später nur noch bedingt Erfolg: seine Kriegstagebücher, an denen er zwölf Jahre gearbeitet hatte, blieben im Buchhandel als ziemlich unverkäuflich liegen. Vielleicht, weil sie keinesfalls die damals gewünschten Heldenepen waren, sondern durch seine breiten Quellenstudien gut recherchierte, wirklichkeitsnahe und objektive Darstellungen der Kriegsereignisse.

Fontanes Ansehen als wichtigster und bekanntester Dichter Preußens war für die Hohenzollernmonarchie ziemlich unerheblich. Wohl wegen seiner permanenten Rundum-Kritik als unabhängiger Journalist am Niedergang preußischer Traditionen, wegen seiner wiederholten Warnungen über den Absolutismus, den sich verschärfenden Militarismus und das um sich greifende Spießbürgertum in der Bismarckzeit.  Alles Gründe genug, um ihm niemals eine Poeten-Pension oder ähnliches zu gewähren.

(hhb)