Die vor Ort recherchierten Reportagen des investigativen Journalisten Fröhder haben Fernsehgeschichte geschrieben. Seine Kriegsberichte vom Einmarsch der Roten Khmer in Kambodscha, vom Golf-Krieg oder dem Irakkrieg der USA – stets berichtete und kommentierte er aus eigener Anschauung vom Ort des Geschehens. Ein unerschrockener Fernsehreporter, der für die ARD zudem viele kritische Features zu Themen wie Justiz, Innere Sicherheit, Nuklearpolitik oder über die Wirtschaft in Deutschland gedreht hat.
Christoph Maria Fröhder wurde am 23. September 1942 in Fulda geboren. Nach der Schulzeit studierte er zunächst in Tübingen, war dann ab 1965 drei Jahre lang landespolitischer Korrespondent im Wiesbadener Hörfunkstudio des HR Hessischen Rundfunks. 1967 begann er ein Fernsehvolontariat beim HR und arbeitete anschließend als freier Journalist, überwiegend als Krisenberichterstatter für die ARD.
Sein erster Auslandseinsatz führte ihn nach Biafra. Danach berichtete er über den Vietnamkrieg und war als einziger Kriegsreporter beim Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh noch persönlich vor Ort.
Fröhder hat alle drei Golfkriege erlebt. 1991 berichtete er aus Bagdad und dann wieder 2003, als die Menschen dort zu Beginn des Irak-Krieges in Strömen aus der Stadt flohen.
Reporter haben beim Besuch solcher Kriegsschauplätze immer wieder mit Geheimhaltung, Verschleierungsversuchen und bewussten Täuschungen durch das Militär zu tun, auf das man vielerorts allerdings angewiesen ist. Das nennt sich dann „embedded journalism“ – Journalisten werden bewusst eingebettet, sprich kontrolliert, um zu verhindern, dass auch Menschenrechtsverletzungen, wie einst in Abu Graib geschehen, von ihnen aufgedeckt und veröffentlicht werden.
In seiner Berichterstattung kam es ihm nie auf Sensationsgeschichten oder spektakuläre Bilder an – Fröhder wollte hinterfragen, die Geschehnisse deuten und Einsichten darüber vermitteln. Ihm lag an reflektiertem Journalismus, ohne Zensur oder Manipulation durch politische Kontrolle.
In seinem Buch „Ein Bild vom Krieg. Meine Tage in Bagdad“ beschreibt er, wie der irakische Informationsminister ihm einst ein Papier mit Hinweisen auf verbotene Drehorte aushändigte, welches er sofort vor den Augen des Ministers zerriss mit dem Hinweis, er dürfe dies nicht akzeptieren, weil ihm sonst in Deutschland wegen des Verstoßes gegen die Pressefreiheit und das Grundgesetz eine hohe Gefängnisstrafe drohe. Seine generelle Erfahrung: „Politische Vorschriften“ würden gerade in Diktaturen verstanden.
Fröhder bezeichnete sich nicht als Kriegsreporter, sondern als Krisenreporter, der vor allem den politischen Grundlagen solcher Auseinandersetzungen auf den Grund gehen wollte. Immer wieder kritisierte er sein redaktionelles Umfeld bei der ARD-Tagesschau oder den Tagesthemen: dort lege man bei der Auswahl zu viel Gewicht auf den „Abenteuerwert“ eines Beitrags und leider oft weniger auf die journalistische Qualität. Außerdem beklagte er die zunehmende sprachliche Verlotterung.
So äußerte er sich etwa 2011 kritisch in der Zeitschrift Message in einem Beitrag zum 50jährigen Bestehen des Politmagazins Panorama darüber, dass im ARD-Senderverbund inzwischen Führungskräfte tätig seien, denen „der Friede mit der Politik wichtiger sei als die brisante Enthüllung.“ Früher habe man kritischere Fragen gestellt, sei auch mal konfrontativ gewesen und dafür schon mal als „Rotfunk“ bezeichnet worden.
Seine Auffassung von Qualitätsjournalismus und sein Urteil über Krisenjournalismus heute erläuterte er im Januar 2019 in einem ► Interview mit Andreas Schwarzkopf in der Frankfurter Rundschau:
Fröhder war einer der Gründer und Förderer des Netzwerks Recherche für investigativen Journalismus und dort von 2001 bis 2009 Vorstandsmitglied.
Seine journalistischen Arbeiten wurden unter anderen mit dem „Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis“, dem „Deutschen Kritikerpreis“ oder dem „Eduard-Rhein-Preis“‘ ausgezeichnet.
Christoph Maria Fröhder starb am 20. September 2024 im Alter von fast 82 Jahren in Frankfurt am Main.
Daniel Depper, der Vorsitzende von Netzwerk Recherche zum Tod von Christoph Fröhder: „Das Netzwerk Recherche und die investigative Recherche wären heute nicht so weit, wie sie es sind, hätte es zu Beginn, vor 25 Jahren, nicht Menschen wie Christoph Maria Fröhder gegeben. Er hat sich über Jahre kritisch und unermüdlich für einen besseren Journalismus und für die investigative Recherche eingesetzt. Er hat den Journalismus in Deutschland besser gemacht. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.“
Und Gabriele Holzner, die Programmdirektorin des HR in einer Pressemitteilung: „Mit Christoph Maria Fröhder verliert die Medienwelt einen streitbaren, aber auch vor allem mutigen und investigativ arbeitenden Kollegen. Seine teils unter Einsatz seines Lebens entstandenen Berichte vom Golfkrieg in den 1990er Jahren oder seine zahlreichen exklusiven Recherchen für die ARD und den Hessischen Rundfunk werden uns in Erinnerung bleiben.“
(hhb)
Quellen
Christoph Maria Fröhder über den Alltag der Kriegsreporter / Berliner Zeitung 16.9.2003
Stefanie Bolzen: Immer getrennt vom Kameramann / DIE WELT am 7.5.2004
Stefan Weichert/Leif Kramp: Die Vorkämpfer – wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten Seite 236 / Leseprobe Halem Verlag Köln
Claudia Tieschky: ARD-Panorama wird 50 – so schön dramatisch / Süddeutsche Zeitung vom 24.5.2011
ARD-Mann Fröhder geißelt Tagesschau und Tagesthemen / SPIEGEL-Kultur 7.2.2015
Reporter Christoph Maria Fröhder gestorben / Hessischer Rundfunk am 23.9.2024
Bücher
Christoph Maria Fröhder: Ein Bild vom Krieg. Meine Tage in Bagdad / Hoffmann und Campe 2003