Erich Fried

Der bedeutende Lyriker, Essayist und politischer Kommentator Erich Fried wandte sich als Poet wie Publizist zeitlebens gegen jegliche Form von Unterdrückung durch Autoritarismus, Faschismus, Rassismus oder Stalinismus. Wie von 1951 bis 1968 bei der BBC in seinem German Service mit unzensierten Informationen für die Bürger im Ostblock.

Erich Fried wurde am 6. Mai 1921 als einziges Kind eines jüdischen Spediteurs in Wien geboren. Sein Vater starb 1938 unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland – durch Misshandlungen der Gestapo.

Bis dahin hatte Erich Fried das Gymnasium Wasagasse in Wien besucht, nun emigrierte er als Siebzehnjähriger sofort nach London.

Dort gründete er die Selbsthilfegruppe „Emigrantenjugend“, die rund 70 NS-Gefährdete, darunter seine Mutter, nach Großbritannien holte und so rettete. In London war er Mitglied im „Freien Deutschen Kulturbund“ sowie in einem kommunistischen Jugendverband – den er allerdings wegen stalinistischer Tendenzen bald wieder verließ. In England verfasste er, der bereits als Fünfjähriger in Wien Kindertheater gespielt hatte, kleine Stücke für das österreichische Exiltheater „Laterndl“ und informierte englische Leser über den österreichischen Widerstand.

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An der "Berliner Begegnung zur Friedensförderung" von Schriftsstellern, Künstlern und Wissenschaftlern aus europäischen Ländern vom 13. bis. 14. Dezember 1981 nahmen Franz Fühmann, Alfred Wellm, Volker Braun und Erich Fried (v.l.n.r.) teil.

Copyright: Bundesarchiv Bild 183-Z1229-303; Foto Gabriele Senft

1944 erschien schon im Exil sein erstes Buch mit Gedichten in deutscher Sprache: „Deutschland – Verse ohne Rachegefühle oder Deutschenhass“. Darin wandte er sich im Gegenteil gegen die Kollektivschuld-These und warb für eine faire Behandlung der deutschen Bevölkerung durch die Siegermächte.

1945 wurde er zunächst Mitarbeiter bei mehreren neu gegründeten Zeitschriften und arbeitete danach von 1951 bis Ende 1968 als politischer Kommentator für den German Service der BBC. Seine Rundfunk-Sendung „Hier ist London“ wurde in der Zeit des Kalten Kriegs zu einer verlässlichen Informationsquelle speziell für die Ostdeutschen. Wolf Biermann lobte Fried dafür in seiner Autobiographie (Seite 152 folg.):

„Mein großer Respekt vor ihm stammt aus den Jahren, in denen er noch Kopf und Herz und Stimme einer täglichen Sendung in deutscher Sprache war, die vom englischen Sender in die DDR und andere Länder hinter dem Eisernen Vorhang ausgestrahlt wurde. Jeden Morgen standen Millionen Menschen im Ostblock früh genug auf, um schnell noch vor der Arbeit diese eine bestimmte Sendung zu hören.“ Und: „Er informierte über Ereignisse in der ganzen Welt. Dabei beeindruckte er mit allen Tugenden einer britisch geschulten Journalistenkultur. Er lieferte vor allem wichtige Wahrheiten über vieles, was in der Sowjetunion und in der DDR los war. Denn was im Osten wirklich passierte, das war im Osten viel schwerer zu erfahren als die willkommenen Katastrophen aus der westlichen Welt.“

1968 gab Fried diese Tätigkeit auf, weil er mit den redaktionellen Vorgaben für die Sendung in Widerspruch geraten war – offenbar verlangte man nun von ihm mehr antikommunistische Propaganda.

Bereits 1963 war er Mitglied der „Gruppe 47“ geworden – für ihn ein Ort, wo er sich zu Hause fühlte und sich vielleicht gerade darum jetzt mehr auf seine dichterische Arbeit konzentrieren wollte. Aber am politischen Diskurs seiner Zeit beteiligte er sich nach wie vor – so Mitte der 1960er Jahre an den Fragen der Studentenbewegung oder der APO Außerparlamentarischen Opposition. Auch zur die SPIEGEL-Affäre hatte er protestiert und im Februar 1972 bezeichnete er in einem Leserbrief an den SPIEGEL die Erschießung des Georg von Rauch aus der „Bewegung 2. Juni“ als „Vorbeugemord“. Was ihm eine Anzeige des West-Berliner Polizeipräsidenten wegen Beleidigung einbrachte. Davon wurde er im Januar 1974 freigesprochen.

Später unterstützte Erich Fried die Friedensbewegung, auch mit seiner politischen Lyrik wie im Gedichtband „Vietnam“. Und begrüßte Gorbatschows Perestroika.

1972 wurde er als erster mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnet; 1986 erhielt er die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte und 1987 den Georg-Büchner-Preis.

Die deutsche Wiedervereinigung konnte er aber nicht mehr erleben, denn Erich Fried war bereits am 22. November 1988 im Alter von nur 67 Jahren in Baden-Baden an Krebs gestorben. Begraben wurde er, der sowohl die österreichische wie britische Staatsangehörigkeit besaß, auf dem Londoner Friedhof Kansal Green.

(hhb)

 

Quellen

Erich Fried / Deutsche Biographie

Bernadette Conrad: Erich Fried – neugieriger als je zuvor / Wiener Zeitung am 2.5.2021 im Austria-Forum

Erich Fried in Deutsche Lyrik

Beatrix Novy: Verzweifelter Humanist zwischen zwei Sprachen / Deutschlandfunk am 6.5.2021

Katrin Krämer: Erich Fried – Mehr als nur „Was es ist“ / NDR am 17.5.2021

Marcel Reich-Ranicki: Ein deutscher Dichter - zum Tod von Erich Fried / Literaturkritik.de

Jürgen Doll: Die Furcht des Flüchtlings vor der Heimkehr – Erich Fried in England / aus Études Germaniques 2008

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Autobiographie / Propylaen 2016