Joseph Görres

Der politische Publizist Joseph Görres war überzeugt, dass Publizität und öffentliche Meinung die wichtigsten Waffen im Kampf um Gerechtigkeit sind und Stützpfeiler für politische Freiheiten. Damit Missstände aufgedeckt und angeprangert werden können, forderte er Pressefreiheit ohne jegliche Zensur.

Johann Joseph Görres wurde am 25. Januar 1776 als Sohn eines Holzhändlers und einer italienischen Mutter in Koblenz geboren. Dort besuchte er das Jesuitengymnasium und begeisterte sich schon als Schüler für die Französische Revolution und demokratische Bewegungen.

Im Alter von 22 Jahren gab er die Zeitschrift Das rote Blatt heraus und feierte darin vor allem die Revolution im Nachbarland Frankreich. Zudem engagierte er sich in einer „cisrhenanischen Bewegung“, die eine eigenständige Rheinische Republik auf der linken Rheinseite unter dem Protektorat Frankreichs forderte. Denn die 1789 proklamierten Menschen- und Bürgerrechte fanden auch jenseits von Frankreichs Grenzen Gehör und Beachtung. Besonders am linken Rheinufer Deutschlands führte das bereits zu Unruhen gegen die dortigen kurfürstlichen, adligen und klerikalen Herrscher des Alten Reiches. Diese Bewegung forderte gemäß der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ politische Freiheit, bürgerliche Gleichheit und die Abschaffung der Privilegien von Adel und Kirche.

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Copyright: Steindruck von Strixner nach der Zeichnung von Peter Cornelius, Sammlung Kippling Leipzig (1932) - Übertragen aus de.wikipedia nach Commons. (Originaltext: Hans Wahl, Anton Kippenberg: Goethe und seine Welt, Insel-Verlag, Leipzig 1932 S.21), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2842930

Aber als Napoleon Bonaparte dann auf zehn Jahre und mit weitreichenden Vollmachten zum Ersten Konsul gewählt wurde, war Görres von dieser revisionistischen Entwicklung enttäuscht. Napoleons aggressive Kriegspolitik mit der Besetzung und Ausbeutung deutscher Länder empörte ihn. Da beendete er sein politisches Engagement, zog sich als gymnasialer Physiklehrer zurück und nutzte diese Zeit, um sich als Autodidakt in den Naturwissenschaften weiterzubilden. Ab Wintersemester 1806/1807 wurde er Privatdozent in Heidelberg, wo er die Romantik und das christliche Mittelalter für sich entdeckte und mit Clemens Brentano und Achim von Arnim die „Teutschen Volksbücher“ veröffentlichte.

Während der Befreiungskriege ab 1813 wurde er wieder politisch aktiv und veröffentlichte zunächst Schriften für eine deutsche Nationalbewegung. Am 23. Januar 1814 erschien dann der von ihm herausgegebene Rheinische Merkur zum ersten Mal, hervorgegangen aus dem Mercure de Rhin der Besatzungszeit und unterstützt von der neuen preußischen Obrigkeit:

„Zu mehr als einer gewöhnlichen Zeitung möchte die neue Redaktion dies Blatt erheben, nach ihrem Wunsche, und wenn die Mitbürger ihren Beistand nicht versagen, soll sie eine Stimme der Völkerschaften diesseits des Rheines werden."

Das Blatt wurde schnell zum meinungsstarken, sehr polemischen Kampfblatt gegen Bonaparte, der den Merkur als „fünfte feindliche Großmacht“ bezeichnete. Und zu einem Sprachrohr für den darin mitarbeitenden Freiherrn von Stein. Nach Napoleons endgültiger Niederlage stellte Görres im Merkur liberale Forderungen und propagierte eine großdeutsche Lösung an Stelle des zersplitterten Alten Reichs.

Schon vor Napoleons Abzug nach Elba legte ihm der Rheinische Merkur in seiner 51. Ausgabe im Jahr 1814 eine „Proklamation an die Völker Europas“ in den Mund – in Wahrheit eine bissige Zustandsbeschreibung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation aus der Sicht von Görres:

„Gegen Teutschland hab ich vor Allem zuerst den Blick gewendet. Ein Volk ohne Vaterland, eine Verfassung ohne Einheit, Fürsten ohne Charakter und Gesinnung, ein Adel ohne Stolz und Kraft, das Alles mußte leichte Beute mir versprechen. Seit Jahrhunderten nicht vertheidigt, und doch in Anspruch nicht genommen; voll Soldaten und ohne Heer, Unterthanen und kein Regiment, so lag es von alter Trägheit einzig nur gehalten. Zwiespalt durfte ich nicht stiften unter ihnen, denn die Einigkeit war aus ihrer Mitte längst gewichen. Nur meine Netze durfte ich stellen, und sie liefen mir wie scheues Wild von selbst hinein. Ihre Ehre hab ich ihnen weggenommen, und der Meinen sind sie darauf treuherzig nachgelaufen. Untereinander haben sie sich erwürgt, und glaubten redlich ihre Pflicht zu thun. Leichtgläubiger ist kein Volk gewesen und thörigt toller kein Anderes auf Erden... Wenn ich dem Wolfe gleich unter sie gekrochen, haben sie wie die Schafe in irgend einen Winkel sich gedrängt, und mit den Füßen stampfend, albern mich angeblasen. Sich selbst und ihrem Blute haben sie entsagt, um zu ihrem Schimpfe mir zuzuhalten. Geglaubt haben sie an mich mit fester Halsstarrigkeit, da doch von Anfang an nichts glaublich an mir gewesen.“

Nach dem endgültigen Sieg über Napoleon forderte Görres eine freiheitliche Verfassung und Pressefreiheit für ein föderalistisches Deutschland. Das ging den deutschen Fürsten dann doch zu weit – denn auf dem Wiener Kongress wurde ja eine Rückkehr zu alten Verhältnissen beschlossen - die Restauration.

Ab Mai 1815 lebte der Rheinische Merkur in ständigem Kampf mit der preußischen Obrigkeit. Am 16. Mai schreibt Staatskanzler von Hardenberg an Görres, dass er den Fortbestand des Merkurs von fünf Punkten abhängig mache: 1. Hat der bittere Ton gegen die Schritte des Wiener Kongresses zu unterbleiben. 2. Sind alle Angriffe gegen einzelne verbündete Regierungen zu verbannen. 3. Darf der jetzige Krieg nicht als ein Krieg gegen das französische Volk, sondern bloß gegen Napoleon geschildert werden. 4. Müssen persönliche Ausfälle unterbleiben. 5. Muß alles vermieden werden, was die Leidenschaften unter den Deutschen gegeneinander aufregen kann. So sind z.B. die fortwährend erneuten Anregungen zu Wiederbelebung der deutschen Kaiserwürde im Hause Österreich, welche dieses Haus selbst nicht will, zu unterlassen.“

Görres antwortete am 10. Juni, „er könne sich in seiner Kritik der Politik nur jene Beschränkungen gefallen lassen, die ihm sein Takt und sein Gewissen auferlegten.“ Am 18. Juli erhielt der inzwischen scharf überwachte Herausgeber eine weitere Verwarnung, dieses Mal direkt vom preußischen König, dem mehrere gegen seine Verbündeten gerichtete Aufsätze missfielen. Erneut machte Görres deutlich, er könne seine Aufgabe nur in seiner Weise und Verantwortung lösen. Als er dann noch die Gewalttaten der Russen bei ihrem Rückmarsch brandmarkte, war das Maß voll. Am 3. Januar 1816 wurde der Rheinische Merkur nach 357 Ausgaben per preußischer Kabinettsorder verboten. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan – und war vor allem mit seiner Kritik an Deutschlands Fürsten über das Ziel hinausgeschossen.

Nach der Veröffentlichung seiner Schrift „Teutschland und die Revolution“ musste er 1819 von Koblenz nach Straßburg fliehen. Wo er sich nun mehr mit religiösen statt liberalen Themen beschäftigte. Was ihm 1827 eine Berufung an die Münchener Universität einbrachte. In München scharte er den „Görres-Kreis“ um sich, eine Gruppe aus dem politischen Katholizismus. Der weiterhin sehr produktive Görres schreibt nun aktiv für Zeitschriften des Katholizismus - in Straßburg für Katholik, in München für die 1828 von ihm gegründete Zeitung Eos und ab 1838 für die Historisch-politischen Blätter. In seinem Buch Athanasius ergreift Görres Position in dem heftigen Kirchenstreit zwischen der preußischen Regierung und dem Kölner Erzbischof. Seine darin enthaltenen Überlegungen wurden zu einem Manifest für den politischen Katholizismus in der deutschen Parteiengeschichte, von der Zentrumspartei bis zu den heutigen christdemokratischen Parteien. Schon damals forderte Görres Geistes- und Gewissensfreiheit, Toleranz sowie ökumenische Gesinnung

Joseph Görres starb am 29. Januar 1848 in München. Wie heißt es über ihn in der Deutschen Biographie: „Ein Mann mit dem Herzen eines Revolutionärs, dem historischen Bewusstsein eines Konservativen, dem Scharfblick des Naturforschers, der Phantasie eines Dichters und der politischen Leidenschaft des geborenen Publizisten.“

(hhb)

 

Quellen

Dr. Monika Fink-Lang: Von der Macht der öffentlichen Meinung - Joseph Görres als politischer Publizist – Vortrag im ifp Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V. am 29.1.2015

Gregor Brand: Joseph Görres – Publizist und Gelehrter aus Müdener Familie – in Eifel Zeitung vom 7.3.2018

 

Bücher

K. Schottenloher/J. Binkowski: Flugblatt und Zeitung, Band 1 – Klinkhardt & Biermann, München 1985

Monika Fink-Lang: Joseph Görres – die Biographie / Verlag Ferdinand Schöningh, 2013