Claus Gatterer

Der aus Südtirol stammende Journalist, Dokumentarfilmer, Historiker und Schriftsteller Claus Gatterer erzielte als Begründer einer transnationalen, also nicht an einer nationalstaatlich fixierten Geschichtsschreibung, in den 60er und 70er Jahren mit seinen mutigen Veröffentlichungen über das Zusammenleben der deutschen, ladinischen und italienischen Volksgruppen in Südtirol eine breite Resonanz in Österreich. Sie changierte bei seinen Lesern zwischen Zustimmung und offener Anfeindung.

Nikolaus Claus Gatterer wurde am 27. März 1924 in Sexten als ältester Sohn in einer Bergbauernfamilie mit neun Kindern geboren. In seinen Kindheits- und Jugendjahren wurde er einerseits durch die familiären Erinnerungen an die Habsburger Kaiserzeit geprägt, andererseits durch das eigene Erleben der faschistischen Italianisierungspolitik im deutschsprachigen Südtirol. Denn seine Familie hatte sich 1939 entschieden, nicht im Zuge des deutsch-italienischen Umsiedlungsabkommen ins Deutsche Reich umzuziehen, sondern lieber als italienische Staatsbürger weiter ihren Hof in Sexten zu bewirtschaften.

So musste der eigentlich deutschsprachige Gatterer die italienische Grundschule in Sexten besuchen und machte anschließend seine Matura am bischöflichen Knabenseminar Vinzentinum in Brixen. Seine Erinnerungen an diese Kindheit voller Umbrüche, vor allem nach der Annexion Südtirols durch Mussolini, beschrieb er in dem Buch „Schöne Welt, böse Leut“.

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Copyright: Gunther Waibl

Nach der Schulzeit studierte Gatterer ab 1943 Geschichte und Philosophie an der Universität in Padua, allerdings ohne Abschluss. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er nach Südtirol zurück und begann als Journalist für den Volksboten und die Dolomiten – Tagblatt der Südtiroler zu arbeiten und sich am Aufbau der Südtiroler Volkspartei SVP zu engagieren.

1948 zog er nach Innsbruck und wurde Redakteur bei den der ÖVP-nahen Tiroler Nachrichten und arbeitete nebenher als Korrespondent für den Münchner Merkur, die Salzburger Nachrichten und die Südtiroler Alpenpost.

In dieser Zeit wurde Gerd Bacher auf Gatterer aufmerksam und empfahl ihm, 1953 zur Redaktion der Salzburger Nachrichten zu wechseln. Nach seiner Heirat 1956 nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft an, übersiedelte nach Wien und wurde 1958 Redaktionsmitglied der Boulevardzeitung Bild-Telegraf. Außerdem begann damals seine Mitarbeit beim von Friedrich Torberg herausgegebenen Kulturmagazin FORVM, wo er bis 1968 die Rubrik „Glossen der Zeit“ betreute.

Bacher holte ihn dann 1958 zum Express, als seinen Stellvertreter in der Chefredaktion. Nächste Station war die Wiener Tageszeitung Die Presse, wo er von 1961 bis 1967 als außenpolitischer Ressortleiter arbeitete, nebenher aber auch weiter Essays und Artikel für DIE ZEIT, Die Furche und Il Mondo sowie außenpolitische Wochenkommentare im ORF veröffentlichen durfte – über die Südtirol-Verhandlungen zwischen Österreich und Italien sowie über andere Minderheitenprobleme, etwa in Kärnten, in der Sowjetunion oder im Libanon. In dieser Zeit gehörte er zum engen Beraterkreis des österreichischen Außenministers und späteren Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Und er hatte begonnen, sich intensiv mit der Geschichte von Südtirol zu beschäftigen sowie mit andernorts erkennbaren Minderheitenproblemen – darüber verfasste er mehrere historische Studien und Bücher sowie einige Dokumentarfilme. Was 1970 dazu führte, dass er zum Professor ernannt wurde.

Ab 1972 begann er als ständiger Mitarbeiter beim ORF. Dort leitete er von 1974 bis 1984 die Magazinsendung „teleobjektiv“ als Chefredakteur und Moderator. Themenschwerpunkte waren sozialkritische Hintergrundberichte über unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen, über Missstände in der Arbeitswelt, schlechte Lebensbedingungen für ethnische Minderheiten und deren gesellschaftliche Ausgrenzung. Und er thematisierte die in seinen Augen unzulängliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Dieser investigative und aufklärerische Journalismus machte ihm viele Feinde, etwa in der FPÖ aber auch in Teilen der Wirtschaft. Darum wurde das TV-Format „teleobjektiv“ 1984 abgesetzt.

Gatterer hatte seine Arbeit immer als Versöhner zwischen den Volksgruppen verstanden. Er warb für angemessene Autonomien in Vielvölkergebieten und verurteilte politische Attentate wie die des Befreiungsausschusses Südtirol. Und er deckte Skandale im Gesundheitswesen und in der Pharmaindustrie auf – was auch zu einer Entfremdung mit dem ORF-Intendanten Bacher führte.

Trotz mancher Kritik erhielt Claus Gatterer viele Preise, darunter 1976 den Preis für Publizistik der Stadt Wien und 1981 den Südtiroler Presse-Preis.

Kurz nach der Absetzung seiner ORF-Sendung im Januar 1984 starb Claus Gatterer am 28. Juni 1984 in Wien und wurde in seinem Heimatdorf Sexten beigesetzt.

Der Österreichische Journalisten-Club stiftete nach seinem Tod den ► „Prof. Claus Gatterer-Preis“, der seit 1986 alle zwei Jahre vergeben wurde für Beiträge „im Geist aufgeklärter Toleranz, mit dem Wissen um die Vergangenheit, der besonderen Sorge um soziale und ethnische Minderheiten und dem Zusammenleben in einer offenen sozialen Gesellschaft.“ 2023 wurde die Marke „Prof. Claus Gatterer Preis“ vom Österreichischen Journalisten-Club an die Michael Gaismair Gesellschaft in Südtirol übergeben.

(hhb)

 

Quellen

Thomas Hanifle: Gatterer, Claus / Deutsche Biographie

Biographie Claus Gatterer / Bibliothek C. Gatterer

Joachim Gatterer: Claus Gatterer / Universität Innsbruck

Martin Hanni: Böse Welt, guter Claus / SALTO Kultur 27.3.2024

Auf Seiten der Schwachen / ff Das Südtiroler Wochenmagazin 28.3.2024

 

Bücher

Claus Gatterer: Schöne Welt, böse Leut / Folio Verlag 1969

Claus Gatterer: Unter seinem Galgen stand Österreich – Cesare Battisti, Porträt eines Hochverräters / Europa Verlag 1967

Claus Gatterer: Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien / 1968

Claus Gatterer: Erbfeindschaft Italien – Österreich / 1972

Claus Gatterer: Aufsätze und Reden / Edition Ratia 1991

Thomas Hanifle: Claus Gatterer – Tagebücher 1974-1984 / Edition Raetia 2005