Bettina Gaus war eine Journalistin mit Durchblick und klarer Sprache. Die Tochter des Publizisten und Diplomaten Günter Gaus hatte ihr Handwerk von der Pike auf gelernt: Studium der Politologie und parallel dazu Journalistenschule, danach ein Praktikum und dann Redakteurin beim Hörfunk und in mehreren Tageszeitungen – die längste Zeit bei der taz. Und zuletzt Kolumnistin beim SPIEGEL. Zudem ein gern gesehener Gast in politischen Fernseh-Talks, wo sie Klartext redete und die Diskussionen mit ihrem enormen Wissen belebte – geschliffen und scharfzüngig, aber auch humorvoll. In Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit allerdings verstand sie keinen Spaß.
Bettina Gaus wurde am 5. Dezember 1956 in München geboren. Nach ihrer Schulzeit besuchte sie in München die Deutsche Journalistenschule und studierte gleichzeitig Politologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. 1979 absolvierte sie ein Praktikum bei der Hamburger Morgenpost und kehrte anschließend nach München zurück als Redakteurin der Münchner Abendzeitung. Von 1983 bis 1989 war sie Politik-Redakteurin für das deutschsprachige Programm der Deutschen Welle.
1989, kurz vor der Wende, verlegte sie ihren Sitz nach Nairobi, wo sie nun mit ihrem kenianischen Ehemann und der gemeinsamen Tochter lebte. Und berichtete, mehr als Afrika-Expertin denn Korrespondentin, kenntnisreich für die taz, für mehrere Sender der ARD und verschiedene Nachrichten-Agenturen. Nicht wie eine angereiste Kriegsberichterstatterin, mehr aus ihrer Kenntnis der besonderen politischen und sozialen Strukturen auf diesem Kontinent. Mit gut recherchierten Berichten setzte sie dabei journalistische Maßstäbe: Etwa nachdem ab 1991 Somalia nach dem Sturz von Siad Barre implodierte und in Folge zu einem „failed state“ wurde. Was die Piraterie an ihren Küsten auslöste. Oder als es in Ruanda 1994 im Verlauf einer Stammesfehde zum Völkermord an den Tutsi durch die Huti kam. Nicht zu vergessen ihre detaillierten Berichte über den unendlichen Bürgerkrieg in Äthiopien.
Bettina Gaus bei Maischberger, 2019
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Nach ihrer Rückkehr aus Afrika im Jahr 1996 leitete sie das Parlamentsbüro der taz zunächst in Bonn, damals noch Hauptstadt – später dann in Berlin, am Sitz der taz. Später als politische Korrespondentin der taz arbeitete sie lieber von ihrem Home Office aus. Dort in Charlottenburg empfing sie Informanten, Freunde und Kollegen. Und vertrat ihre Zeitung öfter als andere Redaktionsmitglieder in Talkshows oder Radiorunden, informierte und diskutierte so unverblümt wie authentisch bei Illner oder Maischberger. Ließ sich auch von anwesenden Politgrößen nicht unterbrechen – erläuterte ihre Sicht auf oft komplizierte Sachverhalte kenntnisreich, klar und deutlich.
Stets setzte sie sich für sozial Benachteiligte ein, kritisierte das häufige Wegschauen deutscher wie europäischer Politiker auf die besorgniserregenden Entwicklungen in Afrika oder Asien. Deckte Verstöße gegen die Menschenrechte auf, machte auf Tendenzen aufmerksam, wo und warum sich demokratische Strukturen hin zu totalitäreren wandelten. Dabei war sie immer eine kritische Beobachterin von Entwicklungen im eigenen Land – etwa in den unterschiedlichen linksgrünen Milieus.
Im April 2021 wurde sie Kolumnistin beim SPIEGEL. Da war sie schon von schwerer Krankheit gezeichnet und starb wenige Monate später am 27. Oktober 2021 in Berlin.
Eine Woche zuvor war ihre letzte Kolumne im SPIEGEL erschienen, in der sie sich, ehrlich wie immer, über eine Unisoni-Verurteilung des gerade gefeuerten BILD-Chefredakteurs Julian Reichelt in den Medien mokierte und bekannte:
„Als junge Frau hatte ich auch einmal eine Affäre mit einem Vorgesetzten, aus der ich allerdings weder beruflichen noch finanziellen Nutzen zog. Ich fand den Mann halt toll, so etwas soll vorkommen. Wenn die Leitung des Hauses, für das wir arbeiteten, uns damals über unser Verhältnis befragt hätte, dann hätten wir uns beide empört diese Einmischung in unser Privatleben verbeten – und die öffentliche Meinung auf unserer Seite gehabt. Der Vorgesetzte war mir gegenüber nicht übergriffig gewesen, schon gar nicht hatte er mich zu irgendetwas gezwungen. Nichts geschah ohne mein Einverständnis.“
So eben war Bettina Gaus: selbstbestimmt, selbstbewusst und unangepasst. Ehrlich sich selbst und der Öffentlichkeit gegenüber. Auch hier wollte sie den Horizont wohl aus eigener Sicht wieder ein wenig geraderücken und den hochkochenden Anschuldigungen aus der Me-Too-Bewegung eigenes Erleben entgegensetzen.
(hhb)
Nachruft in der Süddeutschen Zeitung
Nachruf in Der Spiegel
Nachruf in der taz