Dr. Fritz Gerlich

Fritz Gerlich war Journalist – von 1920 bis 1928 Chefredakteur bei den Münchner Neuesten Nachrichten – dem Vorgängerblatt der heutigen Süddeutschen Zeitung. 1930 kaufte er das Unterhaltungsblatt Illustrierter Sonntag und machte daraus eine Wochenzeitung mit klar antinazistischer Haltung, bei dessen Lektüre Hitler immer wieder Tobsuchtsanfälle bekommen haben soll. Nach massiven Drohungen von rechts suchte er Schutz und Hilfe bei der katholischen Kirche und nannte sein Blatt ab 1932 Der Gerade Weg – Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht. Denn Gerlich hatte viel früher als andere Zeitgenossen erkannt, welche Gefahr von den Nazis ausging. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte er dagegen eher rechte Positionen vertreten – erst angesichts der drohenden Machtergreifung durch Hitler wandelte er sich konsequent vom Saulus zum Paulus.

Geboren wurde er am 15. Februar 1883 als Sohn einer Stettiner Kaufmannsfamilie. Nach seiner Schulzeit studierte er ab 1902 zunächst Mathematik und Physik in Leipzig, wechselte ab 1903 dann nach München, um dort Geschichte und Anthropologie zu studieren. Hier wurde er von seinen Kommilitonen in der Freien Studentenschaft zu deren Vorsitzenden gewählt. Politisch engagierte er sich in dieser Zeit für die Jungliberalen.

1907 promovierte er bei Karl Theodor von Heigel als Jahrgangsbester zum Dr. phil. Und schnitt dabei derartig gut ab, dass der Verdacht geäußert wurde, er habe die Prüfungsthemen vorher gekannt. Empört bot er an, sich erneut mit anderen Themen prüfen zu lassen – und schnitt dabei wieder mit summa cum laude ab. Woraufhin er sofort eine Anstellung als Archivar im Königlich Bayerischen Staatsarchiv bekam.

 

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In diesen Jahren publizierte er antisozialistische und völkisch-deutschkonservative Artikel in den Süddeutschen Monatsheften und später in der von ihm gegründeten Wochenzeitung Die Wirklichkeit. Sowie in den Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland, wegen ihres Umschlags auch als Gelbe Hefte bezeichnet.

Ab 1917 gehörte er zur Deutschen Vaterlandspartei und engagierte sich nach Ende des Ersten Weltkriegs gegen die Münchner Räterepublik. Diese Haltung führte 1920 zu seiner Berufung als Chefredakteur der MNN Münchner Neueste Nachrichten. Die Zeitung war 1920 an neue Gesellschafter aus dem Kreis der Schwerindustrie verkauft worden, die daraus ein Bollwerk gegen Sozialismus und republikanische Politik machen wollten. So blieb der Kurs des Blattes in den 20er Jahren generell katholisch-monarchistisch orientiert. Im Verlauf dieser Zeit versuchte die Verlagsleitung auf Druck der Eigentümer jedoch bald, die MNN auf einen Tolerierungskurs gegenüber der NSDAP zu bringen. Was am Widerstand der Redaktion scheiterte.

Nach dem gescheiterten braunen Umsturzversuch im Münchner Bürgerbräukeller und dem blutig geendeten Marsch auf die Feldherrenhalle hatte das Umdenken bei Gerlich und seinen Redakteuren begonnen. Sie erkannten die sich abzeichnende braune Gefahr und schrieben von nun an fair und wohlwollend über die Weimarer Republik und über Stresemanns Außenpolitik. Was zu immer heftigeren Konflikten mit der Verlagsleitung führte und in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1928 in einen wüsten Streit zwischen Gerlich und einigen Kollegen auf der einen Seite sowie seinen Vorgesetzten auf der anderen ausartete. Gerlich verfolgte den Verlagsdirektor durch die gesamte Redaktion und beschimpfte ihn und den herbeieilenden Seniorchef als „rotierende Arschlöcher“. Er wurde entlassen, und die MNN konnten nun wohlwollender mit den Hakenkreuzlern umgehen.

Mit Hilfe des Fürsten von Waldburg kaufte Gerlich 1930 das bis dahin anspruchslose Unterhaltungsblatt Illustrierter Sonntag und pushte die Auflage mit Preisausschreiben und populären Essays wie „Ist Kommunismus möglich?“ oder „Nacktkultur und gesunde Ehe“ auf über 100.000 verkaufte Exemplare. Er blieb dabei konsequent antinazistisch. Leider wurde das Blatt im gleichen Haus gedruckt wie die Nazi-Pflichtlektüre Völkischer Beobachter, wodurch es auch immer wieder zu Begegnungen zwischen Hitler und Gerlich kam. Als Gerlichs Blatt noch kompromissloser gegen die Nazis argumentierte, musste sich die Druckerei entscheiden. 1932 wechselte Gerlich darum zur katholischen Druckerei Manz und nannte sein Blatt fortan Der Gerade Weg – Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht.

Hier ein paar Aufmacher im Der Gerade Weg – am 14. Februar 1932: „Hetzer, Verbrecher und Geistesverwirrte / Führertum und Presse der Hitlerbewegung.“ Oder am 24. April 1932: „Hitler der Bankrotteur“. Dann am 12. Juni 1932: „Deutsche! Eure Menschenrechte in Gefahr!“ Am 17. Juli 1932: „Hat Hitler Mongolenblut? Eine rassewissenschaftliche Untersuchung über den Erwecker der nordischen Seele“. Am 11. Januar 1933: „Hitler und die ‚Satansbibel‘“. Am 22. Januar 1933: „Hitler Reichskanzler? Bericht über die Gefechtslage“. Am 1. Februar 1933: „Deutschlands Leidensweg. Es bleibt uns nur eines: Die Hoffnung“. Am 5. März 1933, kurz nach dem Reichstagsbrand: „Die Flammenzeichen rauchen!“ Am 8. März 1933 erschien dann die letzte Ausgabe.

 

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Gerlich war, so schrieb Heribert Prantl am 3.12.2017 in der Süddeutschen Zeitung, ein Gewissen in einer Zeit der Gewissenlosigkeit. Die Illusion, Hitler etwa einen Vertrauensvorschuss einzuräumen, hatte Gerlich zu keiner Zeit. So wurde er zum Erzfeind des selbsternannten deutschen Führers. Am 9. März 1933 wurde er in den Redaktionsräumen von einem SA-Trupp misshandelt und anschließend im Münchner Polizeipräsidium gefoltert. Dort sprang ihm etwa ein SA-Mann auf seine Hände, damit er nie wieder schreiben könne. Und auch in der Folgezeit wurde er immer wieder im Polizeigefängnis misshandelt. Fast 16 Monate musste er dort ohne Gerichtsverfahren in sogenannter „Schutzhaft“ verbringen, bis er dann in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 im Rahmen der „Röhm-Affäre“ ins KZ Dachau überführt und dort auf dem Schießstand des Lagers erschossen wurde.

(hhb)