Gerhard E. Gründler war ein vielseitiger deutscher Journalist. In den USA hatte er Journalismus studiert und arbeitete danach als Redakteur für mehrere Zeitungen, war Chefredakteur des Vorwärts, danach mehrere Jahre Stern-Reporter, dann Korrespondent für den WDR und schließlich zehn Jahre Direktor des NDR-Landesfunkhauses in Hamburg.
Gerhard Gründler wurde am 21. März 1930 in Sachsenberg bei Schwerin geboren und wuchs in Ueckermünde auf. Nach der Schulzeit studierte er zunächst Staats- und Rechtswissenschaften an der Universität Kiel und anschließend an der Indiana University in Bloomington/USA noch Journalistik.
Nach seiner 1. Juristischen Staatsprüfung im Jahr 1956 absolvierte er ein Volontariat bei der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung in Kiel. Danach wechselte er von 1958 bis 1963 als Redakteur zur Welt und arbeitete dann von 1963 bis 1971 als Korrespondent für den Stern.
Am 1. September 1971 übernahm der 41jährige Gründler die Chefredaktion des damals dahinsiechenden Vorwärts mit dem Ziel, der ehrwürdigen 1876 gegründeten SPD-Parteizeitung wieder neues Leben einzuhauchen. In seinem ersten Editorial äußerte er sich so: „Was nämlich hätte die SPD von einer Zeitung, die wegen dauernden Nachdenkens über das Wohl der Partei ihr eigenes Wohl vergisst? Der SPD nützt nur ein ‚Vorwärts‘, der interessant ist, der ihr Ehre macht ... die Parteizeitung wird ihrem Auftrag nur gerecht werden, wenn sie das uniformierte Denken überwindet.“
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Genau das hatte Gründler mit dem Parteivorstand verabredet, mit Willy Brandt und dem Vorwärts-Herausgeber Herbert Wehner, beide laut Handbuch des Bundestages von Beruf ja auch Journalisten. Sie hatten Gründler versichert, dass ein Vorwärts, der an langer Leine laufe, ihrer Volkspartei – die bekanntlich „mehr Demokratie wagen wolle“ – gut zu Gesicht stehen würde.
Die Sozialdemokraten hatten da bereits die Regierungsverantwortung in einer sozial-liberalen Koalition zusammen mit der FDP. Ihr Parteiorgan Vorwärts aber hatte gerade mal 67.000 Abonnenten, fast alle Parteimitglieder und unter ihnen kaum Meinungsmultiplikatoren. Zu betulich war ihre Darstellung der Aufbruchspolitik unter Willy Brandt, über die neue Ostpolitik. Gründler wollte keine Hofberichte wie bisher abdrucken, die der Partei seiner Meinung nach mehr geschadet als ihr Ansehen gemehrt hatten.
Nun erschienen im Vorwärts plötzlich auch Artikel über den Filz in manchen SPD-Hochburgen oder über undurchsichtige Geschäfte etwa ihres Fraktionsgeschäftsführers Karl Wienand. Durch solche Kritik auch an anderen Parteigrößen kühlte sich das Verhältnis zur Parteizentrale spürbar ab – an einer derart langen Leine wollte man das Parteiblatt wohl doch nicht laufen lassen. Gründler solle sich vor Kritik an der Partei lieber Rat beim Herausgeber Wehner oder beim Bundesgeschäftsführer Wischnewski einholen. Die Redaktion hatte aber nicht vor, ein rein parteipolitisches Mitteilungsblatt wie der Bayernkurier zu werden – die nun geforderten Verhaltensweisen erinnerten eher an Ostberlin. Der Blattmacher Gründler war bald ziemlich isoliert - nur noch der Ex-Journalist Egon Bahr verteidigte den neuen Kurs.
In Gründlers Verständnis von gutem Journalismus standen solche Forderungen in klarem Widerspruch zur Redaktionsfreiheit. Eine Zensur aus Gründen der Parteiräson müsste kurz über lang zu einem permanenten Kleinkrieg zwischen Redaktion und der SPD-Parteiführung führen. Angesichts des fortgesetzten repressiven Verhaltens aus der Parteizentrale – auch vom früheren Journalisten und amtierenden NRW-Ministerpräsidenten Heinz Kühn: „Wer zahlt, bestimmt die Musik“ – kündigte Gründler und informierte seine Redaktion: „Zur Einschüchterung gehören immer Leute, die verschreckt den Kopf einziehen. Insofern müssen wir Redakteure der Parteizeitung es ein wenig mit jenem alten Mütterchen halten, das wegen Holzdiebstahls vor Gericht steht. Als der Richter der Angeklagten vorschlägt, gegen ein reuevolles Niemals-wieder-Versprechen wolle er ihr die Geldstrafe erlassen, schüttelt sie entrüstet den Kopf und sagt: ‚Nein, nein, Herr Richter, i zahl mei Straf, und klau mei Holz‘.“
Sprach es und ging 1976 als politischer Reporter zurück zum Stern. Von 1979 bis 1981 arbeitete er als Redakteur und Kommentator im Studio Bonn des WDR.
1981 wurde Gerhard Gründler erster Direktor des neu gegründeten NDR Landesfunkhauses in Hamburg. In den mehr als elf Jahren an der Spitze des Landesfunkhauses wurden unter seiner Leitung das Hörfunk- und Fernseh-Landesprogramm des NDR für die Hansestadt entwickelt, also die NDR-Hamburg-Welle (NDR 90,3) und das Hamburg-Journal im NDR-Fernsehen.
Nach seiner Pensionierung zur Jahreswende 1992 blieb Gründler weiter eng mit dem NDR verbunden. „Seine scharfsinnigen Kommentare auf NDR Info ließen immer wieder aufhorchen“, so der NDR-Intendant Lutz Marmor.
Gerhard E. Gründler starb am 24. März 2012 im Alter von 82 Jahren.
(hhb)
Quellen:
SPD-Geschichtswerkstatt: ►Erinnerungen von Gerhard Gründler
►NDR trauert um Gerhard E. Gründler
Die komplizierte Beziehung zwischen SPD und ►vorwärts
►Vorwärts mit dem „Vorwärts“
Bücher:
Das Gericht der Sieger – über den Nürnberger Prozess, zusammen mit Arnim von Manikowsky / 1967 – Stalling-Verlag
Einmal vorwärts und zurück – Zeitungmachen für Genossen / 2002
Bismarck auf Treibjagd - Die missglückte Strafaktion gegen Geffcken und die Deutsche Rundschau / 2009