Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser war auch eine publizistische Institution. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zum Brückenbauer bei der Wiedererrichtung der deutsch-französischen Beziehungen. Als Kolumnist für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften sowie als politischer Kommentator bei mehreren Fernsehsendern in Frankreich und der Bundesrepublik kämpfte er zeitlebens für die deutsch-französische Verständigung und ein vereinigtes Europa. Der streitlustige Publizist setzte sich stets für Meinungsfreiheit ein und kommentierte die aktuellen Vorgänge in aller Welt mit erfrischender Deutlichkeit und einem Quäntchen Humor. Denn für Grosser musste Politik die Bürger herausfordern, sie einbeziehen und mitnehmen.
Alfred Grosser wurde am 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main als Sohn eines Kinderarztes geboren – ein Sozialdemokrat jüdischen Glaubens. Ende 1933 emigrierte die Familie nach Frankreich, wo sie bereits im Oktober 1937 die französische Staatsbürgerschaft erhielt.
Grosser besuchte das Gymnasium in Saint-Germain-en-Laye, floh aber mit der Familie nach dem Einmarsch der Wehrmacht in den zunächst unbesetzten Süden Frankreichs. Von 1942 an studierte er Politikwissenschaft und Germanistik in Aix-en-Provence und nach Kriegsende dann in Paris. Während der deutschen Besatzung hatte er die Résistance unterstützt, weil die Franzosen ihn und seine Familie vorurteilslos akzeptiert und ihnen geholfen hatten. Dennoch blieb Grosser ohne Hass – schon am Tag der Befreiung von Paris wusste er: „Am Morgen war ich sicher, endgültig sicher, dass der Hass auf ein Kollektiv nicht die angemessene Antwort auf einen kollektiven Hass sein konnte.“
1947 besuchte er erstmals seine Heimatstadt Frankfurt. Von 1950 bis 1951 war er stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in der Bundesrepublik. Anschließend arbeitete er als Dozent an der Sorbonne. Ab 1956 wurde er Forschungsdirektor an der von de Gaulle gegründeten Fondation Nationale des Sciences Politiques (FSNP) und Professor am Institut d’études politiques (Sciences Po) in Paris.
Bei der Überreichung des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels an den französischen Politologen Alfred Grosser durch den Vorsteher des Börsenvereins, Rolf Keller, in Anwesenheit von Bundespräsident Walter Scheel in der Paulskirche, Frankfurt.
Copyright: Bundesarchiv B 145 Bild-F046665-0016
Für die katholische Zeitung La Croix schrieb Grosser seit 1955 regelmäßig, später auch als freier Mitarbeiter für das Regionalblatt Ouest-France und andere Medien. Dabei setzte er sich immer für die deutsch-französische Aussöhnung ein, für den Elysee-Vertrag von 1963 und für die Interessen Kontinental-Europas gegenüber den Vereinigten Staaten.
Über seine Sicht diskutierte er gern mit internationalen Kollegen, etwa im „Internationalen Frühschoppen“ der ARD. Bis ins hohe Alter verfasste er politische Essays und Kommentare und gab Interviews – für die Berliner Zeitung, die FAZ, die taz; DIE ZEIT, den SPIEGEL oder stern, um nur einige zu nennen. Und immer wieder verteidigte er den Elysee-Vertrag von 1963 sowie die Interessen der Europäischen Union und von ganz Kontinental-Europa gegenüber den Vereinigten Staaten, China oder Russland.
Grosser wollte durch sein Tun aufklären, so wie er es schon 1975 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels definiert hatte. Denn für ihn gab es keine Wahrheit, sondern nur die Suche nach Wahrheit. Genauso wenig glaubte er an eine absolute Freiheit und Gerechtigkeit, sondern nur an Dinge, die freier und gerechter sind als andere. Auch Friede schlechthin gab es für ihn nicht, denn Frieden sei immer auch das Zufriedengeben des Schwächeren. Für Grosser gab es überhaupt nichts Absolutes, es gab nur das Streben nach dem, was man absolut als Ziel anspricht.
Darum blieb er sein Leben lang hellwach und verfolgte die politischen Entwicklungen kritisch. So kam es zuletzt zur negativen Beurteilung der Regierung Netanjahu in Israel, ihrer Siedlungspolitik und ihrem Umgang mit den Palästinensern.
Allein in Deutschland wurde Grosser vielfach ausgezeichnet: 1975 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und für sein publizistisches Lebenswerk 2013 den Theodor-Wolff-Preis sowie 2014 den Henri-Nannen-Preis.
Frankreich hatte ihn bereits 1991 zum Offizier der Ehrenlegion ernannt, woraus zehn Jahre danach der Großoffizier wurde.
Alfred Grosser starb am 7. Februar 2024 in Paris, nur wenige Tage nach seinem 99. Geburtstag.
(hhb)
Quellen:
Jörg von Uthmann: Richtig denken, das heißt gerecht denken / WELT 1.2.2005
Alfred Grosser: Israels Politik fördert Antisemitismus / STERN 12.10.2007
Alfred Grosser: 60 Jahre Leitkultur der Bundesrepublik / Vorlesung beim Festakt zur Verleihung der Frank-Loeb-Gastprofessur am 23.6.2009
Herzinger: Ist die Meinungsfreiheit für Israelkritiker wirklich bedroht? / WELT 4-11.2010
Ein Fährmann zwischen Deutschland und Frankreich / FAZ 9.2.2024
Bücher:
Alfred Grosser: Verbrechen und Erinnerung, Hanser 1990, dtv 1993
Alfred Grosser: Mein Deutschland, Hoffmann & Campe 1993, dtv 1996
Alfred Grosser: Wie anders sind die Deutschen? C.H.Beck, 2002
Alfred Grosser: Wie anders ist Frankreich? C.H.Beck, 2005
Alfred Grosser: Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel. Rowohlt 2009