In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt Eduard Hanslick als die Koryphäe unter den Musikkritikern. Und dies, obwohl er musikalische Neuerungen nicht nur kritisch, sondern oft äußerst skeptisch beurteilte. Neuere Musik, etwa aus der Liszt-Wagnerschen Schule oder von jungen russischen Komponisten wie Tschaikowski und Rimsky-Korsakow, beurteilte er besonders kritisch. Vielleicht, weil der Zeitgeschmack damals in der Wiener Klassik und in der frühen Romantik verharrte – bei Mozart, Beethoven, Brahms oder Schumann. Immerhin förderte er später auch moderne Komponisten wie Bruckner, Dvorak, Bizet oder Meyerbeer. Wichtigstes Kriterium war für ihn zuvorderst die Melodik in deren Werken.
Hanslick wurde am 11. September 1825 in Prag geboren. Ersten Musikunterricht erhielt er vom Vater, einem Professor an der Prager Universität. Ab 1843 wurde Hanslick dann für knapp vier Jahre Schüler des böhmischen Komponisten und Musiklehrers Wenzel Johann Tomaschek.
Ab 1844 begann Hanslick zunächst ein Jura-Studium in Prag, wechselte zwei Jahre später nach Wien, wo er 1849 promoviert wurde. Und vorübergehend in den Staatsdienst eintrat, obwohl er da schon die Musik für seine eigentliche Berufung hielt.
Eduard Hanslick: Aus meinem Leben, 1894
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Denn in Wien hatte er begonnen, regelmäßig Musikkritiken zu verfassen, zunächst für die Wiener Musikzeitung. Ab 1848 wurde er Mitarbeiter der Wiener Zeitung und war danach von 1853 bis 1864 Musikkritiker für die linksliberale Presse. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1901 schrieb er als Autor der Neuen Freien Presse. In all diesen Jahren war er ein kluger Beobachter des Opern- und Konzertlebens nicht nur in Wien, sondern auch in anderen Teilen Europas. Er blieb dabei immer ein ebenso kühler wie kritischer Berichterstatter.
1854 hatte er seine bekannteste Schrift „Vom Musikalisch-Schönen“ veröffentlicht, mit der er sich an der Wiener Universität als Musikästhetiker habilitierte und einen Lehrauftrag für Geschichte und Ästhetik der Musik als Privatdozent erhalten hatte. Das Buch war als Startschuss einer von ihm geplanten Revision der Musikästhetik gedacht. Er prangerte darin eine „verrottete Gefühlsästhetik“ an und wollte sie durch musikalische Logik ersetzt sehen.
Das brachte ihm einerseits viel Anerkennung, aber auch Ablehnung. Denn bald musste er erkennen, dass die geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Veränderungen natürlich auch Einfluss auf den Musikgeschmack hatten. Darum akzeptierte er schließlich die musikalische Fortentwicklung diesseits der Romantik, betrachtete aber jedes neue Werk kritisch. So schrieb er über Tschaikowskis Violinkonzert einen Verriss, der in den Worten gipfelte, beim Zuhören käme man „auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört?“ Das Violinkonzert ist heute ein Konzert-Hit erster Güte. Das zeigt, dass „Meinungsjournalismus“ Veränderungen vielleicht verzögern, niemals aber verhindern kann.
Auch mit Wagner tat er sich teilweise schwer: zunächst hatte er den Tannhäuser geradezu enthusiastisch gefeiert, nachdem er ihn im Oktober 1845 in Dresden gesehen hatte, wo die Oper allerdings beim Publikum durchgefallen war. Anschließend mokierte er sich über die Kaiserliche Theater-Zensur in Wien, weil sie für Richard Wagner die Türen zur Hofoper nur sehr zögerlich öffnete. Und dann im in ihren Augen „gefährlichen Libretto“ des Tannhäusers merkwürdige Korrekturen verlangte: An der Hofoper durfte weder vom Heiligen Vater noch von Rom die Rede sein. So kam in der ersten Aufführung Heiterkeit auf, als Wolfram den zurückgekehrten Pilger Tannhäuser fragte: „Warst du denn nicht dort?“ und der antwortete: „Schweig‘ mir von dort!“ Auch die Kunstfreiheit musste beharrlich gegen derart aberwitzige Zensurauflagen durchgesetzt werden.
Hanslick hat seine Opernkritiken in neun Bänden zur „Modernen Oper“ zusammengefasst und veröffentlicht. In ihnen spiegelte er deren Entwicklungen und das Opernleben vor allem in Wien.
In den 1880er Jahren wurde Eduard Hanslick weit über Österreichs Grenzen hinaus zu einer Musikkritiker-Legende. In diesen Jahren reiste er nach Kopenhagen, London, Mailand, Neapel, Paris, Rom oder Stockholm und traf dort die Musiker-Elite seiner Zeit: Komponisten, Dirigenten und Virtuosen.
Hanslick nahm teil an der ersten vollständigen Aufführung des Rings der Nibelungen und an der Uraufführung des Parsifal in Bayreuth. Beide Werke hat er aus seiner Sicht kritisiert, offenbar wegen der sich wiederholenden Leitmotive, die er für zu eintönig hielt. Den Holländer, Tannhäuser und auch Teile der Meistersinger hat er dagegen immer gelobt. Wegen seiner zum Teil scharfen Kritiken war Hanslick für Wagner ein Feind, den er 1869 im Nachwort seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ mit gehässiger Polemik überzog.
Eduard Hanslick zog sich 1895 vielfach geehrt in den Ruhestand zurück. Er starb am 6. August 1904 in Baden bei Wien, in jener Kurstadt, in welcher er zuvor wiederholt seine sommerlichen Kuren abgehalten hatte.
(hhb)
Quellen:
11. September 1825 – Eduard Hanslick wird geboren / BR Klassik 11.9.2015
Hanslick, Eduard: Österreichisches Musiklexikon online
Rudolf Bockholdt: Hanslick, Eduard: Deutsche Biographie
Bücher:
Eduard Hanslick: Die moderne Oper
Eduard Hanslick: Musikalische Stationen der modernen Oper / Teil 2
Eduard Hanslick: Aus dem Opernleben der Gegenwart / Moderne Oper Teil 3
Eduard Hanslick: Musikalisches Skizzenbuch / Moderne Oper Teil 4
Eduard Hanslick: Musikalisches und Litterarisches / Moderne Oper Teil 5
Eduard Hanslick: Aus dem Tagebuche eines Musikers / Moderne Oper Teil 6
Eduard Hanslick: Fünf Jahre Musik (1891 – 1895) / Moderne Oper Teil 7
Eduard Hanslick: Am Ende des Jahrhunderts / Moderne Oper Teil 8
Eduard Hanslick: Aus neuer und neuester Zeit / Moderne Oper Teil 9
Eduard Hanslick: Concerte, Componisten und Virtuosen (1870 – 1885)