Rudolf Hirsch wurde 1907 als Sohn eines wohlhabenden Schuhhändlers in Krefeld geboren. Nach dem Besuch eines Realgymnasiums absolvierte er eine kaufmännische Lehre. Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters übernahm er 1928 das väterliche Schuhgeschäft in Krefeld und trat 1931, gebeutelt von der Weltwirtschaftskrise, in die KPD ein. 1933, nachdem das größte und beste Schuhgeschäft in Krefeld zum Schnäppchenpreis zugunsten eines NS-Angehörigen arisiert worden war, emigrierte er nach Holland. Wurde aber von dort nach Belgien abgeschoben.
1934 kehrte er noch einmal nach Berlin zurück, um in der „Gruppe Neu Beginnen“ Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu organisieren. Durch deren streng konspirative Arbeitsweise und ein gut funktionierendes Untergrundnetz konnte diese Gruppe - längere Zeit und in Zusammenarbeit mit gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen - relativ erfolgreich agieren. 1938 verließ Hirsch dann Deutschland erneut. Als Schweden sein Asylgesuch ablehnte, fand er 1939 endgültig Zuflucht in Palästina und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schuhfräser in Tel Aviv. Zusammen mit Arnold Zweig gründete er die dortige Sektion der „Bewegung Freies Deutschland“.
Copyright: ullstein bild - Andree
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er 1949 nach Deutschland zurück und wurde in der DDR bald zu einem populären Gerichtsreporter, obwohl er bis zu seiner Rückkehr nur einen kleinen Kriminalroman verfasst hatte. Die Gerichtssäle betrat er, um weiteres Material für solche Romane zu sammeln. Daraus wurden dann schnell Stories und Reportagen. Zunächst arbeitete er für die Tägliche Rundschau der sowjetischen Besatzungsmacht.
Ab Weihnachten 1953 schrieb er für die Wochenpost jede Woche seine Kolumne „Als Zeuge in dieser Sache“. Darin berichtete er bis 1981 zum Beispiel über die aufsehenerregenden Prozesse gegen nationalsozialistische Verbrecher: über die Ausschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main, den Majdanek-Prozess in Düsseldorf oder den Lischka-Prozess in Köln. Natürlich auch über Gerichtsverfahren in der DDR – dort aber lieber über die Kleinkriminalität, über Diebstahlprozesse in der Provinz. Und niemals über die großen politischen Prozesse, weil dort immer die Stasi Regie führte. Prozesse gegen Republikflüchtlinge wurden ohnehin unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Seine von ihm allein verantwortete Kolumne erschien stets auf der Hälfte der letzten Seite in der Wochenpost.
1.400 Wochen ging Rudolf Hirsch in den verschiedensten Gerichtsgebäuden ein und aus. Und beschrieb in seinen Reportagen klar und deutlich, was er wirklich gesehen und empfunden hatte. Geschichten über kleine und größere Delikte, von armen und reichen Schluckern. Über Schwarzmarktgeschäfte oder Unterschlagungen, seltener über Mord und Totschlag. Immer einfühlsam, mit großer Empathie und ohne jemals ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Nie waren das für ihn nur Fälle, immer ging es ihm um die darin verstrickten Menschen. Er fragte nach den Motiven, wollte die Ursachen kennenlernen, die zu den Straftaten geführt hatten. Er mahnte auch mehr Prävention an in der angeblich so heilen Welt der DDR. Den Zorn Margot Honeckers erregte er zum Beispiel, als er kriminelle Energie und die realsozialistische Heimerziehung in einen Kausalzusammenhang stellte.
Bei seinem vorletzten Fall ging es um einen Mechaniker, der aus alten Trabis und Wartburgs wieder fahrbare Untersätze gemacht hatte und diese an Kunden verkaufte, die nicht jahrelang auf die Zuteilung eines Autos warten wollten. Der Mann wurde verurteilt, weil er sich nur habe bereichern wollen. Als dann überhaupt seine manchmal angemessene Urteilsschelte gerügt wurde und er nicht mehr so kritisch schreiben sollte, hatte er die Nase voll. Da gab Rudolf Hirsch seine Kolumne 1981 auf.
Seine Erlebnisse in Israel beschrieb er in dem 1983 erschienenen Roman „Patria Israel“, in welchem er sich allerdings auch kritisch mit dem Zionismus auseinandersetzte. Er erinnerte etwa an das 1940 von der Hagenah verübte Bombenattentat auf den Dampfer Patria im Hafen von Haifa, durch das 250 jüdische Flüchtlinge ums Leben kamen.
Rudolf Hirsch starb 1998 in Berlin und wurde in Friedrichsfelde beigesetzt.
(hhb)
Jeanette Otto: Chuzpe hieß sein Geheimnis – in DIE ZEIT Nr. 7 vom 5.2.1998
Manfred Jäger: über das Buch Aus einer verlorenen Welt – in Deutschlandfunk am 24.3.2003
Bücher:
Rudolf Hirsch: Ausgesuchte Sündenfälle. Der Reporter als Zeuge in eigener Sache. Verlag Neues Leben Berlin, 1997
Rudolf Hirsch: Um die Endlösung – Prozessberichte; Karl Dietz Verlag Berlin, 2001
Walter Nowojski, Hrsg.: Rudolf Hirsch – Aus einer verlorenen Welt; Verlag Das Neue Berlin, 2003