Werner Holzer

Werner Holzer war knapp 40 Jahre als Journalist für die Frankfurter Rundschau tätig – von 1973 bis 1991 als Nachfolger von Karl Gerold als ihr Chefredakteur. Heribert Prantl bezeichnete Holzer als einen besessenen Reporter, starken Kommentator und so weltgewandten wie liberalen Zeitungsmacher. Als Reporter widmete er sich vor allem der Berichterstattung über die Dritte Welt und aus den USA.

Werner Holzer wurde am 21. Oktober 1926 im pfälzischen Zweibrücken geboren, das in der deutschen Demokratiegeschichte insofern eine Rolle spielte, als dort der „Deutsche Preß- und Vaterlandsverein“ gegründet wurde. Der organisierte 1832 das Hambacher Fest und setzte sich in der Restaurationszeit engagiert für die Erlangung von Pressefreiheit ein. In Zweibrücken besuchte Holzer die Schule, wurde vorm Abitur allerdings von der Wehrmacht eingezogen. Im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer verwundet – sein Überleben verdanke er einem russischen Soldaten, erzählte er später.

Nach dem Krieg legte er seine Abiturprüfung ab und studierte Geschichte, Philosophie und Zeitungswissenschaft in München. Journalistisch begann er beim Mannheimer Morgen zu arbeiten. Schon bald wurde er Chef vom Dienst bei der kulturpolitischen Zeitschrift Der Ruf – Unabhängige Blätter der jungen Generation, die 1946 von den amerikanischen Besatzern zum Zwecke der „Reeducation“ gegründet worden war und zunächst an deutsche Kriegsgefangene verteilt wurde. Und die nach ihrer vorübergehenden Einstellung ab August 1946 wieder bei der Nymphenburger Verlagshandlung in München erschien. Ab 1948 war Holzer neben seinem Studium für die Süddeutsche Zeitung und die Abendzeitung tätig und half von 1950 bis 1953 beim Aufbau eines Artikeldienstes über die USA.

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Copyright: Teutopress/Süddeutsche Zeitung Photo

1953 ging Holzer zur Frankfurter Rundschau und arbeitete dort bis 1964 als Chef vom Dienst. Anschließend war er für die Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und den Tages-Anzeiger in Zürich als Korrespondent tätig und berichtete vor allem aus der Dritten Welt, aus Südostasien und Afrika. In seinen Reportagen analysierte er das immer komplizierter werdende Verhältnis zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern, oft frühere Kolonien. In seinen Berichten über die USA beschäftigte er sich auch mit den anhaltenden Rassenkonflikten dort. Dafür erhielt er 1965 den Theodor-Wolff-Preis und 1968 für seine Reportagen aus Vietnam den Deutschen Journalistenpreis.

1973 holte ihn die Frankfurter Rundschau zurück und machte ihn zum Chefredakteur. Von da an prägte Werner Holzer das Blatt und pflegte dessen linksliberale Grundhaltung. Zusammen mit seinem Team machte er die FR Frankfurter Rundschau zu einem überregionalen Leitmedium mit bundesweitem Gewicht – zu Zeiten von Kaltem Krieg, RAF-Terror, der Nachrüstung, von Glasnost und Mauerfall. Und konnte die Auflage der FR in dieser ihrer damaligen Glanzzeit von 150.000 auf 200.000 Exemplare steigern.

Holzer blieb Chefredakteur bis Ende 1991. Da begann der Ostblock zu zerfallen und die Welt sich neu zu ordnen. Darum setzte er, neugierig wie er war, seine journalistischen Tätigkeiten als Autor, Moderator und Kommentator in Rundfunk und Fernsehen fort. Mit Wibke Bruns moderierte er zum Beispiel 1993 eine Nachrichten-Sendung im gerade gegründeten privaten TV-Sender VOX.

Der folgende Niedergang der FR dürfte ihn, dem alles Seichte immer missfallen hatte, traurig gestimmt haben – die Formatveränderung und das mehr Boulevardhafte, das sich im Blatt breit machte. In einem Gespräch äußerte er sich so: „Was mir sehr am Herzen liegt, ist die Frage der Ethik im Journalismus. Was gehört zu unserer Aufgabe, wo haben wir den normalen Anstand zu wahren? Wo haben wir die Pflicht, dem Leser etwas zu sagen, selbst wenn er es gar nicht gerne hört?"

Holzer vermisste die Nachdenklichkeit im Journalismus, der heute lieber Ausschau hält nach dem nächsten Skandal. Sind wirklich nur noch „only bad news good news?“ – wie sie vor allem von den sozialen Medien oft ohne jegliche Recherche tagtäglich in die Welt hinausposaunt werden?

2015 erhielt Werner Holzer den Ehrenpreis des Hessischen Journalistenpreises, „weil er seit Jahrzehnten wie kaum ein Zweiter für herausragenden Qualitätsjournalismus bürgt und vor diesem Hintergrund dem publizistischen Nachwuchs ein wegweisendes Vorbild ist“.

Werner Holzer starb am 14. November 2016 kurz nach seinem 90. Geburtstag. Er wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.

Seit 2022 wird von der Karl-Gerold-Stiftung und der Frankfurter Rundschau ein „Werner-Holzer-Preis für ausgezeichneten Auslandsjournalismus“ verliehen – für vor Ort recherchierte und überprüfte Erkenntnisse – und nicht für Informationen aus zweiter Hand. Also gegen den zunehmenden Trend, aus Kostengründen die Auslandsberichterstattung zu reduzieren und sie damit in ihrer journalistischen Vielfalt einzuschränken.

 

(hhb)

 

Quellen

Mark vom Hofe: Werner Holzer – Eine Stimme der Dritten Welt / WDR vom 23.10.2011

Heribert Prantl: Werner Holzer – eine Legende / SZ vom 20.10.2016

Früherer Chefredaktor der Frankfurter Rundschau gestorben / NZZ Neue Zürcher Zeitung vom 15.11.2016

Nils Bremer: Werner Holzer ist tot / Journal Frankfurt vom 16.11.2016

Ehemaliger FR-Chef Werner Holzer gestorben / Frankfurter Neue Presse vom 6.11.2018

Claus-Jürgen Göpfert: Werner, Du fehlst / Frankfurter Rundschau vom 9.1.2019