Der einflussreiche Musik-, Theater- und Literaturkritiker Joachim Kaiser war mehr als 50 Jahre leitender Redakteur im Kulturressort der SZ Süddeutsche Zeitung, Dauergast bei der Gruppe 47 und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
Joachim Kaiser wurde am 18. Dezember 1928 als Sohn eines Landarztes und einer Pfarrerstochter in Masuren/Ostpreußen geboren. Schon früh begann er Klavier zu spielen und beteiligte sich an den Hausmusik-Konzerten in seiner Familie. Nach dem 2. Weltkrieg floh die Familie nach Hamburg, wo er am Wilhelm-Gymnasium das Abitur machte. Danach studierte er Musikwissenschaft, Philosophie, Germanistik und Soziologie in Göttingen, Frankfurt und Tübingen.
Seine journalistische Laufbahn begann Joachim Kaiser 1951 als Mitarbeiter der FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Frankfurter Hefte. Sein Bericht über Adornos Buch „Philosophie der Neuen Musik“, welches zu den musiksoziologischen Hauptwerken Adornos gehört und sich mit Schönbergs Zwölftontechnik und Strawinskys musikalischer Regression beschäftigt, machte ihn unter den Feuilletonisten schnell bekannt. Denn das war überhaupt die erste Besprechung dieses Buches – Joachim Kaiser hatte sie als Essay unter dem Titel „Musik und Katastrophe“ im Juni 1951 in den Frankfurter Heften veröffentlicht. Woraufhin Adorno ihn an Alfred Andersch beim Hessischen Rundfunk empfahl. Dort arbeitete er von 1954 bis 1958 als Redakteur, schrieb aber weiter für die Frankfurter Hefte und die FAZ.
Literarisches Gipfeltreffen: Gruppe 47 – sechzig Jahre danach; Günter Grass, Joachim Kaiser und Martin Walser im Gespräch mit Wolfgang Herles; 15. Juni 2007, 20 Uhr auf dem Blauen Sofa im Berliner Ensemble
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1959 wurde er leitender Redakteur im Kulturressort der SZ Süddeutschen Zeitung. Für die SZ arbeitete er länger als ein halbes Jahrhundert und wurde als Publizist und Ironiker deutschlandweit zu einer viel beachteten Figur im öffentlichen Leben. Zusammen mit Marcel Reich-Ranicki gehörte er zu den einflussreichsten Kulturkritikern und Analytikern ihrer Zeit. Beide hatten verschiedene thematische Schwerpunkte, natürlich mit Überschneidungen: Reich-Ranicki die Literatur und das Fernsehen – Joachim Kaiser berichtete über Musik und Theater in der SZ und anderen Print-Medien sowie im Radio.
Der Kulturhistoriker Manuel Brug beschreibt ihn treffend als einen „Meister des gedrechselten, auch umständlichen, aber fein gesponnenen Wortes“ und nannte ihn „ein Florist im Garten der Prosa, mit einer blühenden Gabe der Beschreibung, gleichzeitig aber auch ein treffsicherer Analytiker“. Kaiser war im Ton nie verletzend – also kein Kritiker, der den Verriss liebte. Aber im „Falle eines Falles schreibt er über alles“, wurde über ihn gern ironisch angemerkt. Vor allem die Streiflichter in der SZ enthielten seine ironischen Anmerkungen.
Doch im Feuilleton sollte seiner Meinung nach die klassische Kunst und Kultur im Mittelpunkt stehen und nicht so sehr die Welt und Weltpolitik erklärt werden, nur weil vielleicht – so sein Blick nicht nur auf das Stammtischgebaren gerade in Bayern – politisches Geschehen oft leichter erklärt und gedeutet werden kann als die meisten Kulturereignisse.
Den Weg von seinem Zuhause zum Verlag legte er zumeist mit dem Fahrrad zurück, oft in Gedanken verloren, immer aber langsam dahingleitend. Dennoch wurde er spöttelnd als „Radl-Rambo“ bezeichnet, weil so mancher Kollege sich manchmal nur durch einen schnellen Sprung zur Seite retten konnte, wenn er vom Verlagshof zwar freundlich grüßend radelnd herausschoss.
Von 1977 bis 1996 wirkte Kaiser außerdem als Professor für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart. Und zwischen 1994 und 2007 hielt er mehr als 200 Vorlesungen an der Münchner Volkshochschule.
Joachim Kaiser wurde vielfach ausgezeichnet: 1966 und 2010 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis; 1993 den erstmals verliehenen Ludwig-Börne-Preis; 2001 den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik und 2004 den Julius-Campe-Preis für Kritik. München ehrte ihn mit einem Kulturellen Ehrenpreis und später noch mit der Goldenen Ehrenmünze der Stadt.
2011 erlitt Kaiser einen heftigen Schlaganfall, konnte in Folge nicht mehr schreiben und wurde immer gebrechlicher.
Joachim Kaiser starb am 11. Mai 2017 im Alter von 88 Jahren in München.
(hhb)
Quellen:
Roger Willemsen im Gespräch mit Joachim Kaiser / 3sat
Franz Kotteder: Im Rausch der Erkenntnis / SZ vom 10.5.2010
Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald / Interview mit Kaiser in der SZ Süddeutsche Zeitung vom 11.12.2015
Manuel Brug: Er war der Florist im Garten der Prosa / WELT vom 11.5.2017
Musikkritiker Joachim Kaiser ist gestorben / FAZ vom 11.5.2017
Henriette Kaiser: Leben zwischen Büchern und Noten / SZ vom 18.8.2020
Bücher:
Joachim Kaiser: Große Pianisten unserer Zeit /Piper 1965
Joachim Kaiser: Erlebte Musik band 1 + 2 / Hoffmann und Campe / DTV
Joachim Kaiser: Kaisers Klassik /Schneekluth 1997/1999