Die Lyrikerin Mascha Kaléko wurde in den 1930er Jahren als „weiblicher Ringelnatz“ oder „weiblicher ► Erich Kästner“ bezeichnet. Ihre Alltagslyrik über das Leben einfacher Leute erfreute sich damals großer Beliebtheit und wurde regelmäßig von vielen Berliner Tageszeitungen publiziert – weil es das Lebensgefühl der Berliner auf liebevolle Weise und mit Witz und Selbstironie spiegelte. Auch ihre Kabarettgedichte und Songtexte waren damals sehr populär.
Golda Malka Aufen wurde am 7. Juni 1907 als älteste Tochter ihrer österreichischen Mutter und ihres russischen Vaters in Schidlow-Chydylowe/Westgalizien geboren.
Ich bin als Emigrantenkind geboren
In einer kleinen, klatschbeflissnen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.
Um den Pogromen dort zu entkommen, wanderte die Familie 1914 nach Deutschland aus, wo ihr Vater allerdings wegen seiner russischen Staatsangehörigkeit während des Ersten Weltkriegs interniert wurde.
Mascha, wie sie in der Familie genannt wurde, besuchte in Frankfurt/Main die Volksschule. 1916 zog die Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Marburg an der Lahn. Nach Ende des Ersten Weltkriegs begab sich die Familie zurück nach Berlin und lebte dort im so genannte Scheunenviertel von Berlin-Mitte. Dort besuchte Mascha die Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde bis zur Mittleren Reife im Oktober 1923.
Nach der standesamtlichen Trauung ihrer Eltern im Jahr 1922 nahm sie den Familiennamen ihres Vaters an und hieß jetzt Mascha Engel. 1924 begann sie eine Bürolehre im Arbeiterfürsorgeamt der Jüdischen Gemeinde und belegte parallel dazu Abendkurse in Philosophie und Psychologie an der Lessing-Hochschule und in der Friedrich-Wilhelm-Universität.
1926 lernte Mascha Engel den Journalisten und Philologen Saul Aron Kaléko kennen – 1928 heiraten die beiden. Unter dem Namen Mascha Kaléko veröffentlichte sie erste Gedichte im Querschnitt, in der Unterhaltungsbeilage der Vossischen Zeitung, im Berliner Tageblatt, in der Welt am Montag sowie im Simplicissimus. Besonders gefördert wurde sie damals vom Feuilleton-Chef der Vossischen, von Monty Jacobs. Sie wurde Mitglied im SDS Schutzverband Deutscher Schriftsteller, wo sie Franz Hessel kennenlernte, den Lektor des Rowohlt-Verlags.
1933 erschien ihr erstes Buch „Das lyrische Stenogrammheft“ mit Versen aus dem Alltag – 57 Gedichte, die vorab zumeist schon in den Berliner Tageszeitungen und Magazinen publiziert worden waren. Im Dezember 1934 erschienen weitere 37 Gedichte in ihrem „Kleinen Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes“. Die Tätigkeit als Sekretärin hatte sie da aufgegeben.
1935 wurde sie wegen ihrer jüdischen Herkunft aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot. Ihre Bücher wurden verboten. Sie konnte aber im Ausland weiterhin publizieren, zum Beispiel in der National-Zeitung Basel.
1935 hatte sie den Dirigenten Chemjo Vinaver kennen und lieben gelernt, was 1937 zur Auflösung ihrer Ehe mit Saul Kaléko führte. Im Jahr darauf heirateten Mascha Kaléko und Chemjo Vinaver und emigrierten in die USA. Dort schrieb Mascha Kaléko zunächst Werbetexte und arbeitete als Übersetzerin, veröffentlichte aber weiter regelmäßig Verse in der deutschsprachigen Emigranten-Zeitung Aufbau. 1944 wurde sie Staatsbürgerin der USA. Dort erschien 1945 ihr Gedichtband „Verse für Zeitgenossen“ im Exilverlag Schoenhof.
1949 schlug der Rowohlt-Verlag ihr vor, auch in Deutschland Neuausgaben ihrer Bücher aufzulegen, wozu sie sich aber zunächst nicht durchringen konnte. Erst im Dezember 1955 kehrte sie erstmals als Touristin nach Deutschland zurück, nach München, Hamburg und im Jahr darauf ins geteilte Berlin. Da hatten sich Blätter wie Christ und Welt, DIE ZEIT, die Berliner Morgenpost oder Der Kurier sowie Magazine wie Das Schönste oder Der Monat schon längst wieder an sie erinnert und begonnen, alte und neue Werke von ihr zu veröffentlichen. Auch im Rundfunk, beim RIAS, im Süddeutschen Rundfunk oder im NDR wurde sie wieder häufig zitiert.
Zu einer generellen Rückkehr nach Deutschland konnte sie sich aber nicht entscheiden: „Das wird nie wieder, wie es war.“
Die Neuauflagen ihrer Bücher aber brachen alle Rekorde – das neu aufgelegte „lyrische Stenogrammheft“ verkaufte sich mehr als hunderttausendmal. Denn in ihren satirischen Gedichten schilderte sie mit scharfem Blick das „Milljöh“ der kleinen Leute in den Großstädten, nun auch in Amerika. In dem Gedicht ► „Tausend Jahre“ aber auch ihre Sehnsucht und ihr Heimweh nach Berlin, das sie im zwölf Jahre dauernden Hitler-Regime verlassen musste:
Ich bin, vor jenen 'tausend Jahren',
Viel in der Welt herumgefahren.
Schön war die Fremde, doch Ersatz.
Mein Heimweh hieß Savignyplatz.
1959 siedelte sie sich mit ihrem Mann in Jerusalem an – eine Heimat aber fand Mascha Kaléko auch dort nicht. Ruhelos reiste sie bis an ihr Lebensende durch die Welt, vor allem nachdem ihr Sohn und dann auch ihr Mann gestorben waren. 1974 unternahm sie ihre letzte Europareise und starb am 21. Januar 1975 in Zürich an Magenkrebs. In Zürich wurde sie auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg begraben.
(hhb)
Quellen
Sigrid Bauschinger: Kaléko, Mascha / Deutsche Biographie
Jan Koneffke: Aber warum sind Sie so ernst?/ Neue Zürcher Zeitung
Burkhard Reinartz: Ich möchte in dieser Zeit nicht Gott sein / Deutschlandfunk 29.7.2020
Joachim Dicks: Die Poetin Mascha Kaléko inspiriert noch immer / NDR 21.1.2025
Simone Hamm: „Ich habe mit Engeln und Teufeln gerungen“ / WDR am 8.3.2025
Bücher + Schriften
Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft / Rowohlt-Neuaufl. 1956
Mascha Kaléko: Verse für Zeitgenossen / dtv
Mascha Kaléko: In meinen Träumen läutet es Sturm – Nachlassgedichte /dtv
Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko - Biografie / 2007
Mascha Kaléko: Gesamtausgabe – (sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden) / dtv