Alfred Henschke ist besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Klabund“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er ein viel gelesener Dichter und Schriftsteller und später ein engagierter Pazifist. Wenn er sich aber über die Massenmedien an eine breitere Öffentlichkeit wandte, geriet er schon mal mit der noch rückwärtsgewandten und moralinsauren Obrigkeit in Konflikt. Was ihn aber nicht davon abhielt, das Spießertum zu provozieren und nicht selten zu schockieren.
Alfred Henschke wurde am 4. November 1890 in Crossen nahe Frankfurt/Oder geboren. Er war der Sohn eines Apothekers und erkrankte als 16-Jähriger durch eine verschleppte Erkältung an Tuberkulose, die ihm sein ganzes Leben zu schaffen machte. Nach dem Abitur im Jahr 1909 begann er zunächst ein Studium der Chemie und Pharmazie, wechselte aber bald die Fächer und studierte in München, Berlin und Lausanne Philosophie, Philologie und Theaterwissenschaft.
In München kam er schnell in Kontakt mit der dortigen Künstler-Bohème, mit Frank Wedekind und anderen. Sein Studium brach er 1912 kurz entschlossen ab und begann als freier Schriftsteller vor allem Gedichte zu schreiben. Die er unter dem Pseudonym „Jucundus Fröhlich“ in der Zeitschrift Jugend unterbrachte, aber auch im Simplicissimus oder in Zeitschriften wie Die Rheinlande und Blättern wie die Hallesche Zeitung. Schon 1913 veröffentlichte er seinen ersten Lyrik-Band unter dem Titel „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“ sowie seinen ersten Roman. Da hatte er sein späteres Pseudonym „Klabund“ gefunden, zusammengesetzt aus Klabautermann und Vagabund. So wie er sich angeblich in den Tagen seiner Studentenzeit selber gesehen hatte.
Copyright: Bundesarchiv, Bild 102-06394 / Georg Pahl
1913 bekam er Kontakt zu ► Alfred Kerrs Kunstzeitschrift Pan. Kerr veröffentlichte im Februar 1913 einige seiner Verse – darunter anzüglich-freche Liebesszenen, von dem jungen Talent verfasst in der Manier seines Vorbilds Villon: „Wie schön, nach einer Liebeserfüllung im Bett allein zu sein.“
Die kaiserliche Zensur sah in diesen ► Versen Grund genug einzuschreiten und nach § 184 Anklage wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften gegen Kerr und Henschke zu erheben. Wedekind, vor Gericht als Gutachter zugelassen, bewertete die Stimmung der Verse als geradezu „shakespearisch“ und ihre Form als „meisterhaft“. Klabunds Kommentar über das Gutachten: „Mir sind beim Lesen die Tränen herunter gelaufen, vor Lachen.“
Das Urteil über die Schuldfrage wurde zwischen dem Landgericht und dem Reichsgericht hin und her geschoben. Letztlich wurde Henschke zur Zahlung von 50 Mark verurteilt – aber das Urteil musste schließlich wegen Verjährung wieder aufgehoben werden. Die umfangreiche Berichterstattung über diese Affäre unterstützte seinen frühen Ruhm kräftig. In der Folge konnte er nun seine Gedichte und Feuilletons in immer mehr Medien unterbringen: in der Neue Rundschau, im Brenner oder in der auch von Wedekind herausgegebenen Zeitschrift Komet. Und natürlich weiter in Kerrs Pan.
1914 begrüßte auch er den Ersten Weltkrieg wie viele seiner Zeitgenossen, schreibt „Soldatenlieder“ und „Kriegsgedichte“. Aber diese anfängliche Kriegsbegeisterung wandelte sich in Davos, wo er sich wegen eines Tuberkuloserückfalls einer Kur unterziehen musste, zur krassen Ablehnung von Krieg und Nationalismus. Sicherlich mit ausgelöst durch das Massensterben im Frühjahr 1916 vor Verdun.
So veröffentlichte er am 3. Juni 1917 in der NZZ Neue Zürcher Zeitung einen ► offenen Brief an Kaiser Wilhelm II. und fordert ihn darin zum Rücktritt auf. Natürlich erregte dieser Brief Aufsehen – Beifall und Proteste. Vor allem bei der nationalen Rechten und unter den Monarchisten galt er fortan als Defätist. Klabund wurde für sie zum Gegner, zumal er sich auch noch in der damals schweizerischen Monatszeitschrift Die weißen Blätter mit seinem Gedicht „Bußpredigt“ klar und deutlich zum Pazifismus bekannte.
Auch Teile der deutschen Presse schossen sich mit Hetzartikeln auf Henschke ein, wie die Passauer Donauzeitung mit einem Pamphlet über „Deutsche Drückeberger in der Schweiz“. Außerdem geriet er in die Optik der politischen Polizei und wurde während eines Besuchs in Passau bei der Familie seiner Braut kurzzeitig festgenommen. Im April 1919 kam er in München für 10 Tage in Schutzhaft, weil ihm vorgeworfen wurde, sich an Spartakus-Aufständen beteiligen zu wollen. Was sich als haltlos erwies.
Ende Oktober 1919 zog Henschke nach Berlin. In der folgenden Nachkriegszeit versorgte Klabund dort mehrere Kleinkunstbühnen mit Songs, mit schnoddrigen Texten und Einaktern. Benatzky machte aus seinen Versen Chansons. Blandine Ebinger trug seine „Harfenjule“ im Berliner Kabarett „Schall und Rauch“ vor. Als Hausautor belieferte Klabund auch das „Cabaret Größenwahn“ von Rosa Valetti und Trude Hesterberg.
Diese Jahre zwischen 1920 und 1924 in Berlin gehörten zu seinen produktivsten. Wie im Akkord schrieb er Gedichte und Balladen, das Schauspiel „Der Nachtwandler“, den Band „Kunterbuntergang des Abendlandes“, mehrere Nachdichtungen und Übersetzungen sowie jede Menge Feuilletons. 1925 bearbeitet er – noch vor Brecht - das klassische chinesische Stück „Der Kreidekreis“ fürs Theater, wo es mit mehr als hundert Aufführungen im Deutschen Theater zu Berlin mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle zum Erfolgsstück des Jahres wurde.
1928 erkrankte er in Italien an einer Lungenentzündung und wurde nach Davos gebracht, wo er am 14. August 1928 starb. Seine Urne wurde in seinem Heimatort Crossen beigesetzt. Sein Berliner Arzt und Freund Gottfried Benn erinnerte dabei an Alfred Henschke-Klabund und beendete seine Rede mit diesen Worten:
„Unser Freund hier suchte nach Göttern in allem Ton. Nichts konnte ihn beirren in der Freiheit dieses Drangs. Und wenn ich an seine Urne etwas zu schreiben hätte, wäre es ein Satz aus einem der großen Romane von Joseph Conrad, über die ich oft in der letzten Zeit mit dem Verstorbenen sprach. Ein Wort, das die Verwirrungen des Menschenherzens und der Menschheitsgeschichte raunend erhellt: ‚Dem Traum folgen und nochmals dem Traum folgen und so ewig – usque ad finem.‘ Mit diesem Satz nehme ich Abschied von unserer fünfundzwanzigjährigen Freundschaft und im Raunen dieses Satzes ruhe ewig Klabund.“
(hhb)
Quellen:
Rüdiger Frommholz: Henschke, Alfred (Pseudonym Klabund, Jucundus Fröhlich) / Deutsche Biographie
Hartmut Deckert: Klabund Autobiographie - Ich würde sterben, hätte ich nicht das Wort
Bücher:
Christian von Zimmermann Hrsg.: Klabund – Werke in acht Bänden / Elfenbeinverlag Heidelberg/Berlin 1998-2003
Guido von Kaulla: Brennendes Herz Klabund – Legende und Wirklichkeit / Werner Classen Verlag Zürich 1971
Kurt Wafner: Ich bin Klabund – macht Gebrauch davon! Verlag Edition AV 2003