Der deutsche investigative Journalist, Sachbuchautor, Dokumentarfilmer und Zeithistoriker Ernst Klee wurde er durch seine Recherchen zur Geschichte des Nationalsozialismus und durch die Aufdeckung von bis dato unbekannten Medizinverbrechen bekannt.
Ernst Klee wurde am 15. März 1942 in Frankfurt am Main geboren. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Lehre als Sanitär- und Heizungstechniker und holte während dieser Lehrzeit sein Abitur nach. Anschließend studierte er Theologie und Sozialpädagogik.
Von 1973 bis 1982 hatte er einen Lehrauftrag für Behindertenpädagogik an der Fachhochschule Frankfurt. Parallel dazu befasste er sich als Journalist und Sozialarbeiter unter anderem mit Obdachlosen, Behinderten und Psychiatrie-Patienten. Darüber produzierte er Sozial-Reportagen für den Hessischen Rundfunk und Artikel für DIE ZEIT. 1974 erschien sein „Behinderten-Report“. Durch diese Veröffentlichungen hatte er bei vielen Behinderten die Idee der Emanzipation geweckt und sie ermutigt, mit Stolz und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen.
In jenen Jahren begann er zudem, die Gräueltaten im Dritten Reich an Behinderten zu recherchieren und aufzudecken. Dafür erschloss er bis dahin unbekanntes Archivmaterial zum Thema Euthanasie. 1983 veröffentlichte er sein Buch „Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Dadurch wurde er international bekannt. 1997 folgte „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“, in welchem er die Experimente von Ärzten beschreibt, die damals im Namen der medizinischen Forschung an wehrlosen Menschen vorgenommen wurden. Von denen auch der Forschungsverband „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“ profitiert hatte – der nach 1945 in „Max-Planck-Gesellschaft“ umbenannt worden war. Die dann aber jahrzehntelang zögerte, sich selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und so endlich Licht in das damalige Unrecht zu bringen.
Klee zeigte Zivilcourage, bezeichnete solche Vorgänge als Verbrechen und setzte sich für Wiedergutmachung ein: „Das ist das Minimum, dass wir festhalten, was hier Menschen geschehen ist. Ich will ein Beispiel erzählen: Da sind Häftlinge in Auschwitz, an denen schreckliche Versuche gemacht werden. Ein Teil wird wahnsinnig über den Schmerz. Ein Teil stirbt. Ein Teil überlebt. Und nach sehr vielen Jahren versuchen die, den Täter rauszufinden. Und sie wollen eine Wiedergutmachung. Und dann bekommen sie aus Bonn eine Nachricht, dass diese Versuche, die sie schildern, nach Kenntnis des Ministeriums in Bonn nicht stattgefunden haben. Und dass es sich folglich um eine therapeutische Maßnahme gehandelt haben müsse. Ich erzähle es deshalb, weil ich damals begriffen habe, dass man den Opfern auch noch den Opferstatus genommen hat.“
Sein langjähriger Lektor Walter Pehle beim S. Fischer Verlag beschreibt Ernst Klee als einen von dieser Aufklärungsarbeit geradezu besessenen Autor, der durch halb Europa reiste, um Akten und Dokumente aufzustöbern. Nie aber habe er sich dabei als Wissenschaftler verstanden, sondern eher als investigativer Journalist, der noch immer verdrängte Verbrechen anprangern und eine breite Öffentlichkeit darüber informieren wollte. Dafür spricht auch, dass er zwischen 1974 und 1995 in der Wochenzeitung DIE ZEIT 27 ausführliche Texte allein über die Verbrechen von Ärzten veröffentlicht hat.
Zwischen 1971 und 2003 erschienen in der ZEIT insgesamt ► 182 Artikel und Essays von Ernst Klee. Dazu kommen Fernsehdokumentationen wie „Verspottet“ – über das Leben von Kleinwüchsigen (1980). In der TV-Reportage „Die Hölle von Ueckermünde“ dokumentierte er die desolaten Lebensbedingungen in zwei ostdeutschen Psychiatrien zwei Jahre nach der Wiedervereinigung. „Sichten und vernichten“ handelt von der Psychiatrie im Dritten Reich (1995) und „‚Ärzte ohne Gewissen“ (1996) von den Menschenversuchen im Dritten Reich.
Zeitlebens hat er sich für NS-Opfer, Behinderte und Benachteiligte eingesetzt. Und er hat aufgezeigt, welche Rassenhygieniker des Dritten Reichs nach 1945 ihre Karriere nun als Humangenetiker ungehindert fortsetzen konnten.
1971 erhielt Ernst Klee den „Kurt-Magnus-Preis“ der ARD, einen Hörfunk-Preis zur Förderung des Nachwuchses. 1982 wurde er für seinen Film „Verspottet“ mit einer „Ehrenden Anerkennung des Adolf-Grimme-Preises“ ausgezeichnet. 1997 folgte der „Geschwister-Scholl-Preis“ und seine Heimatstadt Frankfurt verlieh ihm 2001 die Goethe-Plakette.
Besonders gefreut hat es Ernst Klee, dass die Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung in Mettlingen/NRW in „Ernst-Klee-Schule“ umbenannt wurde.
Ernst Klee starb am 18. Mai 2013 am im Alter von 71 Jahren in Frankfurt am Main an Krebs.
Seine Witwe Elke Klee übergab im Januar 2019 den publizistischen und wissenschaftlichen Nachlass ihres verstorbenen Mannes an die Gedenkstätte Hadamar: Aktenordner von nebeneinander 36 Meter Länge und seine Fachbibliothek mit nahezu 1.500 Büchern. In Hadamar wurden während der NS-Zeit etwa 14.500 psychisch Erkrankte und Menschen mit Behinderungen ermordet.
(hhb)
Quellen
Karl-Heinz Janßen: Der Essener Kindermord / DIE ZEIT vom 27.2.1987
Michael Burleigh: Menschen als Versuchskaninchen / DIE ZEIT 22.8.1997
Willi Jasper: Die Gehilfen des Massenmords / DIE ZEIT vom 23.10.2003
Ernst Klee: Heitere Stunden in Auschwitz / DIE ZEIT vom 25.1.2007
Historiker Ernst Klee ist tot / DIE ZEIT vom 1.5.2013
Historiker Ernst Klee ist tot / SPIEGEL vom 18.5.2013
Walter H. Pehle: Ein Historiker mit Mut / DIE ZEIT vom 23.5.2013
Dörte Hinrichs und Hans Rubinich: Schwerpunktthema Ernst Klee / Deutschlandfunk 15.8.2013
Pitt von Bebenburg: Wir brauchen Leute wie Ernst Klee / Frankfurter Rundschau vom 5.1.2019
Bücher
Ernst Klee: Euthanasie im Dritten Reich. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens / S. Fischer Verlag 1983
Ernst Klee, Hrsg.: Dokumente zur Euthanasie / S. Fischer Verlag
Ernst Klee: Was sie taten, was sie wurden – Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord / S. Fischer Verlag
Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer / S, Fischer Verlag 1997
Ernst Klee: Personenlexikon zum Dritten Reich – Wer war was vor und nach 1945 / S. Fischer Verlag
Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich – Karrieren vor und nach 1945 / S. Fischer Verlag
Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe – Wie die Kirchen den Nazis halfen / S. Fischer Verlag