Anton Kuh

Anton Kuh war ein österreichischer Journalist und Essayist. Anregungen für seine Zeitungsartikel und Essays bekam er in den Kaffeehäusern von Prag, Wien oder Berlin, wo er sich täglich umhörte, mit Freunden diskutierte und dem Volk aufs Maul schaute. Er selbst bezeichnete sich als Kaffeehaus-Literat, aus dessen Feder mehr als 1.300 oft bissige Artikel und Glossen für die Medien flossen. Nicht zu vergessen die zahllosen Texte seiner Stegreif-Reden und fürs Kabarett. Kuh war kein „rasender Reporter“ wie Kisch, er war mehr Sprachartist, der seine Leser und Zuhörer immer wieder durch treffsichere Formulierungskünste überraschte.

Anton Kuh wurde am 12. Juli 1890 in eine aus Prag stammende aber in Wien lebende Journalistenfamilie hineingeboren. Schon Vater und Großvater waren journalistisch tätig. Kuh wuchs zusammen mit seinen fünf Geschwistern in Wien auf.

Seinen ersten Artikel veröffentlichte Anton Kuh 1912 im Prager Tagblatt, für das er von da an bis 1937 tätig war. Er verfasste Feuilletons jeglicher Couleur, besonders gern zu typisch österreichischen Thematiken. Von denen er viele in den damaligen Literaten-Cafés wie das Griensteidl, im Central oder Herrenhof aufschnappte. Dort kehrte er Tag für Tag ein, „um über das nachzudenken, was die anderen draußen nicht erleben.“ So entstand über die Jahre sein Mythos als Kaffeehaus-Original, als Anekdotenerzähler und Stegreif-Redner.

Außerdem belieferte er, teilweise unter dem Pseudonym Yorick, mit seinen Glossen, Kritiken, Rezensionen, mit Kurzprosa und Feuilletons Zeitschriften wie Der Friede, Die Schaubühne und später Die Weltbühne, dann Der Querschnitt, Das Tage-Buch oder Morgen. Laut der Universität Wien sollen seine Artikel in rund 60 verschiedenen Medien erschienen sein.

 

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Einen für ihn typischen Witz, über den damals ganz Prag gelacht haben soll, platzierte Kuh als Ankündigung im Veranstaltungskalender des Prager Tagblatts: „Donnerstag, 8 Uhr Abend. Lese- und Redehalle liberaler Studenten. Lichtbildervortrag: Wer schläft mit Fräulein Bunzl? Anschließend Diskussion.“

Besonders gern legte Kuh sich mit Karl Kraus an, der seine Provokationen und Stegreif-Monologe immer wieder harsch in der Fackel kritisiert hatte.

Seine legendäre Retourkutsche war eine gegen Kraus gerichtete Polemik „Der Affe Zarathustras“, die Kuh am 25. Oktober 1925 im Wiener Konzerthaus vor großem Publikum vortrug. Darin kritisierte er die Eitelkeit von Kraus und das realitätsferne apolitische Verhalten seiner Anhänger, der so genannten „Krausianer“. Worauf ein solcher Tumult entstand, dass die Polizei einschreiten musste.

Kuh schrieb allerdings auch für den skandalumwitterten österreichischen Pressezaren Imre Bekessy und dessen Blätter Die Stunde und Die Bühne. Allerdings wohl nur so lange, wie der seriöse Journalist Karl Tschuppik Chefredakteur der Stunde war. Was dennoch dazu beigetragen haben könnte, dass die damalige Literaturszene Anton Kuh lange totgeschwiegen hat.

Ab Mitte der 20er Jahre pendelte Kuh dann weitgehend zwischen Wien und Berlin und wandte sich energisch gegen die aufkommenden austro-faschistischen und nationalsozialistischen Tendenzen in der Politik dieser beiden Länder.

Anton Kuh blieb sein Leben lang Bohemien und Polemiker, aber auch ein sprachgewaltiger Chronist des politischen wie kulturellen Lebens in Wien und Berlin. Tucholsky bezeichnete ihn als „Sprechsteller“, weil er sich mehr und eindringlicher als in seinen schriftlichen Werken als Redner oder Stegreif-Conferencier geäußert hat: scharfzüngig, satirisch und provokant. Sein Motto: „Warum denn seriös, wenn es auch persönlich geht.“

Zwei Wochen vor Hitlers Einmarsch in Österreich hielt er in Wien seine letzte Stegreifrede und fragte sein Publikum: „Sind die Juden intelligent?“ Seine Antwort folgte auf der Stelle: „Wenn ja, rettet euch! Es ist höchste Zeit!“

Kuh verließ Wien Richtung Frankreich, von wo aus er 1939 in die USA emigrierte. Dort veröffentlichte er seine bissigen Kolumnen und Kommentare nun in der Zeitschrift Aufbau. Außerdem begann er wie gewohnt Vorträge zu halten: im März 1940 zum Beispiel über „Die Kunst, Hitler zu überleben.“

Was ihm leider nicht gelang. Nach einem Herzinfarkt starb er am 18. Januar 1941 in New York. Franz Werfel schrieb im Nachruf auf Anton Kuh: „Noch vor wenigen Wochen hörte ich ihn das Wort haben, das Wort halten, nicht vom Wort lassen. Alle hingen an seinem Mund mit der größten Bereitschaft, gefangen zu sein ..."

(hhb)

 

Quellen:

Ulrich Weinzierl: Anton Kuh / in Deutsche Biographie

Anton Kuh in Wien Geschichte

Klaus Podak: Anton Kuh - Der Zerrissene / SZ vom 10.5.2010

Anton Kuh: Bibliographische Grundlagensicherung / Universität Wien

Hildegard Schulte: 18.1.1941 – Todestag des Publizisten Anton Kuh / WDR ZeitZeichen am 17.11.2015

 

Bücher:

Ulrich von Schulenburg: Anton Kuh. Der unsterbliche Österreicher / Löcker

Walter Schübler: Anton Kuh - Werkausgabe in 7 Bänden / Wallstein Verlag 2016

Walter Schübler: Anton Kuh. Biographie / Wallstein Verlag 2018

Oliver Bentz: Anton Kuh. Kaffeehausliterat zwischen Prag, Wien und Berlin. Berlin: Hentrich Hentrich 2017