Leo Lania ist das Pseudonym von Lazar Herman, einem der bedeutendsten investigativen Reporter der 20er Jahre. 1923 verschaffte er sich mit einem gefälschten Empfehlungsschreiben Zugang zum inneren Kreis der NS-Machtelite in München und konnte dort tagelang unerkannt und ungestört recherchieren. In dieser Zeit interviewte er Hitler und warnte dann eindringlich vor ihm. Außerdem prangerte er den weit verbreiteten Waffenschmuggel und die heimliche Aufrüstung der Reichswehr an, worauf er wegen Landesverrats angeklagt wurde. Als Folge verabschiedete der Reichstag 1924 die so genannte „Lex Lania“ zum Schutz journalistischer Quellen.
Lazar Herman wurde am 13. August 1896 in Charkow/Ukraine als Sohn eines jüdischen Chirurgen geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog die Mutter mit ihren beiden Söhnen 1903 nach Wien. Dort besuchte Lazar Herman das Untergymnasium und anschließend die Handelsakademie.
Ab 1915 arbeitete er unter dem Pseudonym Leo Lania für die Wiener Arbeiter-Zeitung und leistete während des Ersten Weltkriegs als staatenloser Offizier Militärdienst, zunächst an der russischen Front und später in Italien. 1919 wurde er Mitglied der KPÖ Kommunistischen Partei Österreichs und Redakteur ihres Parteiorgans Die Rote Fahne. Schon 1921 trat Lania wieder aus der KPÖ aus und ging nach Berlin.
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In Berlin gründete er die intel Internationale Telegraphenagentur als Alternative zu Hugenbergs monopolistischen Nachrichtenagenturen. Die intel musste er aber in der Hyperinflation wieder aufgeben. Im Oktober 1923 gelang ihm als Mitarbeiter des Berliner Büros der Chicago Daily News ein journalistischer Scoop: Mit Hilfe eines gefälschten Empfehlungsschreibens von Benito Mussolinis Bruder Arnaldo verschaffte er sich als angeblich italienischer Faschist Zugang zu Hitler und zur Redaktion des Völkischen Beobachter in München. So konnte er undercover eines der ersten Interviews mit Hitler führen und die Welt in seinem Report „Die Totengräber Deutschlands“ beizeiten vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus warnen.
In einem anderen Artikel – „Gewehre auf Reisen“ – enthüllte er 1924 die heimliche Wiederaufrüstung Deutschlands und deckte dabei die Waffenschiebereien in Europa auf. Was ihm eine Anklage wegen Landesverrats einbrachte. Dagegen setzte sich das Parlament zur Wehr und verabschiedete im Reichstag die „Lex Lania“, mit dem Zeugnisverweigerungsrecht zum Schutz journalistischer Berufsgeheimnisse.
1925 verfasste Lania eine viel beachtete Reportage über den „Hitler-Ludendorff-Prozess“ in München und machte darin deutlich, dass selbst ein Putschversuch gegen die junge Weimarer Republik dem Ruf eines Weltkrieg-Generals nicht schaden konnte.
1926 wurde Lania Redakteur des Börsen-Couriers und arbeitete darüber hinaus als freier Journalist für Zeitschriften wie Die Weltbühne und Das Tagebuch. Außerdem schrieb er Theaterstücke in Zusammenarbeit mit Erwin Piscator, Fritz Kortner und Max Reinhardt und war maßgeblich am Drehbuch für die erste Filmfassung der „Dreigroschenoper“ beteiligt.
Angesichts der drohenden NS-Machtübernahme kehrte er bereits 1932 nach Wien zurück, ging aber schon im Jahr darauf nach Paris als Mitarbeiter der Pariser Tageszeitung. Er war dort zudem für französische und englische Filmproduktionen tätig.
Nach der NS-Machtergreifung 1933 erschien im Völkischen Beobachter die Ankündigung „Der jüdische Krieg beginnt“ – ein hasserfüllter Artikel, in welchem es ausschließlich um Leo Lania ging und um seine Enthüllungen als investigativer Journalist.
Nach dem Kriegsausbruch wurde er zunächst im Lager Audierne interniert, aber bald darauf wegen seines US-Visums wieder freigelassen. Nach der Kapitulation Frankreichs gelang ihm und seiner Familie die Flucht nach Südfrankreich und weiter durch Spanien und Portugal in die USA. Über diese Fluchterlebnisse verfasste er 1941 sein Reportage-Buch „The Darkest Hour“.
Ab 1942 war Lania Mitarbeiter im Office of War Information, eine Regierungsbehörde, die im Inland Informationen über den Kriegsverlauf und an den Fronten Gegenpropaganda zur Untergrabung der gegnerischen Moral verbreitete. Außerdem war er Mitglied des Joint Distribution Committee, welches sich um Flüchtlinge aus Europa kümmerte. In dieser Zeit wurde Lania US-Staatsbürger.
1955 kehrte Lania nach Deutschland zurück und ließ sich in München nieder. 1959 schrieb er als Ghostwriter eine Autobiographie für Willy Brandt. Am 9. November 1961 verstarb er in München nach einem Herzinfarkt und wurde in einem Urnen-Ehrengrab auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf beigesetzt.
(hhb)
Quellen:
Hanno Hardt: Leo Lania - Deutsche Biographie
Kirsten Reimers: Leo Lania – publizistischer Tausendsassa / Deutschlandfunk am 16.4.2018
Der Wallraff der 20er Jahre / taz vom 24.7.2018
Beatrix Novy: Der jüdische Reporter, der sich in den ‚Völkischen Beobachter‘ schleuste / Deutschlandfunk am 9.11.2021
Bücher:
Leo Lania: Land im Zwielicht / Mandelbaum Verlag Wien, 2017
Leo Lania: Der Außenminister (über Masaryk) / Mandelbaumverlag Wien, 2020
Michael Schwaiger: Hinter der Fassade der Wirklichkeit – Leben und Werk von Leo Lania / Mandelbaumverlag Wien 2017