Jürgen Leinemann

Jürgen Leinemann, einer der profiliertesten politischen und vor allem investigativen Journalisten in Deutschland, wurde für den SPIEGEL ab 1971 zum ebenso genauen wie kritischen Beobachter der Spitzenpolitiker in Washington, Bonn oder Berlin. Aus seiner Feder stammen zahlreiche großartig recherchierte und formulierte Geschichten und Politikerporträts.

Jürgen Leinemann wurde am 10. Mai 1937 in Celle geboren und wuchs in Burgdorf bei Hannover auf. Er besuchte in Lehrte das Gymnasium und studierte in Marburg und Göttingen Geschichte, Germanistik und Philosophie.

Danach volontierte er bei der Nachrichtenagentur dpa, wurde dann Redakteur und berichtete ab 1968 als Korrespondent aus Washington vor allem über den Vietnam-Krieg aus amerikanischer Sicht. 1971 wechselte er zum Spiegel, blieb aber in der amerikanischen Hauptstadt und berichtete ab Juni 1972 über die Watergate-Affäre und die dunklen Machenschaften während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Richard Nixon.

 

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1975 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete bis 1989 als Leiter des Bonner Spiegel-Büros. Dort verfasste er seine scharfsinnigen Porträts und Politik-Analysen, nach denen man montags im neuen Spiegel sofort suchte. Seine detailgenauen Beobachtungen aus unmittelbarer Nähe zu den Bonner Politikern, oft amüsant geschrieben, aber nie herabsetzend oder voller Häme. Oder wie seine Kollegin Ulrike Posche anmerkte: „Schonungslos menschenfreundlich!“ Für seinen Bericht über Außenminister Hans-Dietrich Genscher – „Ich muß doch die Sozis bändigen“ – den er im Mai 1982 (Spiegel 22/1982) nur wenige Monate vor dem Ende der sozialliberalen Koalition schrieb, erhielt Leinemann 1982 den Egon-Erwin-Kisch-Preis.

Nach Mauerfall und der Wende zog er 1990 nach Berlin und leitete dort bis 2001 das Ressort Deutsche Politik. Nach 2002 arbeitete er als Autor für den Spiegel im Berliner Büro. Seine Reportagen und Berichte waren immer aus seiner persönlichen Sichtweise geschrieben. Dazu hatte er einst angemerkt: Nie darf ein Zweifel dran bestehen, dass ich als Reporter verantwortlich bin für die Realität, die ich mit meiner Geschichte schaffe. Keinen Augenblick behaupte ich: So ist es. Ich sage nur, so sehe ich es.“ Objektiven Journalismus würde es nicht geben, den anzunehmen sei „naiv und eine heuchlerische Mär“. Seine Berufskollegen mahnte er daher zu mehr Selbstreflektion, denn „redlicher Journalismus sei auch eine Charakterfrage.“

2009 veröffentlichte er sein Buch „Höhenrausch“, in dem er den Realitätsverlust bei Politikern, aber auch bei Journalisten beschrieb. In dem Buch zeigte er auf, dass Politik immer mehr zu einem Geschäft in einer Scheinwelt wird, die vor allem vom Fernsehen geprägt wird. So entsteht seiner Meinung nach Realitätsverlust durch eine für heute typische Sucht nach Anerkennung: „Seit 40 Jahren beobachte ich nun Politiker aus nächster Nähe, sehe, wie die Macht sie verändert, wie sie sich einmauern in Posen von Kompetenz und Zuversicht, während die öffentliche Verachtung wächst.“

Jürgen Leinemann hat sich 36 Jahre mit Politikern, Wirtschaftsbossen aber auch Künstlern beschäftigt, sie begleitet und ihnen zugehört, sie beobachtet, analysiert und oft durchschaut.

Der politische Chronist erhielt neben dem „Kisch-Preis“ 2002 noch den „Siebenpfeiffer-Preis“, wurde 2007 von der Jury des medium magazins zum „Journalisten des Jahres“ erklärt und 2009 mit dem „Henri-Nannen-Preis“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Jürgen Leinemann starb am 10. November 2013 im Alter von 76 Jahren in Berlin an Zungen-Krebs.

(hhb)

 

Quellen:

Alexander Neubacher: Jürgen Leinemann – Der Mann, der die Mächtigen durchschaute / Spiegel 11.11.2013

Jürgen Leinemann ist tot / SPIEGEL 11.11.2013

Werner A. Perger: Jürgen Leinemann – Der Menschenleser / ZEITonline 11.11.2013

Hans Leyendecker: Die Welt als Porträt / Süddeutsche Zeitung 11.11.2013

Helmut Schümann: Zum Tod von Jürgen Leinemann – Der Unbestechliche / Tagesspiegel 11.11.2013

Jochen Hieber: Ein Porträtist der Macht / FAZ 11.11.2013

Jörg Hafkemeyer: Jürgen Leinemann – Chronist unserer Zeit / Vorwärts 11.11.2023

Esteban Engel: Spiegel-Autor Jürgen Leinemann gestorben / Newsroom 11.11.2013

Ulrike Posche: Lebe wohl, weißer Häuptling / STERN 12.11.2015

War früher alles besser? / Medium Magazin 12/2006

 

Bücher:

Jürgen Leinemann: Höhenrausch / Heyne München 2009